Blick über Luanda, die Hauptstadt von Angola © Kim Ludbrook dpa/lni

ZEIT ONLINE: Frau Slomka, im Rahmen einer ZDF-Reportage haben Sie letztes Jahr Afrika bereist. In Ihrem Buch schildern Sie Ihre ganz persönlichen Eindrücke. In welchen Ländern waren Sie unterwegs?

Marietta Slomka: In dem Buch liegen die Schwerpunkte auf Ruanda, Äthiopien, Kenia, Angola und Mosambik. Für die TV-Dokumentation haben wir insgesamt fünf Wochen in Afrika gedreht. Es sind aber auch frühere private Reisen in das Buch eingeflossen.

ZEIT ONLINE: Viele Menschen verbinden mit diesen Ländern Gewalt, Hunger, Dürre und Perspektivlosigkeit. In Ihrem Buch zitieren Sie ein altes Sprichwort aus Äthiopien: "Kein Zeuge ist besser als die eigenen Augen". Wie sieht Afrika durch Ihre Augen aus?

Slomka: Das Afrika, das ich kennen gelernt habe, ist vielfältiger als die Klischeebilder, die in unseren Köpfen so präsent sind. Ziel dieses Buches ist es deshalb auch, den Blick auf diesen Kontinent zu weiten. Das heißt natürlich nicht, dass es dort keine großen Probleme mehr gibt. Aber eine ganze Reihe afrikanischer Länder befindet sich im wirtschaftlichen Aufbruch. Längst haben ausländische Investoren das Potenzial des Kontinents wieder entdeckt. Das gängige Klischee, Afrika sei ein armer Kontinent, ist ja falsch. Es gibt dort große Bodenschätze wie Öl, Diamanten und sehr fruchtbare Böden – zum Beispiel ausgerechnet in Äthiopien, das wir in erster Linie als Hungerland wahrnehmen. Dabei werden dort riesige Ländereien an ausländische Investoren verpachtet, die Weizen, Mais und Biodiesel anbauen. Brot für die Welt aus Äthiopien sozusagen. Gerade vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage – und das ist ein weiteres Anliegen meines Buches – warum in Afrika trotz dieses Reichtums so viel Armut herrscht.

ZEIT ONLINE: Haben Sie darauf eine Antwort gefunden?

Slomka: Einfache Antworten gibt es da nicht. Die Kolonialgeschichte spielt eine große Rolle. Ein anderer Einflussfaktor ist der sogenannte "Ressourcenfluch". Also jenes Phänomen, dass es den Bevölkerungen in Ländern, die über große Bodenschätze verfügen, häufig sehr viel schlechter geht als in Ländern ohne große natürliche Ressourcen. Bodenschatz-Länder sind oft besonders anfällig für Kriege, die um dieser Schätze Willen geführt und durch sie auch finanziert werden – Öl und Diamanten zum Beispiel. Das lässt sich gerade auf dem afrikanischen Kontinent leider gut beobachten. Oft geht in solchen Ländern politische Macht mit extremem Reichtum einher. Deshalb besteht auch wenig Bereitschaft, demokratischen Wechsel zuzulassen und damit die Quelle des Reichtums aus der Hand zu geben. In diesen Ländern sind Diktatoren häufig Jahrzehnte lang an der Macht. Die extreme Ungleichverteilung in der Gesellschaft, mit einer armen Mehrheit und einer reichen kleinen Führungsclique, führt auch dazu, dass wenig in Bildung investiert wird. Mit Ölquellen im Hintergrund ist eine Regierung auf gut ausgebildete Arbeitskräfte weniger angewiesen. Kurzum: Bodenschätze können ein großer Fluch sein.

ZEIT ONLINE: Was Sie da beschreiben trifft besonders auf ein Land zu, das Sie in Ihrem Buch als "Absurdistan" bezeichnen...

