Im Glacier-Nationalpark ist die Natur noch kraftvoll und ungezähmt. Sie strahlt eine berückende Schönheit aus: Stürme fegen über den Kamm der Kontinentalen Wasserscheide, während Steinadler unbeirrt ihre Kreise ziehen. An den Hängen krallen sich 200 Jahre alte, krüppelige Bäume fest, kaum groß genug, um ein Dickhornschaf zu verbergen. Wildblumen drängen ungeduldig durch den Schnee, um ihre Farbenpracht zu entfalten.

Die Abendsonne taucht uralte Gletscherfelder in ein gelbes Licht. Wölfe und Schwarzbären ziehen durch eine Landschaft, die wie kaum eine andere jeden zu sich selber finden lässt.

Am besten steigt man die Hänge in den Schussrinnen von Lawinen hinauf. Sie werden bei uns in Montana "Bären-Aufzüge" genannt. Dort, wo der Schnee breite Schneisen geschlagen hat, wächst zunächst nur Gras nach.

Egal, wie heiß oder lang der Sommer auch ist – irgendwo stößt man immer auf den Frühling, sprießen Pflanzen aus dem mit Schmelzwasser gesättigten Boden. Ein reiches Nahrungsangebot, das in den warmen Monaten die Grizzlybären in die höher gelegenen Regionen lockt.

In diesem Grenzgebiet des US-Bundesstaats Montana und Kanadas erstreckt sich über 400 Kilometer eines der schönsten Wildnisgebiete Nordamerikas.

Viele bezeichnen diesen Teil der Rocky Mountains als "Krone des Kontinents". Sein Herzstück ist der gut 4000 Quadratkilometer große Glacier-Nationalpark. Mehr als 3000 Meter hohe Gipfel und 762 Seen prägen diese Landschaft. Manche dieser Gewässer leuchten in einem milchigen Türkis und sind mit Eisschollen übersät, andere haben kristallklares Wasser, so dass man den Grund in 15 Meter Tiefe noch sehen kann.

Einer der größten Seen reicht im Norden in den gut 500 Quadratkilometer großen Nationalpark Waterton Lakes, gleich hinter der Grenze in der kanadischen Provinz Alberta. Beide Schutzgebiete bilden zusammen seit 1932 den weltweit ersten "Internationalen Friedenspark". In den siebziger Jahren bekamen sie zudem das Prädikat "Internationales Biosphärenreservat". 1995 wurde der Waterton-Glacier International Peace Park überdies von der Unesco zum Weltnaturerbe erklärt.

95 Prozent des Glacier-Nationalparks sind Wildnis und werden als solche erhalten. Ein mehr als 1000 Kilometer umfassendes Wegenetz erlaubt es dennoch, auch abgelegene Gebiete zu erkunden.