ZEIT ONLINE: Frau Dürr, Sie haben sich über mehrere Monate mit den Auswirkungen des Slumtourismus beschäftigt – anhand eines Ausflugsangebotes auf einer Müllkippe in Mexiko. Slumtourismus gibt es mittlerweile in vielen Formen, aber warum besuchen Touristen ausgerechnet Müllsammler auf einer riesigen Deponie?

Eveline Dürr: Die Menschen, die in Mazatlán auf diese Tour gehen, haben unterschiedliche Motive: Die einen wollen aus Neugier in eine exotische Lebenswelt eintauchen, die anderen etwas Außergewöhnliches erleben. Wieder andere wollen sich vom Massentourismus abgrenzen. Die möchten zeigen, dass sie über den Tellerrand ihres Luxusressorts hinausblicken. Bei den Touren, die ich untersucht habe, gab es aber auch Eltern, die ihren Kindern zeigen wollten, wie gut sie es daheim haben. Da hatte es eher einen erzieherischen Aspekt. Manche möchten in ihrem Urlaub auch mit einer Spende etwas Gutes tun.

ZEIT ONLINE: Mazatlán ist eine Ferienhochburg an der Pazifikküste Mexikos. Wie sehen die Touren auf die Müllkippe aus?

Dürr: Die Touren werden von einer Kirche ausgerichtet, die in der Stadt karitative Projekte betreibt. Die Tourgruppe trifft sich morgens und schmiert Brote für die Arbeiter auf der Müllkippe. Danach geht es einen halben Tag im Bus durch verschiedene Armenviertel. Der Höhepunkt ist der Besuch auf der Deponie, wo rund 200 Menschen den Müll trennen. An die geben die Touristen dann Wasser und Sandwiches aus. Das dauert aber nur etwa zwanzig Minuten. Wenn die Arbeiter einverstanden sind, kann noch eine Behausung unterhalb der Müllkippe besichtigt werden. Danach können die Teilnehmer für die Projekte der Kirche spenden, wenn sie wollen.

ZEIT ONLINE: Was für eine Erfahrung machen die Touristen?

Dürr: Für die meisten ist das ein sehr eindrückliches Erlebnis. Immerhin hat es über 30 Grad, die Luftfeuchtigkeit ist hoch und es stinkt fürchterlich. Außerdem treffen sie auf Menschen, mit denen sie sonst nie in Kontakt kommen würden. Die Spendenbereitschaft ist nach der Tour entsprechend hoch.

ZEIT ONLINE: Und die Arbeiter, wie reagieren die auf den Besuch?

Dürr: Neugier gibt es auf beiden Seiten. Normalerweise haben die Müllsammler nicht die Möglichkeiten mit Menschen, die Urlaub im Sheraton machen, in Kontakt zu kommen. Einige meinen, es sei gut, dass sich jemand für sie interessiert und sie Aufmerksamkeit bekommen. Andere sagen: "Touristen, die uns beim Müllsammeln beobachten, sind das Letzte, was wir hier brauchen."

ZEIT ONLINE: Verändert die Begegnung bei den Touristen etwas?

Dürr: Die Besucher waren zwar sehr betroffen, aber dass so eine Tour ein nachhaltiges soziales Engagement auslöst, passiert wohl nur selten. Ethisch ist das natürlich bedenklich. Aus Neugier und vielleicht Voyeurismus besucht man eine Müllkippe, spendet und fühlt sich gut. Dann widmet man sich als moralisch vorzeigbarer Tourist wieder seinem luxuriösen Leben. Aber es gibt auch Urlauber, die durch dieses Erlebnis auf soziale Missstände aufmerksam werden und ihr Leben in einem anderen Licht sehen.

ZEIT ONLINE: Aber ist es nicht genauso unethisch im Luxushotel am Pool zu liegen, ein Corona zu trinken und die Realität außerhalb zu ignorieren?

Dürr: Natürlich, als Tourist in einem Club einen inszenierten paradiesischen Zustand zu genießen, ist auch nicht die Lösung. Vor allem in Ländern wie zum Beispiel Mexiko, Haiti oder Ägypten, wo es große ethnische, soziale oder politische Konflikte gibt. Hier setzt die Tour in Mazatlán an, indem sie reichen Touristen die "andere" Seite der Stadt zeigen will.

ZEIT ONLINE: Wie hat sich der Slumtourismus im Laufe der Zeit verändert?