Gordon Hempton ist akustischer Ökologe. Für seine Aufnahmen reist er um die Welt, auf der Suche nach unberührten Landschaften und unverfälschten Geräuschen, die so noch niemand gehört hat. Für ZEIT ONLINE schreibt, fotografiert und vertont er die Kolumne"Das Ohr zur Welt", die alle 14 Tage erscheint. Dies ist die sechste Folge.

Vor gar nicht allzu langer Zeit gab es erfahrene Seemänner, die konnten das Wetter vorhersagen, indem sie auf das Muster der Wellen achteten und dem Wind zuhörten, der durch ihre Takelage strich. Wellen und Wind sprechen dieselbe Sprache – und sie können uns beibringen, wie wir unser Gehör schulen können.

Die Satellitendaten zeigen heute an, dass der Pazifik mit 3 Metern und 12 Sekunden gegen die Küste trommelt. Das bedeutet, dass fünf Wellen pro Minute heranrollen und eine durchschnittliche Welle 3 Meter hoch ist. Eine ideale Gelegenheit, um meiner anderen Leidenschaft nachzugehen: Wellenreiten.

Wahre Surfer warten nicht auf warmes Wetter . Nicht mal, wenn Schneeflocken über das Wasser wehen und die Wassertemperatur irgendwo um 10 Grad liegt.

Ich schlüpfe in meinen künstlichen Walspeck – 5 Millimeter Ganzkörperneopren – um das Sinken meiner Körpertemperatur zu verzögern. Ich schaue hinaus auf das Meer, um den Kopf klar zu kriegen.

Draußen kämpfen sich zwei Surfer durch eine berauschende Brandung, die wegen des Windes eine weiße Mähne trägt. Unterschiedliche Wellenmuster bewegen sich in verschiedenen Richtungen über die gleiche Fläche, ohne sich gegenseitig aus dem Takt zu bringen. Ich wünschte, ich könnte das.

Wellen sind Energie, die sich durch Masse fortbewegen kann. Ich glaube, das ist der Grund, warum – wie Anthropologen gerade herausgefunden haben – antike Völker Orten mit einer ungewöhnlichen Geräuschkulisse (vor allem Echos) oft auch spirituelle Bedeutung beimaßen. Diese Forschungsrichtung nennt man akustische Archäologie .

Mit einem tiefen Atemzug lasse ich mich in den Pazifik fallen. Ich fühle, wie das Gewicht des Wassers über mich hinweg schwappt und dann leichter wird – jetzt ist der richtige Zeitpunkt, um aufzutauchen und Luft zu holen, bevor die nächste Welle kommt und ich wieder untertauchen muss. Ich stoße durch die Wellen wie eine Nadel durch Stoff, bis ich endlich die Brandung hinter mir gelassen habe und mich ausruhen kann.

Ob Wasser oder Wind: Wellen verhalten sich immer gleich. Eine riesige Welle hebt mich hoch. Mit einem Stoß meiner Flossen passe ich mich ihrer Bewegung an und gleite über ihre Oberfläche.