ZEIT ONLINE: Welche Probleme entstehen durch den Tourismus?

Slomka: In erster Linie sind es ausländische Investoren, die Hotels hochziehen und am Tourismus verdienen. Ähnlich ist es in Kenia. Der Massai, der neben dem Nationalpark lebt, profitiert überhaupt nicht von den Einnahmen. Mir war wichtig, einen Blick hinter die kitschige Safarikulisse zu werfen, die wir aus zahlreichen Herzschmerz-Filmen kennen. In einigen Gegenden Kenias, wie beispielsweise in der Masai Mara, stapeln sich die Minibusse. Manche Safari-Touristen verhalten sich, als seien sie auf Sauftour am Ballermann. Das ist Massentourismus und hat natürlich auch Konsequenzen für die Natur. Die vielen Minibusse und schweren Jeeps fahren das Grasland platt, schrecken Tiere auf oder stören sie bei der Jagd. Zeitweise werden ganze Areale für den Safaritourismus gesperrt, damit sie sich wieder erholen können.

ZEIT ONLINE: Das klingt nicht gerade positiv. Bietet der Tourismus denn auch Chancen?

Slomka: Zunächst muss man sagen, dass natürlich nicht jede Safari einer Sauftour gleicht! Das sind Extremfälle. Am anderen Ende der Skala gibt es auch anspruchsvollen Öko-Tourismus, bei dem selbst das Shampoo im Hotelbadezimmer ökologisch abbaubar ist. Ein solch gehobener Tourismus "mit gutem Gewissen" hat natürlich auch schnell seinen Preis. Man kann dem Massentourismus aber auch entgehen, ohne ein Vermögen zu zahlen. Investiert man etwas Zeit in die Suche, findet man preiswerte und individuelle Unterkünfte. Und wird der Tourismus von Regierungen klug gesteuert, könnte er für die einheimische Bevölkerung auch viele Chancen bieten. Es gibt schon positive Ansätze, aber im Moment ist in Ländern wie Kenia oder Mosambik der Großteil von dieser Einnahmequelle noch abgeschnitten. Das meiste Geld fließt eben nicht an Einheimische, sondern geht aus dem Land wieder heraus, an ausländische Investoren. An europäische, indische oder auch arabische Hotelketten zum Beispiel. Während der Kampf um Lebensraum rund um die Nationalparks unvermindert weitergeht. Wer hat Vorrang: Elefanten oder Massai? Das ist nicht so einfach zu beantworten.

ZEIT ONLINE: Gab es etwas, das Sie auf Ihrer mehrwöchigen Reise besonders vermisst haben?

Slomka: Ich reise, um etwas anderes zu erleben als das, was ich von zu Hause kenne. Dann bin ich so fasziniert und neugierig von dem, was ich erlebe, dass ich auch mit weniger Schlaf und Komfort auskomme. Auch im privaten Erholungsurlaub kann ich nicht die ganze Zeit am Pool liegen, sondern möchte hinter die Kulissen blicken. Dann sucht man die Gespräche mit Einheimischen und tut das als Journalistin vielleicht noch mehr als ein "normaler" Tourist. So einfach lässt sich der Beruf nicht ablegen. Ich fahre jedenfalls gerne in ferne Länder und auch in Drittweltländer, um mir selbst ein Bild zu machen. Dadurch hat sich auch mein Blick auf Afrika sehr verändert.

ZEIT ONLINE: Inwiefern?

Slomka: Er hat sich erweitert. Das ging mir zum Beispiel in Äthiopien so. Ich wusste, dass Äthiopien kein dürres Land ist, sondern sehr fruchtbare Böden besitzt. Natürlich gibt es dort auch Wüstenregionen, aber in erster Linie ist die Landschaft geradezu alpin. Gelandet sind wir in Adis Abeba, eine der höchst gelegenen Metropolen der Welt. Als ich aus dem Fenster schaute, hat mich die Gegend an den Schwarzwald erinnert. Das war schon sehr verblüffend. Plötzlich merkt man, wie stark diese Klischeebilder im Kopf verwurzelt sind, obwohl man sich zuvor in der Theorie intensiv mit dem Land beschäftigt hat. Ein indischer Investor, den ich in Äthiopien traf, brachte das sehr schön auf den Punkt: "Bei uns im Fernsehen sah Äthiopien immer ganz anders aus." Das ist so ein Beispiel dafür, wie eingeschränkt der eigene Blick sein kann, wenn man ihn nicht bewusst weitet.

ZEIT ONLINE: Von diesen Aha-Erlebnissen gab es sicherlich viele auf Ihrer Reise. Können Sie ein Schlüsselerlebnis nennen, das Sie besonders beeindruckt hat?

Slomka: Ruanda hat mich sehr bewegt. Unter anderem hat es mich fasziniert zu erfahren, was für eine wichtige Rolle Frauen in der ruandischen Gesellschaft spielen. Die Hälfte der Parlamentssitze wird von Frauen gehalten und die Hälfte der Unternehmen von Frauen geleitet. Was natürlich auch mit dem Genozid zusammenhängt, bei dem mehr Männer als Frauen ums Leben kamen. Ich habe in Kigali eine ganze Clique ruandischer Geschäftsfrauen kennengelernt und wir haben bis spät in die Nacht diskutiert und auch viel Spaß miteinander gehabt. Das war ein Erlebnis, an das ich sehr gerne zurückdenke.