Slumtourismus"Wer will, kann mit Obdachlosen unter einer Brücke schlafen"

Die Ethnologin Eveline Dürr hat das Phänomen des Slumtourismus auf einer Müllkippe in Mexiko untersucht. Im Interview erklärt sie, was Reisende in Elendsviertel treibt. von 

Arbeiter auf der Mülldeponie in Mazatlán

Arbeiter auf der Mülldeponie in Mazatlán  |  © Eveline Dürr

ZEIT ONLINE: Frau Dürr, Sie haben sich über mehrere Monate mit den Auswirkungen des Slumtourismus beschäftigt – anhand eines Ausflugsangebotes auf einer Müllkippe in Mexiko. Slumtourismus gibt es mittlerweile in vielen Formen, aber warum besuchen Touristen ausgerechnet Müllsammler auf einer riesigen Deponie?

Eveline Dürr: Die Menschen, die in Mazatlán auf diese Tour gehen, haben unterschiedliche Motive: Die einen wollen aus Neugier in eine exotische Lebenswelt eintauchen, die anderen etwas Außergewöhnliches erleben. Wieder andere wollen sich vom Massentourismus abgrenzen. Die möchten zeigen, dass sie über den Tellerrand ihres Luxusressorts hinausblicken. Bei den Touren, die ich untersucht habe, gab es aber auch Eltern, die ihren Kindern zeigen wollten, wie gut sie es daheim haben. Da hatte es eher einen erzieherischen Aspekt. Manche möchten in ihrem Urlaub auch mit einer Spende etwas Gutes tun.

Anzeige

ZEIT ONLINE: Mazatlán ist eine Ferienhochburg an der Pazifikküste Mexikos. Wie sehen die Touren auf die Müllkippe aus?

Eveline Dürr
Eveline Dürr

Eveline Dürr ist Professorin für Ethnologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Sie erforscht unter anderem das Zusammenleben von unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen in Städten und die Globalisierung von kulturellen Phänomenen. Gerade hat sie ein mehrmonatiges Forschungsprojekt über Slumtourismus auf einer Deponie in Mexiko abgeschlossen.

Dürr: Die Touren werden von einer Kirche ausgerichtet, die in der Stadt karitative Projekte betreibt. Die Tourgruppe trifft sich morgens und schmiert Brote für die Arbeiter auf der Müllkippe. Danach geht es einen halben Tag im Bus durch verschiedene Armenviertel. Der Höhepunkt ist der Besuch auf der Deponie, wo rund 200 Menschen den Müll trennen. An die geben die Touristen dann Wasser und Sandwiches aus. Das dauert aber nur etwa zwanzig Minuten. Wenn die Arbeiter einverstanden sind, kann noch eine Behausung unterhalb der Müllkippe besichtigt werden. Danach können die Teilnehmer für die Projekte der Kirche spenden, wenn sie wollen.

ZEIT ONLINE: Was für eine Erfahrung machen die Touristen?

Dürr: Für die meisten ist das ein sehr eindrückliches Erlebnis. Immerhin hat es über 30 Grad, die Luftfeuchtigkeit ist hoch und es stinkt fürchterlich. Außerdem treffen sie auf Menschen, mit denen sie sonst nie in Kontakt kommen würden. Die Spendenbereitschaft ist nach der Tour entsprechend hoch.

ZEIT ONLINE: Und die Arbeiter, wie reagieren die auf den Besuch?

Dürr: Neugier gibt es auf beiden Seiten. Normalerweise haben die Müllsammler nicht die Möglichkeiten mit Menschen, die Urlaub im Sheraton machen, in Kontakt zu kommen. Einige meinen, es sei gut, dass sich jemand für sie interessiert und sie Aufmerksamkeit bekommen. Andere sagen: "Touristen, die uns beim Müllsammeln beobachten, sind das Letzte, was wir hier brauchen."

ZEIT ONLINE: Verändert die Begegnung bei den Touristen etwas?

Dürr: Die Besucher waren zwar sehr betroffen, aber dass so eine Tour ein nachhaltiges soziales Engagement auslöst, passiert wohl nur selten. Ethisch ist das natürlich bedenklich. Aus Neugier und vielleicht Voyeurismus besucht man eine Müllkippe, spendet und fühlt sich gut. Dann widmet man sich als moralisch vorzeigbarer Tourist wieder seinem luxuriösen Leben. Aber es gibt auch Urlauber, die durch dieses Erlebnis auf soziale Missstände aufmerksam werden und ihr Leben in einem anderen Licht sehen.

