Die älteren Touristen am Strand von Warnemünde staunen. Da liegt eine Gruppe junger Leute auf ihren Surfbrettern im Sand und paddelt mit den Armen. Einer streckt den Oberkörper hoch, ein anderer versucht mit einer eleganten Bewegung aus dem Liegen in den Stand zu kommen. "Das ist doch nicht Hawaii hier", sagt eine Zuschauerin, "Seit wann gibt es in der Ostsee große Wellen?"

Sicherlich, mit den legendären Spots auf Hawaii ist der Abschnitt vor dem Hotel-Klotz Neptun kaum zu vergleichen. Dafür bietet "Warnifornia", wie es von den Einheimischen liebevoll genannt wird, einen ganz anderen Vorteil. Alle zwei Stunden, immer dann, wenn die Fähre aus Gedser in den nahen Hafen einläuft, entstehen perfekte Wellen. Für etwa 10 bis 15 Minuten rollen grün-weiße Walzen von bis zu 1,5 Meter Höhe an den Strand. Den ganzen Sommer lang. Stets nach Fahrplan.

Es ist 16.20 Uhr. Die Silhouette der Scandlines-Fähre aus Dänemark taucht verschleiert aus dem Einheitsgrau aus Meer und Himmel auf. In zehn Minuten geht es los mit den Wellen. Je rascher sich das Schiff dem Festland nähert, umso größere Hektik breitet sich am Strand aus. Vor dem Supreme Surf Beachhouse, einer Surfschule aus ein paar Containern samt kleiner Strandbar, schlüpfen Jungs und Mädels in ihre Neoprenanzüge, wachsen die Surfboards oder machen Dehnübungen.

Auch die Gruppe der Anfänger, die eben noch etwas behäbig im Sand geübt hat, darf mit ihren Softboards jetzt endlich ins Wasser. Stefan und Isa aus Hamburg waren vor zwei Jahren zum ersten Mal zum Wellenreiten in Mecklenburg-Vorpommern. Jetzt kommen sie immer dann, wenn die Nordseeküste spiegelglatt ist. "Selbst im Sommer wird es hier im Line-Up kaum zu voll. Das Beste ist aber, dass man nicht auf die Wellen warten muss. Sie kommen immer zuverlässig. Manchmal ganz sauber und dann wieder vom Wind zerblasen", sagt Stefan und springt mit Board in die  Ostsee.

Etwa 70 Meter vor der Küste warten Stand-up-Paddler, Short- und Boggieboarder wie an einer Perlenkette aufgezogen. Alle freuen sich auf die großen Bug- und Heckwellen der Fähre, die gleich in die Bucht einläuft. Die Bedingungen sind perfekt. Es herrscht ablandiger Wind, der die Welle sauber und steil formt. Trotzdem wissen selbst erfahrene Surfer nie, wie gut die Welle zu fahren ist. Faktoren wie Gewicht, Geschwindigkeit und der Moment des Abbremsens der Fähre beeinflussen die Wellenbildung. Wenige Momente später rauscht das erste Set heran. Die Profis paddeln energisch mit ihren Händen, um die grüne Wasserwand vor dem Brechen zu erwischen. Isa schafft einen guten Take Off, gleitet parallel zum Strand und umkurvt dabei ein paar Badegäste.