Am Ende bleibt im Schnee ein Abdruck, wie von einem riesigen Kartoffelstempel. Dazu eine neckische Urkunde, ein paar spektakuläre Bilder, aber vor allem die Erfahrung, dass Luft nicht einfach nur Luft ist, sondern ein bergendes, tragendes und allem Anschein nach sogar gemütliches Element. Und dass man auf zweierlei Art darin reisen kann: Man kann hindurch fliegen – und man kann hindurch fahren. Mit einem großen, großen Luftballon.

Alljährlich im Januar treffen sich Enthusiasten aus halb Europa im Tannheimer Tal, an der Grenze von Tirol und Bayern, um einem Wintersport der besonderen Art zu frönen: Ballonfahren. Bei widriger Witterung läuft gar nichts, dafür locken bei gutem Wetter Panoramafahrten, womöglich gar eine Alpenüberquerung. Wie Rudi Höfer, der Organisator des Treffens, sagt: "Ballonfahren kann man in den Bergen nur im Winter, bei Hochdruckwetterlagen mit geringer Thermik. Dann aber gehört es zu den herrlichsten Erlebnissen überhaupt."

Über die Jahre hinweg gelangen Höfer drei transalpine Fahrten, bei denen er jeweils schneller in Italien war als sein Begleitfahrzeug. Üblicherweise aber geht die Reise von Tannheim aus gen Norden, mal ins Allgäu hinaus, mal ins Bayerische Oberland, je nach Wind und Wetter. "Im Hochtal von Tannheim haben wir elfhundert Meter Starthöhe", berichtet Höfer, "das ist wie ein natürliches Podest. Wir steigen dann bis auf viertausend. Da sieht man unzählige Gipfel glitzern, vom Sentis, über den Ortler, bis zum Großglockner."

Das Festival beginnt traditionell rund um den Dreikönigstag. 25 Teams sind mit PS-starken Kleinbussen und kastenförmigen Hängern bis von Frankreich und England angereist. Als Ehrengäste nehmen diesmal Abdulaziz Nasser und seine Crew aus den Vereinigten Arabischen Emiraten teil. Wenn die drei Orientalen mit ihren wallenden Kopftüchern und Gewändern durch Tannheim schlendern, könnte man sie leicht für die Weisen aus dem Morgenlande halten. Noch auffälliger wirkt ihr Fluggerät. Während die anderen Ballons für Brauereien, Autohäuser oder Tiefkühlkost Reklame machen, prangt hier das Konterfei ihres Herrschers auf dem Ballon, Seiner Hoheit Scheich Mohammed bin Raschid al Maktoum.

Mit Hilfe einer altgedienten Landkarte bemüht sich Höfer bei der allmorgendlichen Lagebesprechung, den Gästen aus den Emiraten zumindest eine grobe Orientierung zu geben: "This is Austria … this is Bavaria. Flat land for landing . " Je nach Bescheid des Wetterwartes planen die Teams dann den Tag. Raunt dieser etwas von einer Okklusion – zu Deutsch: Sauwetter – so bleibt ihnen nur die Wahl zwischen Hallenbad und Heimatmuseum. Verheißt der Fachmann dagegen Kaiserwetter, befüllen sie zusätzliche Gasflaschen und liebäugeln mit einem Langstreckenflug. Was er am ersten tauglichen Tag verkündet, liegt irgendwo dazwischen: "Man kann Ballon fahren. Aber wenn, dann bitte nur im Talniveau." Geruhsame Kreisfahrt im Talkessel also. Denn was er in höheren Sphären prophezeit – "Turbulenzen! Scherwinde!" – klingt eher ungemütlich.

Nun belebt sich der Startplatz. Die Teams wuchten ihre Körbe vom Hänger und ziehen Gasflaschen und Ballonhüllen hinaus auf das freie, schneebedeckte Feld am Rand von Tannheim. Emsig rollen sie die raschelnden Hüllen aus, zupfen hier und glätten da, und dann drückt ein kräftiges Gebläse erst einmal Unmengen kalter Luft hinein. Der lange Wulst schwillt an, bis er schließlich drall und rund auf dem Schnee liegt wie ein Germknödel.

Nun tritt der Brenner in Aktion. Stoßweise pumpen die Piloten heiße Luft in die Ballons. Die blähen sich...und blääähen sich...und blääääähen sich, bis sie majestätisch neben dem Dorf aufragen, höher als der Kirchturm von Sankt Nicolai.