Die Insel Juist an einem stürmischen Tag

ZEIT ONLINE: Herr Matzarakis, Sie befassen sich mit dem Einfluss des Klimawandels auf den Tourismus. Worauf sollten wir uns gefasst machen?

Prof. Dr. Andreas Matzarakis: Umweltkatastrophen wie das derzeitige Hochwasser des Mississippis treten häufiger und mit heftigeren Folgen auf. Global betrachtet hängen extreme Witterungsereignisse zusammen. Sehr trockene Monate in unseren Breiten, wie die vergangenen im April und Mai, sind die eine Seite. Im Bundesstaat Tennessee dagegen kämpfen die Menschen zurzeit mit den Folgen der Schneeschmelze und enormer Regenfälle. Es scheint, als stauten sie sich zum schlimmsten Hochwasser seit 74 Jahren. Wir wissen, diese Phänomene werden durch den Klimawandel verstärkt.

ZEIT ONLINE: Die Region am Mississippi lebt unter anderem vom Flusstourismus. Wird die touristische Anziehungskraft des Deltas durch das Hochwasser zerstört?

Matzarakis: Der ursprüngliche Tourismus kommt zum Erliegen. Dafür boomt zurzeit der Katastrophen-Tourismus – als eine Art Trittbrettfahrer derartiger Ereignisse. Die Menschen werden von Negativszenarien geradezu magisch angezogen.

ZEIT ONLINE: Was halten Sie vom Sensationstourismus?

Matzarakis: Ich finde es fragwürdig, wenn Leute an Orte reisen, in denen ein akuter Notstand herrscht. Oft behindern sie die Hilfsmaßnahmen vor Ort. Wenn man allerdings, nachdem die Schäden beseitigt sind, diese Schauplätze nutzt, um zum Beispiel mit Lehrpfaden oder Exkursionen auf Hintergründe und Ursachen hinzuweisen, finde ich das in Ordnung.

ZEIT ONLINE: Sie sagen, der Klimawandel beeinflusse solche Ereignisse. Lässt er sich denn überhaupt noch abwenden?

Matzarakis: Wenn wir davon ausgehen, dass die Treibhausgas-Emissionen der Hauptauslöser sind, dann sieht es schlecht aus. Wir erwarten weltweit eine Verdopplung des Flugverkehrs bis 2020.

ZEIT ONLINE: Haben Sie einen Notfallplan?

Matzarakis: Wissenschaftler dürfen laut über Utopien nachdenken. Immer wieder wird diskutiert: "Was wäre, wenn jeder von uns bloß einmal im Jahr eine Fernreise machen darf? Wenn wir uns Buttons anheften würden, die einen CO2-freundlichen Lebensstil bescheinigen?" Eine Klimaplakette, wenn Sie so wollen. Wir müssen uns einfach klarmachen, dass derjenige, der sich in Zukunft ohne Flugzeug oder Auto fortbewegt, die Hälfte seines jährlichen Ausstoßes von 10,5 Tonnen CO2 einspart.

ZEIT ONLINE: Realistischer klingt Ihr Vorschlag, Klimafahrpläne für Reiseregionen zu entwickeln. Wie sieht diese Zukunftsvision aus?

Matzarakis: Wir erforschen Klimatrends und gleichzeitig die nachhaltige Tourismusentwicklung in Küsten- und Mittelgebirgsregionen, kurz KUNTIKUM. Sechs Orte, für die Zukunftsszenarien durchgespielt wurden, luden wir zur Zusammenarbeit ein. Darunter Nordseebäder und Orte im Schwarzwald. Wir haben alle erdenklichen Entwicklungen – vom Boom bis hin zum Aus für den Tourismus – unter die Lupe genommen. Jedes Szenario wurde mit einem Klimafahrplan versehen. Er zeigt, wie eine Region sich positive, aber auch katastrophal negative Entwicklungen zunutze machen kann.

ZEIT ONLINE: Mit welchen Fragen sind die von Ihnen betreuten Regionen an Sie herangetreten?

Matzarakis: Die Tourismusakteure ließen sich immer wieder aufs Neue versichern, dass der Klimawandel unabänderlich ist. Fragen wie: "Ist es belegt, dass kein Schnee mehr fallen wird?" Oder: "Müssen wir mit zwei, drei Meter hohen Sturmfluten rechnen?" zeigten uns, dass die Menschen immer noch nicht wahrhaben wollen, wie ernst es ist. In der Feldbergregion zum Beispiel, die ebenfalls eingeladen war, hielt man ein Umdenken nicht für nötig. Statt den Wandel im Tourismus zu forcieren, verlässt man sich dort lieber auf kurzfristige technische Maßnahmen. Beschneiungsanlagen können einen Schneemangel aber nur für eine gewisse Zeit vertuschen. Langfristig wird das nicht funktionieren.

ZEIT ONLINE: Im kleinen Nordseebad Otterndorf dagegen wollen die Tourismusmacher den Klimafahrplan. Die denkmalgeschützte Altstadt, ein Touristenmagnet, liegt hinter dem Elbdeich, nur knapp über dem Meeresspiegel. Vor Ort weiß man: Wenn dieser steigt, droht der Untergang.

Matzarakis: Otterndorfs Lage am Meer und an der Elbmündung konfrontiert Urlauber direkt mit der Problematik des Klimawandels. Das lässt sich auf viele andere Küstenorte übertragen. Sie können gegensteuern, indem sie sich als klimabewusste Region präsentieren. Wenn dabei die Gäste einbezogen werden, wird die Entwicklung zum Gewinn. Der Urlauber entwickelt eine Beziehung zum Urlaubsort. Ein neues Image entsteht.