SöldenIm weißen Rausch

Mit modernsten Liften und Herbergen wurde Sölden zu einem der erfolgreichsten Wintersportorte der Alpen – die Einheimischen profitieren vom Tourismusboom. von 

Tiefschneefahren mit dem Weltmeister

Tiefschneefahren mit dem Weltmeister   |  © Sigi Grüner

"Los gehts", ruft Sigi Grüner, stößt sich mit den Skistöcken ab und nach zwei Schwüngen auf der Piste taucht er ein in den unberührten Tiefschneehang. Vier, fünf weite Schwünge im perfekten Rhythmus, dann links an einer Gruppe Zirbelkiefern vorbei, und schon ist er aus unserem Blickfeld entschwunden. Wir folgen ihm, unsicher bei den ersten Schwüngen an diesem ersten Skitag des Winters, doch der Untergrund hält, und wir folgen der Spur durch den Tiefschneehang. Ein Traum in Weiß, und es stellt sich dieses unvergleichliche Gefühl ein, wie auf Watte ziehen wir unsere Spuren durch den unberührten Hang. Schnell wieder hinauf mit dem Sessellift und dann einen anderen Hang, noch einen und dann noch einen.

Wir können uns keinen besseren Führer vorstellen als Sigi Grüner an diesem Samstag vor Weihnachten auf den jungfräulichen Tiefschneehängen abseits der Pisten des Gaislachkogels oberhalb von Sölden. Wann fährt man schon mal mit einem fünfmaligen Tiefschneeweltmeister Ski? Und das an einem Tag wie diesem und nach einer Nacht, die die Hänge oberhalb des Ortes im Tiroler Ötztal mit fünfzig Zentimeter Neuschnee überzogen hatte.

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Seit er denken kann, kurvt der 40-Jährige über die Hänge Söldens, einmal abgesehen von den elf Jahren, in denen er im Sommer als Skilehrer in Australien und im Winter bei Tiefschneerennen in den USA und Kanada, in Japan und auf den spektakulärsten Berghängen Europas sein Geld verdient hat. Grüner kennt jeden Zentimeter auf und neben den Pisten des Skigebiets, das sich rund um die Dreitausender Gaislachkogel, Schwarze Schneid und Tiefenbachferner erstreckt und das unter Kennern als eines der vielseitigsten der Alpen gilt – mit einem Pistennetz von über 150 Kilometern und spektakulären Geländeabfahrten.

Als wir abends an der Bar des Hotels Bergland vor dem flackernden Kamin sitzen, scheint er selbst zu staunen, wie sehr sich sein Leben verändert hat, seit er Mitte der achtziger Jahre in Sölden die Zimmermannslehre begann. Vor drei Tagen erst hat er das neue Bergland eröffnet, das er gemeinsam mit seiner Frau Elisabeth führt. Anfang Mai war das alte Haus aus den siebziger Jahren abgerissen worden, nur das Fundament blieb stehen. Bereits knapp sieben Monate später eröffnete am gleichen Platz das derzeit vielleicht modernste Hotel Tirols seine Pforten: viel Holz, viel Naturstein, viel Glas, viel Licht, große und komfortable Zimmer, in denen man aus der Badewanne heraus durch die Panoramafenster auf die Berge blicken kann. Der Eingang wurde von der verkehrsreichen Hauptstraße an die Seite verlegt, "damit die Gäste gleich bei der Ankunft in die Ruhe kommen", sagt Grüner.

Ruhe finden sie besonders im Sky Spa , dem Prunkstück im fünften Stock der neuen Herberge: Auf fast 2.000 Quadratmetern bieten ein Hallenbad und ein großer Whirlpool auf der Dachterrasse, moderne Biosaunen und Dampfbäder, Massageräume und vor allem der Raum der Stille Entspannung: Bei gedämpftem Licht laden mit Bergheu gefüllte Ruhebetten zur Tiefenentspannung ein, das Heu hat Grüner im Sommer auf seiner Alm mit der Sense selbst gemäht.

Das neue Hotel Bergland steht für die Entwicklung, die Sölden und das gesamte Tal in den vergangenen vierzig Jahren genommen haben. Sieben Monate dauert die Skisaison, auf die Gäste warten 30.000 Gästebetten in über 1.500 Hotels, Pensionen und Appartementhäusern zwischen Ötz am Talanfang und dem gut 50 Kilometer entfernten Vent am Talschluss. Wohl kein anderes Tal in den Alpen hat sich so resolut von einer vom täglichen Überlebenskampf der Bergbauern geprägten Kulturlandschaft hin zu einem alpinen Industriegebiet entwickelt wie das Ötztal und sein Tourismuszentrum Sölden. Das weit verzweigte System moderner Bergbahnen lässt kaum Liftschlangen aufkommen. Sie verbinden das Tal mit dem Winterskigebiet und den auf über 3.000 Meter gelegenen Gletschern Tiefenbachferner und Rettenbachferner. Allein die Anfang Dezember eröffnete neue Gondelbahn auf den Gaislachkogel, die mit dem futuristischen Design ihrer Bergstationen modernste ihrer Art, katapultiert 3.600 Skifahrer pro Stunde auf den steilen Skiberg, dessen dem ersten Blick verborgene Rinnen ein Geheimtipp für Tiefschneeenthusiasten sind. Aber bitte nur in Begleitung einheimischer Führer!

Über fünfzig Millionen Euro haben die Söldener Bergbahnen allein in diesem Jahr in neue Lifte und den gigantischen Wasserspeicherteich für die Schneekanonen am Tiefenbachgletscher investiert. Die Bergbahnen sind die treibende Kraft für die Entwicklung des Tourismus im ganzen Tal – sie kontrollieren nicht nur die Lifte, sie sind an großen Hotels wie dem neuen Bergland maßgeblich beteiligt. Wie eine Perlenkette ziehen sich die Investitionen durchs ganze Tal – von Sölden hinunter über die moderne Wellnesstherme Aquadome in Längefeld bis zur neu eröffneten Area 47 , einem Outdoorzenturm mit Kletterwänden, Hochseilgarten, Kanusee und Eventbühne am Taleingang.

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    • Schlagworte Hotel | Australien | Japan | Kanada | Sölden | USA
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