Slomka: Mit "Absurdistan" beschreibe ich in meinem Buch eine Szene in Angola. Ein Land, das durch seine enormen Ölvorkommen eigentlich sehr reich ist, wo aber zwei Drittel der Einwohner von weniger als zwei Dollar am Tag leben müssen. Dazu gibt es eine Anekdote, an der man erkennt, wie verzerrt das gesellschaftliche Leben in einem solch diktatorisch regierten Land sein kann: Wir besuchten einen Dorfvorsteher, der uns voller Stolz seinen größten Schatz präsentierte – einen Flatscreen-Plasma-Fernseher. Den hätte er von der Parteizentrale in der Hauptstadt als Belohnung für seine gute Arbeit bekommen. Jetzt könnten sie sich im Dorf Telenovelas und Fußballspiele anschauen. Was die Parteikollegen in der Hauptstadt leider nicht berücksichtigt hatten war, dass es in dem Dorf gar keinen Strom gab. Und so stand dieser Fernseher ungenutzt und dunkel in einer kleinen Hütte herum. Das war schon ziemlich absurd.

ZEIT ONLINE: Absurd ist auch, dass die Hauptstadt Luanda zu den teuersten Städten der Welt gehört. Wie haben Sie die Stadt wahrgenommen?

Slomka: Reichtum sieht man nur in einigen wenigen kleinen Bezirken. Aber macht man es an den Immobilienpreisen fest, ist Luanda dank des Ölbooms tatsächlich eine der teuersten Städte der Welt. In einigen Gegenden sieht es aus wie in Saint-Tropez. Mit Yachthafen, schicken Restaurants und Porsche Cayennes, die durch die Straßen fahren. Doch der größte Teil dieser Stadt ist ein einziges Drecksloch, um es krass zu formulieren.

ZEIT ONLINE: Lockt die Saint-Tropez-Atmosphäre auch Touristen nach Angola?

Slomka: Nein, Angola ist kein Touristenland. Mosambik hingegen hat mit seinen weißen Sandstränden und dem türkisblauen Wasser enormes Potenzial. Ob das auch richtig genutzt wird, und die einfache Bevölkerung davon auch profitieren kann, ist eine andere Frage.

 "Das meiste Geld, das im Tourismus verdient wird, fließt eben nicht an Einheimische"

Ein Händler in Maputo, Mosambik © Jon Hrusa dpa

ZEIT ONLINE: Welche Probleme entstehen durch den Tourismus?

Slomka: In erster Linie sind es ausländische Investoren, die Hotels hochziehen und am Tourismus verdienen. Ähnlich ist es in Kenia. Der Massai, der neben dem Nationalpark lebt, profitiert überhaupt nicht von den Einnahmen. Mir war wichtig, einen Blick hinter die kitschige Safarikulisse zu werfen, die wir aus zahlreichen Herzschmerz-Filmen kennen. In einigen Gegenden Kenias, wie beispielsweise in der Masai Mara, stapeln sich die Minibusse. Manche Safari-Touristen verhalten sich, als seien sie auf Sauftour am Ballermann. Das ist Massentourismus und hat natürlich auch Konsequenzen für die Natur. Die vielen Minibusse und schweren Jeeps fahren das Grasland platt, schrecken Tiere auf oder stören sie bei der Jagd. Zeitweise werden ganze Areale für den Safaritourismus gesperrt, damit sie sich wieder erholen können.

ZEIT ONLINE: Das klingt nicht gerade positiv. Bietet der Tourismus denn auch Chancen?

