Buenos AiresZwischen Hollywood und Soho

In den Vierteln Palermo Soho und Palermo Hollywood zeigt sich Buenos Aires von seiner jungen Seite. Ein Spaziergang zu Designläden und kreativen Restaurants von Ulf Lippitz

Ein Graffiti schmückt ein Garagentor in Palermo Soho

Ein Graffiti schmückt ein Garagentor in Palermo Soho  |  © DANIEL GARCIA/AFP/Getty Images

Am Morgen spielt Palermo Soho ein wenig Central Park. Dann trudeln die Dog Walker auf der Grünfläche zwischen Calle Armenia und Nicaragua ein, jeder tänzelt über das Kopfsteinpflaster, mit langen Leinen und einem Dutzend Tiere, das er wie einen lebendigen Strauß Blumen vor sich her führt, und entlässt die Hunde in das kreisrunde Auslaufgatter, wie man es aus Manhattan kennt. Die Tiere bellen hysterisch, die Bediensteten nuckeln gelassen Mate, während die Besitzer im Mark’s Deli & Coffee House einen Cappuccino schlürfen und bunte Streifenschals von Elementos Argentinos aus der umweltfreundlichen Papiertüte fischen.

Das hätten Besucher vor fünfzehn Jahren noch nicht erlebt. Damals hatte das Einbahnstraßenareal mit dem Holperpflaster und den Schatten spendenden Bäumen noch keinen eigenen Namen. Das Terrain von kleinen Handwerkstätten und Lebensmittelläden war ein Teil des großen Bezirkes Palermo. Die porteños , die Bewohner der Hauptstadt, kamen hierher, um ihre Autos in einer der Werkstätten günstig zerlegen oder reparieren zu lassen. Noch manches Wrack erinnert daran. Erst vor rund zehn Jahren entdeckten Künstler, Designer und Ladenbesitzer die niedrigen Häuser im spanischen Kolonialstil, rasend schnell zogen Bars und Cafes an die Plaza Serrano, und Modelabels aus der ganzen Welt entkernten manches Gebäude. Bald schon adelte die New York Times den Bezirk zur "hippest hood" und verglich die kreative Spannung mit Silver Lake in Los Angeles und Berlin-Mitte.

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Unterkunft

Duque Boutique Hotel, Calle Guatemala 4364, www.duquehotel.com, DZ ab 140 USD.

 

Bars und Restaurants

Mark’s Deli & Coffee House, Calle El Salvador 4701, www.markspalermo.com

Bar 6, Calle Armenia 1676, www.barseis.com

Mott, Calle El Salvador 4685

Olsen, Calle Gorriti 5870

Geschäfte

Tucci, Calle Honduras 4848, Di-So 11-20 Uhr, www.tucciweb.com
No Brand, Calle Gorriti 5876, Di-So 12-20 Uhr, nobrand.com.ar

Wenn sich die Hunde heiser gebellt haben und wieder in den Wohnungen verschwunden sind, rücken die Touristen und Flaneure nach. Davor gibt es auch wenig zu tun für sie. Die Geschäfte öffnen erst ab zehn oder elf Uhr, dafür sind manche bis 21 Uhr geöffnet. Beinahe nirgendwo sonst im innerstädtischen Hexenkessel Buenos Aires leben Spaziergänger so ungefährlich. Der Pflasterstein zwingt die Autofahrer zum langsamen Fahren, die verlassenen Straßenbahnschienen in der Calle Nicaragua tun ihr Übriges – und wenn Flohmarkt um die Plaza Serrano ist, hat die Polizei einige Straßen gleich ganz abgesperrt. Das ist für eine Stadt, die sich mit der Avenida 9 de Julio und ihren 20 Fahrspuren brüstet, sehr erholsam.

Palermo Soho ist das Dorf in der Drei-Millionen-Metropole – gesegnet mit einem ganz und gar urbanen Designverständnis. In der Bar 6 an der Calle Armenia hat der Innenarchitekt nur die alte Fassade belassen und eine luftige Liegelandschaft aus Sichtbeton hineingebaut. Im schneeweißen Restaurant Mott erinnert der luftige Innenraum an die frühere Bestimmung als Werkstatt. Das Modelabel Tucci hat in eine Baulücke einen Betonquader mit Halbbogen schräg eingesetzt, der überhaupt nicht fehl am Platz wirkt. Dazwischen gibt es frisch geweißte Kastenbauten aus den Dreißiger Jahren, mit langen Terrassenvorsprüngen im Obergeschoss. Es ist, als überbieten sich Miniatur-Bauhaus-Entwürfe mit Ideen einer Glas-Moderne.

In die kleinen Wohnhäuser sind schicke Boutiquen eingezogen.

