Mexiko-Stadt ist kein guter Ort zum Leben. Dieses Klischee wird nur zu gerne von Einheimischen bekräftigt, die ihre Heimatstadt voll Hassliebe als El Monstruo bezeichnen – das Monster. Eine Verbesserung der Situation brachte ausgerechnet die verstärkte Polizei- und Militärpräsenz im Zuge des Drogenkriegs, der seit 2006 tobt. Sie hat die Regionen im Norden ins Chaos gestürzt, aber die Hauptstadt wesentlich sicherer gemacht. Besonders die einst prächtigen, aber durch das Erdbeben von 1985 teilweise zerstörten und in der Folge heruntergekommenen Altbauviertel erleben eine Wiederentdeckung. In Gegenden wie dem historischen Zentrum oder der südwestlich gelegenen Colonia Roma eröffnen Bars, Clubs und Galerien. Die durch günstige Mieten befeuerte Aufbruchsstimmung erinnert ein wenig an das Berlin der Neunziger.

Zentrum des neuerlichen Booms der Colonia Roma ist die Avenida Álvaro Obregón, die das Viertel von Westen nach Osten durchschneidet. Unter den Zypressen und Eukalyptus-Bäumen des Boulevards befindet sich auch das Ladenbüro des Pariser Designers und Antiquitätenhändlers Emmanuel Picault. Der ehemalige Mitstreiter der Design-Legende Philippe Starck war einer der ersten Kreativen, die sich hier niederließen. "Vor einigen Jahren war das noch eine raue Gegend", sagt er. "Die alten, verlassenen Bürgerhäuser wurden teilweise von zehn Familien illegal bewohnt. Entsprechend groß waren die Spannungen, aber ich fühlte mich sofort zu Hause. Schließlich erinnert das Viertel mit seinen Parks und Brunnen an Paris – nur dass es hier viel aufregender ist." Er freut sich darüber, dass heute viele seinem Beispiel gefolgt sind. "Seit neuestem kann man hier sogar prima ausgehen", sagt er.

Picault selbst ist für den gewagten Entwurf eines der ersten Clubs der Gegend verantwortlich – dem M.N. Roy, das letzten Monat seine Eröffnung feierte. Der von mexikanischer Architektur begeisterte Franzose hat in einem verfallenen Altbau die Decken entfernt und darin eine Miniatur-Kathedrale aus Tropenholz errichtet. "Wir wollten einen urbanen aztekischen Tempel schaffen", sagt er. Um den Charme der Gegend zu erhalten, habe man sich darauf beschränkt, eine Art Haus im Haus zu bauen. Von außen sieht man nichts bis auf die baufällige Fassade. Dennoch ist der Club schon jetzt eine Topadresse für die hiesige Schickeria. Frei von Ironie ist das nicht, denn einst gründete der indische Philosoph M.N. Roy in dem Gebäude die kommunistische Partei Mexikos.

Nur wenige Blocks von Picaults Agentur entfernt, in der Calle Colima, findet sich in einer ehemaligen Lagerhalle die Galerie Labor. Die Galeristin Pamela Echeverría kam vor einem Jahr hierher. "Früher war das hier eine Lagerhalle. Die Behörde nutze sie um die Versorgung mit Grundnahrungsmitteln zu sichern", sagt sie auf einer der Hängematten in ihrer großzügigen Bibliothek. "Aber das Gebäude verwaiste, nachdem sich das politische System Mexikos änderte. Ich bezahle hier immer noch einen Spottpreis. Das erlaubt es mir, meine Künstler ohne viel Rücksicht auf kommerzielle Belange auszuwählen." Sie repräsentiert etwa die Mexikanerin Teresa Margolles, die für ihre kontroversen Arbeiten über den Drogenkrieg bekannt ist.