Mount EverestDie Besteigung des Müllbergs

Tütensuppenreste und Getränkedosen liegen auf dem Mount Everest. Der Himalaya-Tourismus hat Folgen – nicht nur für die Natur. Auch das Volk der Sherpa verändert sich. von Moritz Schröder

Pemba Dorjee, der als Sherpa für Himalaya-Expeditionen begleitet, gilt als der schnellste Besteiger des Mount Everest. Hier sitzt er vor einer Buddha-Statue auf dem Gipfel.

Pemba Dorjee, der als Sherpa für Himalaya-Expeditionen begleitet, gilt als der schnellste Besteiger des Mount Everest. Hier sitzt er vor einer Buddha-Statue auf dem Gipfel.  |  © STR/AFP/Getty Images

Kazi Sherpa ist beunruhigt. Er weiß: Das, was sich da an den Hängen des Himalaja türmt, bedeutet Unglück. "Manche verbrennen Wacholder, um die Berge zu besänftigen." Doch das Unglück gedeiht allzu gut im Hochland Nepals. Die Sherpa, für ihr Wissen um die Natur ge- und berühmte Gebirgssiedler, füllen ihre Täler mit Müll. Hartplastik, Zellophan und Aluminiumpapier speisen die Deponien des Himalaja. "Viele machen sich über die Umwelt überhaupt keine Gedanken. Die Leute sind faul geworden", sagt der Bergführer über sein Volk.

Der Müll kam mit den ausländischen Gästen, einer willkommenen Geldquelle für die meisten Hochlandbewohner Nepals.

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Die Touristen brachten nicht nur Ansehen, Entwicklung und Wohlstand für das Volk der Sherpa, das vor mehr als 500 Jahren aus Tibet über die Berge ins heutige Nepal zog. Die auf Abenteuer und neue Herausforderungen erpichten Besucher aus dem Westen förderten auch neue Bedürfnisse nach der zuvor unbekannten Warenwelt. Nach Flaschenwasser, Schokoriegeln und Fertigsuppen in der herrlichen Umgebung der Sherpa aus Fels und Eis.

Von den Fremden blieb einiges zurück: Folien, Dosen und Plastikbecher. Kleine Haufen waren es zunächst, dann Hügel, mittlerweile ist es ein tonnenschweres Erbe. "Wanderwege halten die Sherpa meist sauber für die Touristen", sagt Elisabeth Mackner vom Umweltprojekt Eco Himal. Aber dort, wo sie nicht hinkommen, nimmt man es mit dem Aufräumen nicht mehr so genau. Die nächste Schlucht liegt schon etwas abseits und wird kurzerhand zur Müllkippe.

Früher, erinnert sich Kazi Sherpa, hat es das alles nicht gegeben, etwa die Bierdosen und Kaugummis, die sich heute in den Vitrinen der Wanderhütten stapeln. Früher, das waren die Zeiten von Getreideschnaps und Hirsebrei, von Wollröcken und Fellhüten. Das war, bevor Extrembergsteiger Schlange standen am Rocksaum der "Mutter des Universums", wie die Buddhisten der Berge den Mount Everest nennen.

Es war die Zeit vor Edmund Hillary. Der Neuseeländer brachte Flugzeugpisten und Hängebrücken ins unwegsame Hochgebirge. Geld und Technik sollten Hillary den Weg auf den Mount Everest (8848 Meter) bahnen. Und ein Sherpa-Träger half ihm dabei: Tensing Norkay. Als beide im Jahr 1953 dabei waren, den höchsten Punkt der Erde zu erklimmen, ging dies wie ein Weckruf durch das verschlafene Sherpaland.

Den Brücken und Flughäfen folgten Krankenhäuser und mehrere Dutzend Schulen, meist finanziert von ausländischen Spendern wie Hillary. Bildung und Wohlstand sickerten in die abgeschiedenen Bergtäler. Noch heute verehren die Sherpa den vor drei Jahren verstorbenen Hillary als "zweiten Vater". Mehr noch: "Er ist wie ein Gott für uns. So viel hat er unserem Land gegeben", sagt Kazi Sherpa.

