Avgónyma auf Chios

"Wir sprechen Türkisch", steht am Souvenir-Shop am Hafen von Chios. Die ostägäische Insel stellt sich auf neue Kundschaft ein: Türkische Beamte, die neuerdings ohne Visum auf die nahe gelegene Insel reisen können. "Wohlhabende Türken geben an einem Wochenende viel mehr Geld aus, als ein deutscher oder holländischer Pauschaltourist in einer Woche", sagt der Manager des Chandris-Hotels am Hafen von Chios.

Die Insel ist vom Massentourismus weitgehend verschont geblieben, setzt eher auf Individualtouristen. Auch jetzt, mitten in der Krise, soll das so bleiben. Doch das dürfte schwierig werden. Noch weiß niemand genau, wie viele Gäste im Sommer kommen werden.

Die großen Reiseveranstalter hingegen freuen sich schon jetzt. "Griechenland liegt bei den Buchungszahlen zweistellig über der Entwicklung des Vorsommers", sagte Volker Böttcher, Chef des Marktführers TUI Deutschland, der Wirtschaftswoche. Ganze 13,2 Prozent mehr Griechenland-Buchungen für den Sommer als 2010 seien es bei der TUI. Auch Dertour verzeichnet in diesem Jahr ein "hohes zweistelliges Umsatzplus", bei Thomas Cook sei es "gut einstellig". Ein Grund für diese Steigerungen sind sicherlich Billigangebote, mit denen die Veranstalter locken: Hotels sind bei Thomas Cook beispielsweise deutlich günstiger als im Vorjahr, L´Tur verkauft Pauschalreisen rund 15 Prozent billiger. Verzichten müssen die Urlauber trotz niedrigerer Preise auf nichts. Für deutsche Pauschalurlauber gebe es in Griechenland "keine relevanten Leistungseinschränkungen", sagte TUI- Sprecher Mario Köpers. Dass Griechenland wirtschaftlich schwer gebeutelt sei, spiele für Urlauber "keine wirkliche Rolle".

Für die Apartmentvermieter und Tavernenbesitzer allerdings schon. Viele der für Griechenland typischen kleinen Familienbetriebe bangen um ihr Überleben. Im Gegensatz zu den großen Veranstaltern können sie sich massive Preisnachlässe mittelfristig nicht leisten, denn der Alltag ist teuer geworden. Um bis zu 15 Prozent sind die Preise in den letzten Monaten gestiegen. Benzin kostet bis zu 1,80 Euro pro Liter. Und die Mehrwertsteuer steigt immer weiter.

"Bisher waren es 9 Prozent auf Speisen und 16 Prozent auf Alkohol", sagt der Wirt der Taverne "Zum Anker" in Megas Limionas auf Chios." Ab 1. September sind es 23 Prozent auf alles. Eigentlich müsste ich dann bei den Preisen 10 Prozent aufschlagen. Aber die Gäste, vor allem die griechischen Touristen, die im Sommer kommen, haben selbst kein Geld mehr in der Tasche. Sie gehen ohnehin schon seltener essen als früher. Was soll ich also tun?" So schlecht sei es bei ihm in den letzten 15 Jahren nicht gelaufen. "Rhodos, Kreta, Kos – die typischen Pauschalreiseziele melden Zuwächse von 30 bis 40 Prozent. Hier merkt man davon nichts", sagt er und zuckt resigniert mit den Schultern.

Mit zeitlich befristeten Sonderangeboten versuchen viele Hotels auf Chios, Gäste anzulocken. Selbst im Argentikon, einem der teuersten Hotels der Ägäis, gibt es Preisnachlässe: Statt ab 500 Euro ist eine Suite in einem Palast aus dem 16. Jahrhundert schon ab 380 Euro pro Nacht zu haben. Günstiger ist es bei Kiki Psomadakis, die im Norden der Insel kleine Steinhäuser vermietet. Im Juni kostete ein Haus für zwei Personen 55 statt 85 Euro pro Nacht. Die Preise sind im Moment, wie fast überall, Verhandlungssache. "Normalerweise sind um diese Zeit Deutsche, Holländer und Franzosen da", sagt Psomadakis. "Dieses Jahr nicht." Die Angst vor Streiks halte sie ab, vermutet sie. Oder gar vor Ausschreitungen. Dabei ist auf den Inseln davon nichts zu spüren. Es sei denn, das Fährpersonal oder die Fluglotsen beteiligen sich am Generalstreik, so wie im vergangenen Juni. Dann müssen die Gäste schon mit Verspätungen oder Ausfällen rechnen.