Erschienen bei C. Bertelsmann, ISBN: 978-3-570-10076-9 © C. Bertelsmann

Slomka: Zunächst muss man sagen, dass natürlich nicht jede Safari einer Sauftour gleicht! Das sind Extremfälle. Am anderen Ende der Skala gibt es auch anspruchsvollen Öko-Tourismus, bei dem selbst das Shampoo im Hotelbadezimmer ökologisch abbaubar ist. Ein solch gehobener Tourismus "mit gutem Gewissen" hat natürlich auch schnell seinen Preis. Man kann dem Massentourismus aber auch entgehen, ohne ein Vermögen zu zahlen. Investiert man etwas Zeit in die Suche, findet man preiswerte und individuelle Unterkünfte. Und wird der Tourismus von Regierungen klug gesteuert, könnte er für die einheimische Bevölkerung auch viele Chancen bieten. Es gibt schon positive Ansätze, aber im Moment ist in Ländern wie Kenia oder Mosambik der Großteil von dieser Einnahmequelle noch abgeschnitten. Das meiste Geld fließt eben nicht an Einheimische, sondern geht aus dem Land wieder heraus, an ausländische Investoren. An europäische, indische oder auch arabische Hotelketten zum Beispiel. Während der Kampf um Lebensraum rund um die Nationalparks unvermindert weitergeht. Wer hat Vorrang: Elefanten oder Massai? Das ist nicht so einfach zu beantworten.

ZEIT ONLINE: Gab es etwas, das Sie auf Ihrer mehrwöchigen Reise besonders vermisst haben?

Slomka: Ich reise, um etwas anderes zu erleben als das, was ich von zu Hause kenne. Dann bin ich so fasziniert und neugierig von dem, was ich erlebe, dass ich auch mit weniger Schlaf und Komfort auskomme. Auch im privaten Erholungsurlaub kann ich nicht die ganze Zeit am Pool liegen, sondern möchte hinter die Kulissen blicken. Dann sucht man die Gespräche mit Einheimischen und tut das als Journalistin vielleicht noch mehr als ein "normaler" Tourist. So einfach lässt sich der Beruf nicht ablegen. Ich fahre jedenfalls gerne in ferne Länder und auch in Drittweltländer, um mir selbst ein Bild zu machen. Dadurch hat sich auch mein Blick auf Afrika sehr verändert.

ZEIT ONLINE: Inwiefern?

Slomka: Er hat sich erweitert. Das ging mir zum Beispiel in Äthiopien so. Ich wusste, dass Äthiopien kein dürres Land ist, sondern sehr fruchtbare Böden besitzt. Natürlich gibt es dort auch Wüstenregionen, aber in erster Linie ist die Landschaft geradezu alpin. Gelandet sind wir in Adis Abeba, eine der höchst gelegenen Metropolen der Welt. Als ich aus dem Fenster schaute, hat mich die Gegend an den Schwarzwald erinnert. Das war schon sehr verblüffend. Plötzlich merkt man, wie stark diese Klischeebilder im Kopf verwurzelt sind, obwohl man sich zuvor in der Theorie intensiv mit dem Land beschäftigt hat. Ein indischer Investor, den ich in Äthiopien traf, brachte das sehr schön auf den Punkt: "Bei uns im Fernsehen sah Äthiopien immer ganz anders aus." Das ist so ein Beispiel dafür, wie eingeschränkt der eigene Blick sein kann, wenn man ihn nicht bewusst weitet.

ZEIT ONLINE: Von diesen Aha-Erlebnissen gab es sicherlich viele auf Ihrer Reise. Können Sie ein Schlüsselerlebnis nennen, das Sie besonders beeindruckt hat?

Slomka: Ruanda hat mich sehr bewegt. Unter anderem hat es mich fasziniert zu erfahren, was für eine wichtige Rolle Frauen in der ruandischen Gesellschaft spielen. Die Hälfte der Parlamentssitze wird von Frauen gehalten und die Hälfte der Unternehmen von Frauen geleitet. Was natürlich auch mit dem Genozid zusammenhängt, bei dem mehr Männer als Frauen ums Leben kamen. Ich habe in Kigali eine ganze Clique ruandischer Geschäftsfrauen kennengelernt und wir haben bis spät in die Nacht diskutiert und auch viel Spaß miteinander gehabt. Das war ein Erlebnis, an das ich sehr gerne zurückdenke.