Auch Hillarys Begleiter, Tensing Norkay, beschenkte die Sherpa. Er gab den früher von Wandertouristen eher abschätzig behandelten Helfern weltweites Ansehen als zähe, naturverbundene Bergkenner, an Sauerstoffarmut und Kälte in der Höhe angepasst. Schneetiger werden die Sherpa nun oft genannt. Mit Stolz enthüllen sie ausländischen Gästen die erhabene Schönheit des Himalayas.

Leserkommentare
  1. ... bringt der Artikel.

    Das problem wird unter anderem bereits in Krakauers "Eisigen Höhen" von 1996 beschrieben.

    Die "Umwelt-Expedititionen" sind ebenfalss kritisch zu bewerten. Meist dient die "Umwelt-Expedition" lediglich dazu, dem eigenen "Gipfelsturm" ein positives "Image" zu geben und natürlich dem Sponsoring der Expedition.

    Gruß,

    Joe

    • HH7
    • 30. April 2011 5:41 Uhr

    Der Everest-Trail, so mutet der Bericht hier an, sei in Wahrheit die reinste "Müllspur". Dies kann ich nicht bestätigen. Müllberge lassen sich bei dem zwar sehr weitläufigen, aber meist sehr offenem Gelände nicht so gut verbergen, dass man sie kontinuierlich verstecken könnte.

    Neue und immer größere auf Komfort getrimmte Lodges, die wie Pilze aus dem Boden schießen, sind in der Tat augenfällig. Sie entstehen in harter "Handarbeit", indem Steine vor Ort gebrochen und mit sehr arbeitsaufwändig mit Hämmern in Passform gebracht werden. Das ständige Klopfen von Steinen ist ständiger Wegbegleiter.

    Die meisten Lodges sind dennoch weit entfernt von dem, was man als "Luxus" bezeichnen will. Mangels Zement, Speis und massiven Holz sind quasi alle Lodges - auch die neuen - locker zusammengehäufte Steinhäufchen mit pappdicken "Teekisten-Holz-Anbau". Die "Edleren" darunter sind mit Yak-Dung gegen den bissig kalten Wind halbwegs verdichtet. "Wohlige Wärme" gibt es allenfalls in der Nähe des obligatorischen Vollguss-Eisen im großen Aufenthaltsraum. Duschen kann man nicht wirklich als "konfortabel" bezeichnen, die Trinkflaschen frieren nachts regelmäßig ein - das alles ist doch meilenweit von europäischen Berghütten-Komfort entfernt. Der Einfluss der großen Höhe bewirkt bei den meisten ohnehin, dass keine Gemütlichkeit aufkommt.

    • HH7
    • 30. April 2011 5:56 Uhr

    Wahr ist es jedoch, dass immer mehr Massentourismus-Unternehmen, wie etwa der Deutsche Alpenverein, just die neueren und großen Lodges ansteuern. Das, so mein Eindruck, liegt vor allem daran, dass die Trecking-Agenturen in Kathmandu immer öfters abseits von den Dorf-Sherpas organisieren um auch die letzte Rupie nicht teilen zu müssen.

    Wer alleine oder zu zweit geht, kehrt viel öfters bei den alteingesessenen Bergbauern ein und lernt den persönlichen Kontakt mit den Familien schnell schätzen. Der Mangel an Komfort zieht die höhen-gestressten All-inclusive-Trecker leider fast ausschließlich zu den "Neubauten", wozu die einfachen Bauern nicht ansatzweise das Geld haben. Bei vielen von denen geht im wahrsten Sinne des Wortes mangels Strom am frühen Abend das "Licht" aus.

    Überhaupt scheint mir der Einzug des großen Geldes in das Khumbu-Tal zu plakativ. Das ganze ist äußerst ungleich verteilt beruht überwiegend auf dem Prinzip Ausbeutung. Gerade die "Tiefland-Sherpas" zieht es aus purer Armut in diese Region, die meisten haben nicht mal richiges Schuhwerk. Badelatschen oder ganz ohne Schuhe trifft man immer wieder (zumindest war es so vor 5-10 Jahren).

