Frankfurt ist schön, wenn es schneit. Wenn der Schnee die Zweige der Bäume nach unten biegt. Endlich Stille, kaum ein Flieger am Himmel . Doch Spiekermanns aus Mühlheim sehnen sich nach richtigen "unberührten Weiten".

Montagmorgen stand die Familie um 5.30 Uhr auf, um nach Lappland zu fliegen. "Polarlichter sehen", sagt Gregor Spiekermann, "Rentierschlitten fahren", ergänzt seine Tochter. Jetzt stehen sie seit zwei Stunden in der Schlange am Lufthansaschalter um umzubuchen.

Frau Spiekermann klappt die Thermohose am Bund herunter. Darunter trägt sie Jeans. "Wir sind für minus 30 Grad angezogen", sagt sie. Ihr Mann hat kleine Schweißperlenauf den Wangen: "Das ist hier sozusagen das Kontrastprogramm", sagt er freundlich. Seine beiden Kinder tragen Norwegerpullover, turnen auf dem Gepäckwagen herum, wo das Handgepäck liegt. Ihre Koffer hat die Familie schon morgens aufgegeben. "Als wir eingecheckt haben, hat alles prima geklappt". Dass ihr Flug nach Stockholm annulliert wurde, hat sie überrascht. Jetzt sind sie unsicher, ob sie wohl in der richtigen Schlange anstehen. Es warten noch etwa einhundert Reisende vor ihnen. "Hauptsache, die Richtung stimmt", sagt Gregor Spiekermann.

Es ist erstaunlich, wie wenige der Menschen, die hier an den Schaltern anstehen oder sich mit Papieren in der Hand einen Weg durch das Chaos bahnen, wütend oder auch nur genervt aussehen. Sie sind auf dem Weg von Nigeria nach London oder von Athen nach Argentinien und manche haben schon mehrere Nächte auf dem Feldbett in der Abflugshalle oder im Hotel verbracht. Und sie haben keine Ahnung, wie lange sie hier noch bleiben müssen. Müde sehen sie den als Engel verkleideten Animateuren dabei zu, wie diese ihren Kindern Tattoos auf den Arm malen. Ein Mann aus Lagos sagt: "Ich mag Schnee aber keine Betriebsstörung."

Marcel Kling trägt eine Warnweste, auf der Service Guide steht. Eigentlich kalkuliert er für die Lufthansa die Preise, doch heute ist er für den Notdienst eingeteilt, um den Kunden zu helfen. Er beantwortet die immer gleichen Fragen auf Deutsch oder Englisch. Sagt, wer sich wo anstellen soll, verweist auf die Kollegen mit den Snacks und verteilt Zettelchen mit Infos für die, die nicht wissen, wo ihr Gepäck ist und wie sie es wieder zurückbekommen. Nur zum Wetter kann er gar nichts sagen: "Ich stehe seit neun Uhr hier drinnen", sagt er und lacht.

Noch am Samstag musste die Polizei anrücken, weil es in der Schlange an der Gepäckabfertigung zu Handgreiflichkeiten gekommen war . Reisende waren aggressiv geworden, weil sie fürchteten, ihre startenden Flieger zu verpassen. Davon ist heute wenig zu spüren. "Meine Laune wird immer besser", sagt Marian Hackett. Am Freitag hat sie sich in Stockholm auf den Weg nach Adelaide in Australien gemacht. Jetzt sei sie immerhin schon in Frankfurt. Hackett will das Weihnachtsfest mit ihrer Mutter verbringen, die sie seit fast einem Jahr nicht gesehen hat. Gerade wurde sie in die Schlange eingewiesen, in der Familie Spiekermann schon seit zwei Stunden steht. "Da habe ich schon längere gesehen", sagt sie und öffnet ihre Handtasche. Darin sind Brezeln, Saft und Wasser. Sie hat ein bisschen gebunkert, denn was genau kommt, weiß sie nicht. Wenige Minuten später wird sie von einem Service Guide in gelber Weste mit aus der Schlange geholt. "Europe?" Nein, Australien. Ihr Flug sei noch nicht annulliert, sie habe schon eine Bordkarte, sie dürfe direkt zum Boarding, heißt es. Hackett bedankt sich und ist weg, Richtung Gate.

Lucian Matei hatte weniger Glück. Er will nach London, nach Hause. Er hat das Wochenende in Deutschland verbracht, um seiner Familie Weihnachtsgeschenke zu bringen. Schon der Hinflug sei schwierig gewesen, der Zug nach Karlsruhe über zwei Stunden verspätet. Eine Nacht hat er schon unfreiwillig im Hotel verbracht und heute zwei Termine verpasst. Heute Morgen stand er dann vier Stunden lang in der Schlange am Lufthansaschalter. Aber die Umbuchung mit British Airways hat auch nicht geklappt. "Es ist wie in einem Katastrophenfilm", sagt er. Dass er die Reise angetreten hat, bereut er trotzdem nicht.

Jetzt will er es mit dem Zug versuchen. "Bei der Bahn muss man ja nur einen Wagon anhängen." Doch der Mann hinter dem Schalter hat keine guten Nachrichten: Die Züge nach London sind alle voll. Schon am Sonntag hatte die Bahn Reisenden wegen Verzögerungen und Ausfällen davon abgeraten, mit dem Zug zu fahren. Matei soll es im Reisezentrum der Bahn versuchen. "Ab Freitag sind wieder Plätze frei", sagt die Mitarbeiterin dort. Lucian Matei solle lieber nach Calais reisen, um von dort die Fähre zu nehmen. Das ginge aber erst am nächsten Morgen. Und ob und wann Fähren fahren würden, könne man ihm hier nicht sagen – es gäbe keinen Internetzugang.

Nachdenklich verlässt Matei das Reisezentrum, aber er hat schon den nächsten Plan. Er wird jetzt versuchen, ein Ladegerät für seinen Blackberry zu kaufen, damit er ihn aufladen kann. Dann wird er schon herausfinden, wie er hier wegkommt. Vor Weihnachten will er immerhin zuhause sein.