ZEIT ONLINE: Aber ist es nicht genauso unethisch im Luxushotel am Pool zu liegen, ein Corona zu trinken und die Realität außerhalb zu ignorieren?

Dürr: Natürlich, als Tourist in einem Club einen inszenierten paradiesischen Zustand zu genießen, ist auch nicht die Lösung. Vor allem in Ländern wie zum Beispiel Mexiko, Haiti oder Ägypten, wo es große ethnische, soziale oder politische Konflikte gibt. Hier setzt die Tour in Mazatlán an, indem sie reichen Touristen die "andere" Seite der Stadt zeigen will.

ZEIT ONLINE: Wie hat sich der Slumtourismus im Laufe der Zeit verändert?

Leserkommentare
  1. Die Ethnologen machen gute Arbeit bei der Untersuchung des Phänomens. Die Betrachtung sollte auf die Zeit nach dem Urlaub ausgedehnt werden. Man sollte nachsehen, wie sich das Reiseerlebnis in Erzählungen, Gesprächen und Texten fortschreibt.

    Bei der freiwilligen Entwicklungshilfe gibt es das Phänomen, dass der Elendstourismus zu einer Medaille an der Brust wird. Bei Gelegenheiten wie Vorstellungsgesprächen wird das immer wieder als Beweis seiner Flexibilität, Ich Risikobereitschaft und Improvisationsfähigkeit angeführt.

    Wenn man genauer nachfragt, wie denn die Namen der Leute waren, denen man in seinen authentischen Reisen begegnet ist, dann werden sie immer mit abstrakten die X Gruppe, die Y Menschen tituliert.

    Ich habe keine Illusionen über die gesellschaftliche Mitte, aber man sollte ihr einen Spiegel vorhalten.

    Ich würde mich nicht wundern, dass es beim privatwirtschaftlich organisierten Slum-Tourismus ähnliche Nutzanwendung existiert, die über die erwähnte pädagogische Nutzwert hinausgeht.

    3 Leserempfehlungen
    • .L
    • 05. April 2011 8:59 Uhr

    Guten Tag Herr Reuter,

    könnten Sie oder ein wissender Leser evtl. noch eine Quelle für das "Pendant zur Serie Dschungelcamp" in England angeben? Ich würde es mir gern ansehen. In Kibera billig einzukaufen ist ja schon schwierig, wenn man nicht direkt aus dem Viertel kommt :)

    Danke!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    Freier Autor
    • B.R.
    • 05. April 2011 10:26 Uhr

    Die Show trug den Namen "Famous, Rich & In the Slums" und wurde von BBC One ausgestrahlt. Die Show war vorerst auf zwei Episoden angelegt, hatte einen "Charity-Hintergrund" und wird, soweit ich weiß, nicht fortgesetzt.

    Beste Grüße

    • .L
    • 05. April 2011 20:13 Uhr

    Vielen Dank!

    • TDU
    • 05. April 2011 9:01 Uhr

    Vielleicht ist es nur eine Methode, der Mittelschicht zu zeigen, was Teilen von ihr bevor stehen könnte. Positiv wäre es, wenn dann die Anstengung dem gepflegten Jammern über die bösen Annehmlichkieten Platz machen würde.

    Das interessante ist, dass man in fremden Ländern mit den Obdachlosen die Nacht verbringen will. Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah? Schämt man sich doch ein wenig des eigenen Lebensstils? Oder könnte man erkannt werden? Oder merkt man dann, was man vorher schon weiss. Wie blödsinnig das ist, die Armut zu beschnuppern.

    Und wieso braucht man sowas, um zu spenden. Da fehlt m. E. ein wenig sehr die soziale Phantasie.

    Eine Leserempfehlung
    • self22
    • 05. April 2011 9:09 Uhr

    einlullen läßt. Für mich ist das nichts anderes wie Gaffen nach einem Unfall. Mich ekelt das regelrecht an. Ich glaube auch, dass die meisten Menschen dort denken, dass es das Letzte ist, was sie brauchen. Sie sind ja schließlich keine Affen im Zoo.