    Viele werden als menschliche LKW's missbraucht und nächtigen Notlagern auf dem Weg, nicht wenige ziehen mit Stirnlampe und dem Rauschen eines LW-Radio die ganze Nacht umher, um in der Kälte nicht ausharren zu müssen. Dabei oft 50-100 Kilo auf dem Rücken.

    Eine Leserempfehlung
    • HH7
    • 30. April 2011 6:10 Uhr

    Dürfen die Träger am Ziel ihrer tagelangen Gewaltmärsche - mit Lasten auf dem Rücken, die fernab unserer europäischen Vorstellungskraft liegen - dann endlich in den Steinhütten nächtigen, bleibt ihnen selbstverständlich i. d. Regel nur die harte Holzbank. Sie werden trotz größter Entbehrungen regelmäßig als letzte versorgt, essen still niedergekauert und fast schon verschämt ihren Teller, nachdem der letzte Hüttengast versorgt wurde. Nicht selten dabei der Filius, welcher mit 10,12 Jahren beim Vater in "Lehre" geht und frühzeitig lernt, wie sich ein Mensch vierter Klasse gegenüber Touristen zu verhalten hat.

    Wer eine Coca Cola oder einen Marsriegel auf über 5000 Meter zu einem Preis erwirbt, der etwa auf Tankstellen-Niveau in Deutschland liegt und weiß, dass die meisten Waren Tage - ja teilweise wochenlang - auf dem Rücken solcher menschlichen LKS's getragen wurden, kann sich in etwa den Stundenlohn dieser Träger ausrechnen. Die meisten dürften unter 5 Euro am Tag verdienen.

    Und so zu tun, als wäre der Job bei einem Trecking-Unternehmen im Gegensatz zu den unabhängnig agierenden "Hüttenversorger-Trägern" leicht verdientes Geld, wird der Sache auch nicht gerecht. Bis man den "Aufstieg" zum Guide geschafft hat, durchläuft man auch hier zunächst das Prinzip maximaler Ausbeutung, auch wenn der Status in der Tat ein anderer ist (...siehe FF...)

    • HH7
    • 30. April 2011 6:22 Uhr

    Das typische Bild ist folgendes: 12 oder 15 stramme Kerle aus Europa - zwischen 1,80 und 2,00 Meter groß und nach europäischer Lesart in vermeintlich bester sportlicher Verfassung - sitzen blass mit Kopfweh in den Lodges herum. Den meisten geht es ziemlich schlecht und sind froh, dass ihnen jeder Handgriff abgenommen wird. Reicht auch das nicht mehr und übergibt sich, steigt ein Sherpa mit dem Pflegefall von der Hütte ab in der Hoffnung, dass sich die Lage bessert und der Anschluss wieder hergestellt werden kann.

    Morgens beim "Aufsatteln" der Rucksäcke gehen die kräftigen Kerls mit minimalen Tagesgepäck los, während sich zwei, drei kleinwüchsige Sherpas das Gepäck der gesamten Gruppe auf den Rücken binden. Hinter der verweichlichten Gesellschaft trottet schließlich noch ein Ambulanz-Sherpa mit Medizin-Köfferchen hinterher und nach Beendigung der Rundtour wird garantiert keiner der "Trecking-Abenteurer" zugeben, dass sie ihr eigenes Gepäck keine 100 Meter selbst getragen haben.

    Kurzum: Kein einfacher Job, wenn man von den wenigen Groß-Agenten in Kathmandu, die sich das Trecking-Geschäft längst unter den Nagel gerissen haben, engagiert wird.

    Apropos Agenten: Diese sorgen bereits in Kathmandu - im Trecking-Viertel "Thamel" - sehr effektiv dafür, dass kein Tourist auf die Idee kommt, sich ihrem Einfluss zu entziehen und sich auf "eigene" Faust im Khumbu-Tal organisiert, sprich einen Sherpa anheuert oder bei den Bauern nächtigt. Eine äußerst lästige Angelegenheit.