In die kleinen Wohnhäuser sind schicke Boutiquen eingezogen.  |  © Teahouse of Danger

Der Name erinnert daran, woran sich die Hauptstädter dabei orientieren – an den New Yorker Stadtteil Soho. Und nicht an das Londoner Vorbild. Der Falklandkrieg von 1981 verbietet diese Assoziation weiterhin. Am westlichen Rand schneiden Bahnschienen in das Hipster-Viertel ein, auf der anderen Seite grenzt ein noch teurerer, aber weniger spannender Stadtteil an, in gesundem Größenwahn Palermo Hollywood getauft. Ab Mitte der Neunziger Jahre standen hier Industriegebäude leer, Fernseh- und Musikstudios zogen ein, die lokale TV-Prominenz zog nach – und heute residieren einige der beliebtesten Restaurants der Stadt an den Straßen im Schachbrettmuster. Zum Beispiel das Olsen in der Calle Goritti, das mit den hellen Holzstreben und der nordisch angehauchten Karte so tut, als liege es in Schweden.

Gleich nebenan wirbt der Designladen No Brand für die Modernität des Landes. Das Geschäftscredo des Gründerkollektivs lautet: "Wir sind das einzige Land in der Welt, dass man im Rest Südamerikas für seine Arroganz kennt, in den USA für seine Wissenschaftler, in Europa für seine Schönheit und Kultur und in der ganzen Welt für Maradona." No Brand hat 75 Motive aus Geschichte, Geografie und Kultur Argentiniens in schlichte Symbole überführt – und alles in den Nationalfarben Weiß, Hellblau und Schwarz. So wird aus den trauernden Müttern an der Plaza de Mayo ein weinendes Kopftuch und aus Maradona ein lachendes Pfannkuchengesicht mit Lockenkamm. Die Motive können Touristen einzeln als bedrucktes T-Shirt oder gesammelt in einem gebundenen Buch kaufen. Eine hübsche Idee, die vor Augen führt, warum Buenos Aires 2005 als erste Stadt von der Unesco den Ehrentitel "Design City" erhielt.

Tagsüber kann man die beiden Viertel Palermo Soho und Hollywood gut zu Fuß ablaufen, die kleinen Details genießen, die unzähligen herrenlosen Hunde in den Seitenstraßen beobachten, die verwöhnten im Hundegatter, den alten deutschen Fleischerladen in der Calle Godoy Cruz besuchen, dessen Schild "Feine Wurstwaren, Käse und Delikatessen" verspricht – aber man muss nachts wiederkommen. Um Mitternacht füllen sich die Bars mit schnatternden Menschen, dann legen DJs auf, die Plaza Serrano mutiert zur Kneipenmeile – und ab zwei Uhr geht es in die Clubs von Palermo Hollywood, vielleicht ins Frank, einem angesagten Lokal, das nur eine einfache Stahltür verrät. Drinnen gibt es teure Cocktails, hübsche Mädchen in Designer-Minis und gutaussehende Männer mit Muskel-Shirts. Es ist so, wie sich Buenos Aires New York vorstellt. Dabei übersehen die porteños, dass die argentinische Hauptstadt ihr vermeintliches Vorbild längst eingeholt hat.
 

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Leserkommentare
  1. Wenn man schon mal in der kurz beschriebenen Calle Armenia drin ist: auch im armenischen Kulturzentrum ("la Viruta") vorbeischauen. Die beste Anlaufstelle für Tango und Salsa, insbesondere für Leute von außerhalb.

  2. ...Buenos Aires antexten.
    Einen schlechteren Berichtsversuch dieser Stadt las ich noch nie.
    Glückwunsch dazu!
    Warum die Nationalfarben plötzlich nichtmehr celeste/blanco sind, sondern gar "schwarz" integrieren, mag am Restalk aus dem Outlokal "Olsen" herrühren.
    Mate wird nichtml im langweiligen Asuncion "genuckelt" und die Av. 9 de Julio hat durchaus mehr als 20 Fahrspuren.
    Der fehlgewählte Begriff "Hexenkessel" kann nur einem irrwischenden kenntnisarmen Narren in die Feder geplauzt sein.
    Aber wer "geweisste Kastenbauten" erwähnensbemühen muss, wird eines Tages sicher in "Palermo eleven"(Once), "Palermo Flowers"(Flores) oder "Palermo Roca" (Constitucion) neue Hotspots aus Turistenblättchen der Stadt fehlzitieren.
    Mangelhaft bis ungenügend,[...]

    Gekürzt. Bitte achten Sie auch bei Kritik auf Ihre Wortwahl. Danke, die Redaktion/mk

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Hollywood | Buenos Aires | Unesco | Falklandkrieg | Nicaragua | Schweden
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