Als sich die Transeuropa durch Travemünde Richtung Meer schiebt, scheinen die erleuchteten Häuser am Hafen wie kleine Weihnachtsbuden in der Nacht. Rechts liegt der Viermaster Passat am Kai, links ragt das Maritimhotel höher als die Häuser, höher als jedes Schiff auf, ein einsamer großer Zahn am Rande der Stadt. Auf Deck 5 der Transeuropa stehen einige Männer, einer trotzt mit nackter Brust der Kälte, sie rauchen und sprechen russisch. Die Transeuropa ist unterwegs nach St. Petersburg, an Bord sind 3,2 Kilometer LKW samt Fahrern, die Crew – und einige Passagiere.

Für normal buchende Gäste ist die Passage auf einem Frachtschiff ein Abenteuer; für die LKW-Fahrer und die Crew ist die Fahrt auf der Meeresautobahn Berufsalltag. Die Ostsee ist eines der am meisten befahrenen Gewässer, eine Autobahn für Schiffe, Menschen und Waren. Die Transeuropa ist ein globalisiertes Schiff auf einer transeuropäische Route: Gebaut 1995 in Gdansk, Polen, gehört sie der finnischen Reederei Finnlines, deren Aktien mehrheitlich im Besitz der italienischen Firma Grimaldi sind. Die Transeuropa und ihr Schwesterschiff Transrussia fahren unter deutscher Flagge – je einmal pro Woche von Lübeck über Sassnitz auf Rügen und Ventspils in Lettland nach St. Petersburg, zweieinhalb Tage hin, zweieinhalb Tage zurück. Auch die Waren sind globalisiert: Medizin, Kunst, Werkzeug, Neuwagen, Parfüm, Baumaschinen, Mähdrescher bringen die Lastwagen nach Russland, auch Kohl und Kartoffeln, seit die Landwirtschaft zusammengebrochen ist. Einmal wurde ein russischer Zirkus befördert, samt Pferden. Diesmal ist nicht mal ein Hund an Bord, der die bereit gestellte Sandkiste als Miniauslauf nutzen könnte.

Wie das LKW-Fahren ist auch die Seefahrt ein Männerberuf. Doch auf der Brücke steht eine junge Frau und blickt durch ihr Fernglas: die Nautik-Studentin Larissa Buck. "Das Meer ist mein Zuhause", sagt sie. Ihr Vater fuhr zur See, sie selbst segelt, seitdem sie zehn Jahre alt wurde. Mit 19 Jahren ging sie das erste Mal an Bord, auf einem Containerschiff in Thailand. Jetzt absolviert die 25-Jährige Studentin auf der Transeuropa ein Praxissemester. Kapitän Frank Pretory zeigt auf dem Radar 14 andere Fahrzeuge, vor, hinter und neben der Transeuropa . Mit bloßem Auge sieht man sie nicht: Der Nebel ist dicht.

Pretory fährt seit 1995 auf der Transeuropa über die Ostsee, im Linienverkehr, bei jedem Wetter; er kennt dieses Meer in allen Aggregatzuständen. Der Winter kann rau sein, "das Eisfahren ist weit weg von Routine", sagt Pretory. Der vergangene Winter sei extrem gewesen. Die Transeuropa hat die höchste finnische Eisklasse, sie kann bis zu ein Meter dickes Eis brechen. Heute ist das Wasser elf Grad, die Luft 13 Grad kalt, bei Windstärke sieben bis acht. Weniger Wind würde noch dichteren Nebel bedeuten.

Auf Hinter- und Vorderdeck parken die LKW dicht an dicht; ihre Planen schlägt der Wind zu Wellen, analog zu den Wellen der Ostsee. Auszuhalten ist es nur in einer Nische unterhalb des Rettungsboots, an einem der Sammelpunkte, den Kapitän Pretory bei der Sicherheitseinweisung für den Notfall nannte. Nachts sieht man, so weit die Bordscheinwerfer reichen, die Gischt tief unten, aber keinen Horizont, keine Lichter, keinen Stern.