BurgenlandDie Marke Liszt

Vor 200 Jahren wurde Franz Liszt geboren. Der Ort Raiding im Burgenland feiert den "Titan der Tonkunst" und betreibt Kulturtourismus aus dem Lehrbuch. von Kolja Reichert

Das Geburtshaus von Franz Liszt im burgenländischen Raiding. Prominent platziert vor dem Eingang: ein Bild des jungen Liszt am Klavier.

Das Geburtshaus von Franz Liszt im burgenländischen Raiding. Prominent platziert vor dem Eingang: ein Bild des jungen Liszt am Klavier.   |  © Maedi Photographie

Yui Tezuka steht vor Raiding, einem kleinen Dorf am Rande Österreichs, im Rücken das Geburtshaus Franz Liszts, und zeigt auf das freie Feld: "Hier wollen wir bauen." Das Burgenland liegt heute unter Nebelschleiern, und man muss sich just dazudenken, was die Gegend eigentlich ausmacht: die 300 Sonnentage, denen sie hervorragende Wein verdankt; die 400 Vogelarten, die am Naturpark Neusiedler See Station machen oder, wie die Störche, ihre Nester bauen; und die Kulturtouristen, die man hier in jüngster Vergangenheit verstanden hat anzulocken, mit den Seefestspielen in Mörbisch, den Haydn- Festspielen in Eisenstadt und dem noch jungen Liszt-Festival in Raiding.

Yui Tezuka führt gemeinsam mit seiner Frau in Tokio ein international beachtetes Architekturbüro. Er präsentiert auf einem iPad seinen Kindergarten, der kürzlich von der OECD ausgezeichnet wurde: ein Flachdach wie ein Stadionrund, Auslauffläche für glückliche Kinderscharen. Das Projekt für Österreich ist kleiner: ein weißer Würfel, fünf mal fünf Meter, das Dach aufklappbar wie ein Konzertflügel. Hier könnten nach Konzerten im Liszt-Zentrum die Künstler schlafen. Unter dem weißen Klappdach stünde ein schwarzer Flügel, und der Architekt träumt schon davon, einmal selbst dort zu sitzen, über Liszts Geburtsort zu blicken und den "Liebestraum" zu spielen.

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Den Raidingern muss der Kopf schwirren angesichts der Kräfte, die sich um ihr Dorf formieren. Erst kamen die Politiker, dann die Musiker und jetzt noch die Japaner. Liszts Geburtsort ist zur internationalen Spekulationsstätte geworden, an der sich im Liszt-Jahr 2011 beispielhaft die Mechanismen des boomenden Kulturtourismus zeigen.

Während des Kalten Krieges war das Burgenland, das bis 1921 zu Ungarn gehörte, ein vergessener Landstrich im Schatten der undurchlässigen Grenze. Nach der Wende gelang der Region der Aufschwung, mit EU-Förderprogrammen, Kulinarik und Kultur. "Es ist für das Burgenland ein immenses Geschenk, zwei Giganten wie Haydn und Liszt zu haben", schwärmt Johannes Kutrowatz. "Diese Markenzeichen muss man nicht erfinden, mit denen kann man arbeiten."

Kutrowatz bildet mit seinem Bruder Eduard ein Klavierduo mit eher mäßigem Renommee. Die gebürtigen Burgenländer lehren in Wien, gründeten die lokale Liszt-Gesellschaft und übernahmen 2009 die Leitung des Liszt-Festivals in Raiding. Wenn Johannes Kutrowatz über den "Giganten" Liszt spricht, verschränken sich seine kräftigen Finger vielförmig.

Franz Liszt war Wegbereiter der Programmmusik, Erfinder des Solo-Klavierkonzerts und erster internationaler Superstar des vom Bürgertum getragenen Konzertbetriebs. Posthum wurde Liszt von der Forschung nichts geschenkt, anders als bei den Altersgenossen Chopin und Schumann können sich Pianisten mit zu viel Liszt die Finger verbrennen. "Das Liszt-Jahr könnte der Ausgangspunkt sein für eine weltweit größere Beachtung der Person Liszts", hofft Kutrowatz, der im Lauf des Jahres internationale Liszt-Interpreten wie Leslie Howard, Ivo Pogorelich und Martin Haselböck mit der Wiener Akademie nach Raiding holt.

In Paris, wohin Liszt im Alter von zwölf Jahren vom Vater gebracht wurde, um in den Salons als Wunderkind Karriere zu machen, ist das Liszt-Jahr kaum Thema. Auch in London nicht, obwohl er dort früh als Virtuose gehandelt wurde. Budapest hingegen – der Komponist fühlte sich als Ungar, auch wenn er kaum Ungarisch sprach – verklärt ihn fast zum Nationalheiligen. In Thüringen, wo er in Weimar als Hofkapellmeister wirkte, gibt es 200 Konzerte, Wettbewerbe und Ausstellungen. Auch in Bayreuth, wo Liszt seine Tochter Cosima an Richard Wagner verheiratete und wo er begraben liegt, wird in bescheidenem Rahmen gefeiert.

Leserkommentare
  1. Schade, es ist zu spät, um zum festival nach Nohant zu kommen, aber hier gab es einige Konzerte und sogar Festivals für des Liszt-Jahr!

    http://www.classiquenews....

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