Tourismus in Tunesien: "Die Stabilität im Paradies war teuer erkauft"Seite 2/2
ZEIT ONLINE:
Woher stammen die Gäste, die nach Tunesien kommen? Europa, Russland oder auch aus dem innerarabischen Raum?
Steiner:
Der innerarabische Tourismus macht in Tunesien nur einen kleinen Prozentsatz aus. Die Hauptmärkte sind Frankreich, Deutschland und Russland. Viele der Reisenden aus Frankreich sind Tunesier, die mit tunesischem Pass in Frankreich leben, oder Franzosen tunesischer Abstammung.
ZEIT ONLINE:
Wie ist die Tourismusindustrie in Tunesien strukturiert? Partizipiert die Bevölkerung davon oder geht die Mehrheit der Einnahmen direkt ins Ausland?
Steiner:
Tunesien hat einen relativ großen Binnenmarkt. Das heißt, dass die meisten der konsumierten Lebensmittel auch im Land produziert werden können. Lediglich Alkohol und Investitionsgüter, wie zum Beispiel Küchentechnik, werden importiert. Auch die meisten Hotels sind in tunesischem Besitz. Relativ viele werden durch ausländische Firmen gemanagt, aber auch diese zahlen Miete oder Leasing-Raten. Größere Gewinnabflüsse ins Ausland gibt es also nicht. Im internationalen Vergleich steht Tunesien sogar relativ gut da. Das sagt aber nichts darüber aus, ob die tunesische Bevölkerung auch von diesen Einnahmen profitiert.
ZEIT ONLINE:
Weil die Hotels den alten Eliten gehören?
Steiner:
Viele Hotels gehören Unternehmensgruppen, die sich während der Entstehungsphase des Massentourismus in Tunesien gegründet haben und aus früheren Mitarbeitern des Fremdenverkehrsministeriums bestehen. Diese stammen aus dem politischen Dunstkreis des verstorbenen Präsidenten Habib Bourguiba und sind Teil genau der Cliquen, gegen die sich jetzt der Protest richtet. Hätten sie nicht eng mit dem Regime von Sein al-Abidin Ben Ali zusammengearbeitet, wären sie heute gar nicht in ihrer starken wirtschaftlichen Position. Ob das Geld, das durch deren Hotelbetriebe erwirtschaftet wird, im Land reinvestiert wird, oder ob es auf ausländischen Konten landet, kann man nicht gänzlich beurteilen.
ZEIT ONLINE:
Könnte man den Tourismus grundsätzlich als stabilisierenden Faktor in der arabischen Welt bezeichnen?
Steiner:
Der Tourismus ist ein Wirtschaftszweig, in dem sich auch unter schwierigen Bedingungen leicht Devisen erwirtschaften lassen. Er ist außerdem einer der Sektoren mit dem weltweit höchsten Arbeitskraftpotential. Das bedeutet, pro Investition wird eine sehr hohe Anzahl an Arbeitsplätzen geschaffen. Nur die Landwirtschaft schafft mehr Arbeitsplätze, allerdings bei deutlich niedrigeren Löhnen. In allen Ländern der arabischen Welt gibt es ein hohes Bevölkerungswachstum und damit einen kontinuierlichen Bedarf an Arbeitsplätzen. In Ägypten beispielsweise drängen jedes Jahr 500.000 junge Menschen auf den Arbeitsmarkt. In solchen Gegenden trägt der Tourismus natürlich maßgeblich zu einer soziökonomischen Stabilisierung bei und stützt damit aber auch die herrschenden Regimes. Ohne die Einnahmen aus dem Tourismus wäre es einigen Ländern in der Region kaum möglich, ihre wirtschaftlichen und politischen Systeme aufrecht zu erhalten.
ZEIT ONLINE:
Auch in anderen nordafrikanischen Staaten gibt es inzwischen erste Proteste. Erlebt die arabische Region nun eine Phase der Umbrüche?
Steiner:
Solche Domino-Theorien haben sich weder im Fall von Vietnam, noch von Nicaragua oder dem Irak bewahrheitet. Tunesien kann in arabischen Gesellschaften aber zu einem Umdenken führen, weil diese Art von Protest ziemlich einmalig ist. Die Tunesier haben bewiesen, dass man ein herrschendes Regime durchaus loswerden kann, wenn man bereit ist, den Preis zu zahlen – das heißt, Tote in Kauf zu nehmen. Für die Herrscher der anderen Länder gibt es nun die Möglichkeit, ihr System zu liberalisieren und dafür mehr Loyalität einzufordern, oder aber, die Repressionen zu verstärken.
Genauso wichtig, wie die Auswirkungen auf die Länder der arabischen Region finde ich aber, dass Tunesien in Deutschland endlich anders wahrgenommen wird. Das Land wurde immer nur als Urlaubsparadies gesehen, als Hort der Stabilität. Es wäre schön, wenn es nicht erst einer Revolution bedurft hätte, um uns Europäer und unsere Regierungen daran zu erinnern, dass diese Stabilität durch einen Polizeistaat erkauft war.
Die Fragen stellte Jessica Braun.









...sehen wir im Irak oder in Afghanistan. Demokratie kann man nicht von außen erzwingen. Der Polizeistaat Tunesien und der Tourismus hat den Tunesiern verhältnismäßig hohen Wohlstand und Stabilität gebracht, wenn man bedenkt, dass das Land kein Öl hat. Natürlich haben sich die Machthaber schamlos bereichert. Das tun aber fast alle arabischen und afrikanischen Herrscher. Unmittelbarer Handlungsbedarf bestand für den Westen also nicht. Wenn durch die Revolution von innen heraus (anders als im Irak) die erste funktionierende arabische Demokratie entsteht, wäre das sensationell und absolut zu begrüßen. Bei Tunesien besteht wohl durchaus Hoffnung. Haben wir es dagegen bald mit einem islamischen Gottesstaat zu tun, der ohne Tourismus völlig verarmt, wird die Situation brisant.
Himmelhilf: Vielen Menschen auf unsem Planeten ist es reichlich egal, wer regiert, wenn ..."
Genau das ist es ja, wenn diese aufgezählten Bedingungen stimmen, hat man Demokratie. Da ist es eben nicht egal, wer regiert!!! Was das ausmacht, merkt man erst, wenn man mitten drin in einer Diktatur lebt - aber eben nicht, wenn man vom bequemen gut gedeckten Tisch in einer Demokratie aus urteilt.
Die tunesische Nation muss den Weg schaffen; die Transformation von der einstigen Autorkratie hin zur Demokratie. Dieser Prozess ist schwierig und gefährlich, da es immer Leute geben wird, die hierbei alles setzen werden, um diesen Wandel zu verhindern. Das arabische Land hat viele Baustellen zu schließen und Aufgaben zu lösen:
http://2010sdafrika.wordp....
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