Es gibt schlechtere Arbeitsplätze als diesen © Gordon Hempton

Gordon Hempton ist akustischer Ökologe. Für seine Aufnahmen reist er um die Welt auf der Suche nach unberührten Landschaften und unverfälschten Geräuschen, die so noch niemand gehört hat. Für ZEIT ONLINE schreibt, fotografiert und vertont er die Kolumne " Das Ohr zur Welt ", die alle 14 Tage erscheint. Dies ist die achte Folge.

"Auch wenn es nicht nach Arbeit aussieht – mein Geist arbeitet angestrengt", ist meine Standardantwort, wenn mich jemand stört, während ich in meiner Hängematte liege (zum Beispiel meine Redakteurin für diese Kolumne)

Meine Arbeit ist das Zuhören: Ich befinde mich auf Hawaii und ich glaube, das entfernte Dröhnen von Wellen, die sich an riesigen Lavasteinen brechen, ist für mich der schönste und entspannendste Klang der Welt. Oder der Wind in den Palmen. Ich bin nicht ganz sicher. Vielleicht muss ich hier noch ein wenig liegen bleiben. So eine Entscheidung braucht Zeit.

Auf Reisen genau hinzuhören ist viel einfacher, als etwas zu besichtigen. All die Sehenswürdigkeiten anzuschauen macht so viel Arbeit – man steht sich immer gegenseitig im Weg und muss ständig durch die Gegend laufen, um den richtigen Blickwinkel zu finden. Oder man muss seinen Hals verrenken und seinen Körper strecken, um ein besonderes Panorama genießen zu können. Zuhören ist weniger anstrengend: Man macht einfach die Augen zu und nimmt alles in sich auf. Die Klänge kommen aus allen Richtungen, oft von meilenweit her. Nur selten überlagert ein Geräusch wirklich das andere. Stattdessen verändert sich das Klangbild ständig durch das Wetter, das Licht oder ganz einfach durch die Rotation der Erde. Wer zuhören will, braucht Zeit. Überall auf dieser Erde wird an der gleichen einzigartigen Geschichte geschrieben, die keinen Anfang und kein Ende hat. Man muss nur still sein und den Ort, an dem man gerade ist, erzählen lassen.

Die Geschichte von Hawaii wird von der Stimme des Meeres erzählt. Seine Stimme ist laut, wenn es gegen die Klippen aus Vulkangestein donnert. Aber es gibt auch eine leise Variante der Geschichte: die Stille innerhalb der Vulkankrater. Es würde nicht viel Sinn haben, Ihnen diese Stille vorzuspielen, es sei denn ich würde sie so lange verstärken, bis das Unhörbare hörbar wird. Dann reicht unsere Wahrnehmung plötzlich bin ins Innerste der Erde.

Neben diesen beiden Klangwelten – dem tiefen und lauten Dröhnen der Wellen und der Stille der Krater – gibt es noch zwei weitere, die sich stark unterschieden: die der einheimischen Vögel und der eingewanderten. Kapitän Cook brachte 1778 versehentlich Moskitos mit auf die Insel. In Wasserfässern, die zuvor auf Tahiti gefüllt worden waren. Diese scheinbar winzige Veränderung im Ökosystem sorgte dafür, dass sich mehrere Vogelkrankheiten verbreiten konnten und zahlreiche einheimische Vögel starben. Wer also auf Hawaii einen Moskito erschlägt, muss sich um sich selbst keine Sorgen machen. Doch alle Vögel, die man auf Hawaii hört, sind dort im Grunde so fremd wie man selbst. Wer die einheimischen Vogelarten hören will, muss hoch hinaus. Dorthin, wo es wegen der Höhe keine Moskitos mehr gibt. Dies ist eine Aufnahme aus dem Farnwald des Hawaii Volcanoes National Park.