Tourismus in Tunesien: "Die Stabilität im Paradies war teuer erkauft"
Tunesiens Tourismusbranche steht still. Welche Folgen das für das Land hat, erklärt Christian Steiner, Dr. der Wirtschafts- und Tourismusgeographie, im Interview.
Raphael Thelen/dpa

Nach dem Sturz des Diktators Ben Ali sind die Strände im tunesischen Sousse fast menschenleer
ZEIT ONLINE:
Herr Steiner, wegen der Unruhen in Tunesien wurden gerade fast alle deutschen Touristen in Sondermaschinen ausgeflogen. Was bedeutet es für das Land, wenn der Tourismus einbricht?
Christian Steiner:
Größere Teile der Bevölkerung werden mit Einnahmeverlusten zu kämpfen haben. Das Hotel- und Restaurantgewerbe erwirtschaftete bisher einen Anteil von etwa 10 Prozent am Bruttoinlandsprodukt. Darin sind Konsumgüter wie das Wasser, die Zeitung oder der Diafilm, die ein Tourist am Kiosk kauft, noch nicht eingerechnet. Rechnet man diese mit ein, kann man davon ausgehen, dass der Tourismus im Land etwa zwischen 15 und 20 Prozent des BIP ausmacht.
ZEIT ONLINE:
Das ist immens angesichts der Tatsache, dass im Vergleich dazu die natürlichen Ressourcen des Landes nur zwischen sieben und acht Prozent des BIP einnehmen.
Steiner:
Etwa 20 Prozent aller Deviseneinnahmen werden in Tunesien im Tourismus erwirtschaftet. Das Land ist davon abhängig. Die Unruhen werden sich also auch unmittelbar auf die Zahlungsfähigkeit und Leistungsbilanz Tunesiens auswirken.
ZEIT ONLINE:
Die politische Situation wurde durch den Unmut der Tunesier ausgelöst, die unter hoher Arbeitslosigkeit und Inflation litten. Nun sind die Gäste fort und damit auch die etwa 370.000 Menschen unmittelbar von den Unruhen betroffen, die Jobs im Tourismusgewerbe hatten.
Steiner:
Es wird geschätzt, dass 15 Prozent der Bevölkerung direkt oder indirekt im Tourismus beschäftigt sind. Wenn man davon ausgeht, dass in einem durchschnittlichen tunesischen Haushalt mindestens drei bis vier Personen leben, verdient bei fast jedem dritten Haushalt mindestens ein Mitglied den Unterhalt für die Familie im Tourismus. Wenn dieses Geld nicht mehr fließt, hat das massive Auswirkungen auf die tunesische Gesellschaft. Entscheidend ist jetzt, wie lange der Tourismus im Land zum Erliegen kommt.
ZEIT ONLINE:
Könnte eine neue Welle der Arbeitslosigkeit nicht auch dazu führen, dass sich die Wut der Bevölkerungsgruppen gegeneinander richtet?
Steiner:
Der Druck innerhalb der tunesischen Gesellschaft war derart hoch, dass auch ein vorübergehender Einbruch im Tourismus das nicht wahrscheinlich macht. Die Menschen sind bereit, einen hohen Preis zu bezahlen, wenn sich nur endlich etwas an diesem Regime ändert.
ZEIT ONLINE:
Welche Bevölkerungsschichten trifft ein Einbruch des touristischen Betriebs am stärksten? Meist geringfügig Beschäftigte wie Küchenhilfen und Reinigungspersonal?
Steiner:
Nein. In Tunesien arbeiten etwa ein Drittel der im Tourismus beschäftigen Menschen im Management oder im Technikbereich, also in höher qualifizierten Jobs. Ein weiteres Drittel besetzt die Stellen, für die man eine Ausbildung oder zumindest eine interne Schulung braucht: Kellner, Barkeeper oder ähnliches Personal, die zum Teil vier bis fünf Fremdsprachen – zumindest leidlich – beherrschen. Es betrifft also nahezu alle Bevölkerungsschichten.






...sehen wir im Irak oder in Afghanistan. Demokratie kann man nicht von außen erzwingen. Der Polizeistaat Tunesien und der Tourismus hat den Tunesiern verhältnismäßig hohen Wohlstand und Stabilität gebracht, wenn man bedenkt, dass das Land kein Öl hat. Natürlich haben sich die Machthaber schamlos bereichert. Das tun aber fast alle arabischen und afrikanischen Herrscher. Unmittelbarer Handlungsbedarf bestand für den Westen also nicht. Wenn durch die Revolution von innen heraus (anders als im Irak) die erste funktionierende arabische Demokratie entsteht, wäre das sensationell und absolut zu begrüßen. Bei Tunesien besteht wohl durchaus Hoffnung. Haben wir es dagegen bald mit einem islamischen Gottesstaat zu tun, der ohne Tourismus völlig verarmt, wird die Situation brisant.
Himmelhilf: Vielen Menschen auf unsem Planeten ist es reichlich egal, wer regiert, wenn ..."
Genau das ist es ja, wenn diese aufgezählten Bedingungen stimmen, hat man Demokratie. Da ist es eben nicht egal, wer regiert!!! Was das ausmacht, merkt man erst, wenn man mitten drin in einer Diktatur lebt - aber eben nicht, wenn man vom bequemen gut gedeckten Tisch in einer Demokratie aus urteilt.
Die tunesische Nation muss den Weg schaffen; die Transformation von der einstigen Autorkratie hin zur Demokratie. Dieser Prozess ist schwierig und gefährlich, da es immer Leute geben wird, die hierbei alles setzen werden, um diesen Wandel zu verhindern. Das arabische Land hat viele Baustellen zu schließen und Aufgaben zu lösen:
http://2010sdafrika.wordp....
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