    Entweder man engagiert sich dauerhaft für die jeweiligen Menschen oder man bleibt daheim und schaut sich das im TV an, wenn man es unbedingt für das eigene Wohlfühlen braucht.

    6 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ist eine Gratwanderung. Es kommt auf die Art des organisierten "Besuches" und die Einstellung des Besuchenden an. Natürlich läuft heute alles Gefahr zum Dschungelcamp zu geraten.

    Es gibt aber auch "Individualtouristen", sogar mit Rucksack, die bekommen von den sozialen Schattenseiten und Verwerfungen des Gastlandes nicht das Geringste mit. Das interessiert die auch gar nicht.

    Die organisierten Ausflüge bieten zumindest Gelegenheit das Heileweltbild des Neoliberalismus zu korrigieren. Irgendwie glaubt man dann den Schönschwafelern nicht mehr so richtig. Der Keim des Zweifels am schönen Schein könnte gelegt sein. Eine sozialpolitische Neuorientierung des Touris ist dann im Bereich des Möglichen.

    Oft dürften solche Excursionen sinnvoller sein als das Verblöden an Pool oder Strand. Aber manchmal ist das ja auch ganz schön. Man ist ja kein Ethnologe oder Sozialforscher.

    • self22
    • 05. April 2011 11:33 Uhr

    das ist genauso am Fernseher möglich, dazu muß ich nicht direkt vor Ort sein. Wer das braucht, wird die erforderliche Sensibilität auch nicht beim realen Begaffen erreichen. Ich glaube nicht an die Theorie des Sinns dieses letztlich Abenteuertourismus (einen Kick holen). Nur die sind nützlich, die sich dauerhaft engagieren. Der Rest soll spenden, sich in die Sonne legen und seine Neugier im Zaum halten. Genau wie an der Straße, wenn gerade einer behandelt wird und man wieder in einem sinnlosen Stau hängenbleibt und die Helfer gestört werden.

  2. ist eine Gratwanderung. Es kommt auf die Art des organisierten "Besuches" und die Einstellung des Besuchenden an. Natürlich läuft heute alles Gefahr zum Dschungelcamp zu geraten.

    Es gibt aber auch "Individualtouristen", sogar mit Rucksack, die bekommen von den sozialen Schattenseiten und Verwerfungen des Gastlandes nicht das Geringste mit. Das interessiert die auch gar nicht.

    Die organisierten Ausflüge bieten zumindest Gelegenheit das Heileweltbild des Neoliberalismus zu korrigieren. Irgendwie glaubt man dann den Schönschwafelern nicht mehr so richtig. Der Keim des Zweifels am schönen Schein könnte gelegt sein. Eine sozialpolitische Neuorientierung des Touris ist dann im Bereich des Möglichen.

    Oft dürften solche Excursionen sinnvoller sein als das Verblöden an Pool oder Strand. Aber manchmal ist das ja auch ganz schön. Man ist ja kein Ethnologe oder Sozialforscher.

  3. Freier Autor
    • B.R.
    • 05. April 2011 10:26 Uhr

    Die Show trug den Namen "Famous, Rich & In the Slums" und wurde von BBC One ausgestrahlt. Die Show war vorerst auf zwei Episoden angelegt, hatte einen "Charity-Hintergrund" und wird, soweit ich weiß, nicht fortgesetzt.

    Beste Grüße

  4. ...um sich so etwas als "touristische Attraktion" zu geben?
    Traurig.

    • self22
    • 05. April 2011 11:33 Uhr

    das ist genauso am Fernseher möglich, dazu muß ich nicht direkt vor Ort sein. Wer das braucht, wird die erforderliche Sensibilität auch nicht beim realen Begaffen erreichen. Ich glaube nicht an die Theorie des Sinns dieses letztlich Abenteuertourismus (einen Kick holen). Nur die sind nützlich, die sich dauerhaft engagieren. Der Rest soll spenden, sich in die Sonne legen und seine Neugier im Zaum halten. Genau wie an der Straße, wenn gerade einer behandelt wird und man wieder in einem sinnlosen Stau hängenbleibt und die Helfer gestört werden.

    2 Leserempfehlungen

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Brasilien | Dschungelcamp | Mexiko | Safari | England | Haiti
Service