Weihnachtseinkäufe in New York – nichts Schöneres als das. Durch die Straßenfluchten wabern die Klänge von Jingle Bells und White Christmas, aus den Gullis quellen in der frostigen Luft wattige Dampfwolken, in der Fifth Avenue füllen die Maroni-Röster die Atmosphäre mit Xmas-Duft. Das Adventsglück wird vollkommen, wenn der Euro bei 1,40 Dollar steht. Dann kostet ein klassisches Button-down-Hemd bei Brooks Brothers 66 Dollar, also ganze 46 Euro, ein Paar Shorts macht 12 Euro, und bei Abercrombie & Fitch geht das neueste Eau de Toilette für Männer zum Preise von 54 Dollar – 39 Euro! – reißend über den Ladentisch.

Nichts Schöneres denn als Weihnachtseinkäufe in New York – wenn man nicht gerade dem Angriff von fünf Millimeter großen Terroristen zum Opfer fällt.

In diesem Jahr nämlich wird die vorweihnachtliche Einkaufsseligkeit durch eine Plage böse beeinträchtigt, die New York seit einiger Zeit heimsucht: eine Invasion von Wanzen, die Manhattan in Angst und Schrecken versetzen wie in den Hollywood-Filmen einst King Kong. Betroffen – Pardon: befallen – waren nicht nur die ärmeren Stadtteile, sondern in letzter Zeit auch das AMC-Empire-25-Kino am Times Square, das noble Waldorf Astoria Hotel, der schicke Nike-Shop an der 57. Straße, mehrere Broadway-Theater, die Staatsanwaltschaft, eine Etage des Wall Street Journal, der Teenager-Laden Hollister, die Kaufhäuser Bloomingdale’s und Macy’s, die Carnegie Hall, sündhaft teure Wohnungen in der Park Avenue und nicht zuletzt das Empire State Building, von dem aus King Kong einst sein Unwesen trieb. Unterwäsche-Läden haben schließen müssen, weil sich das Ungeziefer in Büstenhaltern und Tangas eingenistet hatte. Auch das Hauptquartier der Vereinten Nationen ist von Bettwanzen belagert worden.

Cimex lectularius, um der Wanze die Ehre ihres lateinischen Namens zu geben, ist allgegenwärtig und treibt die New Yorker zur Verzweiflung. Ganz Manhattan juckt es. Die Menschen kratzen sich, leiden an Schlaflosigkeit, schmieren sich kühlendes Gel auf die roten Quaddeln, die der Biss der bedbugs verursacht. Die Kammerjäger haben Hochkonjunktur. Eine mir bekannte Journalistin hat für die Beseitigung der bissigen Blutsauger 2000 Dollar hinlegen müssen, weitere 1000 Dollar für neue Kleidung und neues Bettzeug. Andere Freunde haben bis zu 5000 Dollar für die Ausrottung der Insekten ausgegeben. In der Stadt, die wie keine andere weiß, was Terror heißt, steht der homo sapiens im Abwehrkampf gegen den Frontalangriff des cimex lectularius.

Ich weiß, wovon ich spreche, denn mich haben die Biester bei einem jüngsten Kurzbesuch in New York ebenfalls überfallen. Vier Tage nach meiner Rückkehr fing es bei mir plötzlich an zu jucken, eine rote Pustel-Spur zog sich vom Ellbogen über das linke Schulterblatt und den Nacken bis unter das Kinn. Verzweifelt rubbelte, kratzte und gelte ich. Und machte mir Sorgen, was mich da wohl befallen hatte. Bis mir, als ich zufällig in einer englischen Zeitung einen Artikel über die New Yorker Wanzenplage las, klar wurde, woher die lästigen Quaddeln kamen. Es dauerte über eine Woche, bis sie verschwunden waren.

Daher mein Ratschlag: Wer dieses Jahr in New York Weihnachtseinkäufe tätigen will, sollte seine Reisetermine so legen, dass er zehn Tage vor Heiligabend wieder nach Hause kommt. Damit es Weihnachten nicht mehr juckt ...