Gekürzte Fassung aus National Geographic Deutschland, Ausgabe Mai 2011, www.nationalgeographic.de

Der Mann klebt an der senkrechten Flanke des Half Dome, einer glatten, 650 Meter hohen Granitwand im Yosemite-Tal. So hoch über dem Grund, dass ihn nur die Adler sehen. Er ist allein. Mit seinen Fingerspitzen krallt er sich an einen Vorsprung, der nicht viel breiter ist als eine Zwei-Cent-Münze. Seine Schuhe finden auf einer ähnlich schmalen Fläche Halt, auch sie sind kaum mehr als eine Unebenheit im Fels. Aus seinen Ohrhörern tönt ein Rap von Eminem.

Alex Honnold will schaffen, was noch niemandem vor ihm gelungen ist: die reguläre Route an der Nordwestflanke des Half Dome ohne Seilsicherung – free solo – zu durchsteigen. Nur noch knapp 30 Meter bis zum Gipfel, da widerfährt ihm, was einem Kletterer nie passieren darf: Er verliert sein Selbstvertrauen. Seit zwei Stunden und 45 Minuten schon ist der 23-jährige Athlet ganz auf die Wand und seinen Körper konzentriert, hat ohne einen Fehler Hunderte präzise Bewegungen ausgeführt. Und kein einziges Mal gezögert.

Doch jetzt ist er mental erschöpft. Fühlt sich wie gelähmt.

Wenn seine Fingerspitzen nicht ausreichend greifen, schon wenn er daran zweifelt, wird er in den Tod stürzen. Er erinnert sich noch genau: "Ich dachte, dass mein Fuß nie halten würde. 'Das war’s', so schoss es mir durch den Kopf."

Zwei Tage zuvor, als er die gleiche Route mit Seil stieg, gab es dieses Gefühl nicht. Alles lief so glatt, dass er sich sicher war, hier problemlos free solo klettern zu können. Im Jahr 1957 war der 1475 Meter über dem Talgrund liegende Half Dome erstmals auf dieser Strecke bezwungen worden. Der Kalifornier Royal Robbins und seine Kletterpartner benötigten fünf Tage. Sie trieben ungefähr hundert Felshaken in das Gestein, an denen sie ihre Seile befestigen konnten – das nennt man technisches Klettern. Nur eine Generation später, 1976, begingen die aus Colorado stammenden Bergsteiger Art Higbee und Jim Erickson den Half Dome fast völlig frei in nur 36 Stunden – ihre Seile dienten ihnen lediglich zur Sicherung.

Jetzt steht Alex Honnold vor einem neuen, seinem wohl größten Rekord.

Der Kletterer schmiegt sich an den Granit. Sucht die Balance. Greift behutsam erst mit der einen, dann mit der anderen Hand in seine chalkbag mit Magnesia, einem weißen Pulver, das den Schweiß absorbieren soll. Hält mit den Füßen den Stand auf diesem kaum sichtbaren Felsvorsprung. Spannt die Muskeln noch mehr, hebt den einen Fuß und presst ihn gegen die winzige Kante, findet Halt. Streckt seine Hand nach dem nächsten Vorsprung, klammert sich an diesem winzigen Absatz fest. Dann, nur ein paar Minuten später, ist er auf dem Gipfel. Zwei Stunden und 50 Minuten!

Im Yosemite-Tal werden Helden geboren. Woher sie auch kommen, ob aus den Alpen oder den Anden – irgendwann streben alle ernsthaften Felskletterer danach, sich an den Giganten dieses Nationalparks zu messen. El Capitan: ein blanker Schiffsbug aus Stein, so gewaltig, dass die 30 Meter hohen Ponderosa-Kiefern an seinem Fuß wie Stecklinge aussehen. Cathedral Rock: eine dunkle Festung, die immer im Schatten liegt. Half Dome: ein Granitfelsen in Gestalt eines halbierten Apfels, dessen Nordwestflanke die kühnsten Kletterer herausfordert. Für sie ist dies der Initiationsritus.