    • HH7
    • 30. April 2011 6:43 Uhr

    Es sind vor allem diese Agenturen, die am Trecking-Geschäft maximal verdienen. Der Gewinn setzt auf maximale Ausbeutung, da die Menschen, die die eigentliche Arbeit leisten, in der Praxis ohne gesetzlichen Schutz dastehen.

    Selbst bei Expeditionen ist es nicht anders: Hier werden Kartoffelbauern/Träger aus dem Khumbu regelmäßig als Expeditions-Sherpas angeheuert. Einer von ihnen, fernab des Haupt-Trails im Khumbu in einfachsten Verhältnissen wohnhaft, erklärte mir, dass er rund 1000 Dollar von einer Agentur in Kathmandu als Gipfel-Führer erhalte, sich dafür jedoch selbst mit Kleidung eindecken müsse (hier wird dann gespart). Ihm bliebe keine andere Wahl, da sein Sohn in Kathmandu zur Schule gehe. Das alles erschien mir sehr plausibel: Für eine Übernachtung verlangte er von mir umgerechnet gerade mal 1,50 Euro. Einmal Duschen (in dieser Höhe ist Warmwasser machen die reinste Strapaze - vom Organisieren des Brennmaterials einmal ganz abgesehen) 50 Cent.

    Ca. 10 Tage später war es weit: Am Airstrip in Lukla traf ich ihn wieder, mit abgewetzter, alter Daunenkleidung, die ihm frühere Expeditionsteilnehmer nach Beendigung ihres Everest-Abenteuers geschenkt hatten. Auf dem Rücken zwei Sack' Kartoffeln, rund 3 Tage durch das Tal getragen, wartete er ausnahmsweise - weil von der Agentur bezahlt - auf die Twinotter gen Kathmandu. Fertig für einen weiteren Everest-Gipfelsturm von tibetanischer Seite, wie er mir erklärte.

    Das alles, damit seine Familie existieren kann.

    5 Leserempfehlungen
  2. ...für diesen anschaulichen Bericht.

    2 Leserempfehlungen
  3. und ... ???

    Danke !!!!! HH7 für ihre äusserst lesenswerten Beiträge, die gut den westlichen Chauvinismus rüberbringen, der die Gegend und ihre Ureinwohner dort ruiniert (wie überall auf der Welt).

    Am Mittwoch dieser Woche fand in einem kleinen Dorf in Südindien eine Bestattung statt. Es kamen eine halbe Millionen Menschen - in Worten: Fünfhunderttausend (ca. 90 % Inder, Rest Europa und Übersee), um dem, der seinen Körper verlassen hatte, die letzte Ehre zu geben. Vom "einfachsten" Dorfbewohner, bis zu hochrangigen Politikern wie Premierminister Manmohan Singh, Expremierminister Dewe Godwa, Sonia Gandhi ... Der Bundesstaat Andrah Pradesh mit seinen sage und schreibe läppischen Einwohner von ca. 84 MILLIONEN Menschen ordnete 4 Tage lang offizielle Staatstrauer an.

    Die ARD und scheinbar auch zeitonline verlieren noch nicht mal ein Kleines Wörtchen darüber.

    Na ja - ZO ist für mich en gros ohnehin gestorben.
    Habe früher viel hier geschrieben und kommentiert.

    Mittlerweile ist mir aber ob der Arroganz von ZO, ganz besonders was ihre gelegentlichen Berichte über Asien betrifft echt die Lust darüber vergangen.

    MfG - Zeitungsente a. D.

    3 Leserempfehlungen
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    Ich wünsche Ihnen vom ganzen Herzen viel Glück auf der Suche nach einer deutschen Onlinezeitung, die davon berichtet, wenn jemand in einem 6800 km entfernten Land unter den Augen von 0,04% der dortigen Bevölkerung in die ewigen Jagdgründe eingeht.

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  • Schlagworte Berg | Müll | Nepal | Tibet | USA | Kathmandu
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