Sie wollen das Leben der Einheimischen verbessern: Freiwillige Helfer zu Besuch in Costa Rica. © Adriana Zuñiga

Die Bushaltestelle in Altamira sieht aus, als hätte sich ein Enkel des katalanischen Architekten Antoni Gaudí ein Denkmal gesetzt. Der runde Bau in Form eines halbierten Schweizer Löcherkäses ist von innen und außen mit Mosaiken bedeckt. Auf der offenen Seite wird die Decke von zwei an Bäume erinnernden Pfeilern gestützt, in die eine Weltkugel eingearbeitet ist. Die Betonsitze, ebenfalls mosaikbepflastert, sind im Zopfmuster gehalten. Gleich daneben führt ein kleiner Fußweg zum Restaurant von Asoprola, der örtlichen Vereinigung der Bioproduzenten.

Die Bushaltestelle ist die Visitenkarte von Asoprola. "Der Entwurf stammt von Pancho, einem lokalen Künstler", sagt Yessica Suarez stolz. Gebaut wurde sie jedoch von jungen Erwachsenen aus den USA. Seit die Vereinten Nationen den ländlichen Tourismus fördern, um so der Armut entgegenzuwirken, kommen regelmäßig Reisegruppen mit arbeitswilligen Studenten in das 280-Einwohner-Dorf. Und die wollen beschäftigt werden. Yessica Suarez ist Verwaltungsleiterin von Asoprola. Die 23-Jährige kümmert sich heute um den Empfang der nächsten Freiwilligengruppe.

Die hat sich verspätet. Doch jetzt hört man ein Brummen, zieht eine Staubwolke auf. Dann erkennt man den weißen Hyundai-Bus. Ein Dutzend müder junger Leute steigt aus: Studenten aus dem Bundesstaat Maine in den USA. Yessica Suarez begrüßt die Gruppe und bittet die Neuzugänge ins Restaurant. Lisa, eine Masterstudentin, der man die Strapazen der Anreise ansieht, möchte zuerst ihre Kontaktlinsen auswaschen. Ihre Augen tränen. Fast neun Stunden hat der Bus für die Fahrt von Costa Ricas Hauptstadt San José nach Altamira gebraucht.

Altamira liegt im Distrikt Biolley, am Fuß des länderübergreifenden Biosphärenparks La Amistad , der 1983 von der Unesco zum Weltnaturerbe erklärt wurde. In der hügeligen Landschaft grasen Zebu-Rinder. Auf den Feldern wächst ein aromatischer, säurearmer Arabica-Kaffee, der in Premium-Qualität auf dem Weltmarkt gehandelt wird. Wegen der Nähe zum Park sind in der Region viele verschiedene Tiere zu Hause. Durch die Baumwipfel am Fluss toben die Affen. Seltenen Vögeln wie dem Quetzal kann man selbst in der Nähe der Hauptstraße begegnen.

Die geografische Lage des Dorfes ist Segen und Fluch zugleich. Vor rund zehn Jahren, als die internationalen Kaffeepreise am Boden lagen, stand fast jeder zweite Hof zum Verkauf. Heute ist Biolley eine prosperierende Region, die auch jungen Bewohnern wieder eine Perspektive bietet – nicht nur, weil sich der Kaffeepreis erholt hat.

Mindestens genauso wichtig ist, dass fast jedes Dorf seine touristische Infrastruktur aufgebaut hat. In Biolley, so scheint es, ist durch das breite Angebot an ländlichem Tourismus und Kurzzeit-Ehrenämtern eine Win-win-Situation entstanden. Die Touristen leben vor der exotischen Naturkulisse ihre Sehnsucht aus, etwas Sinnvolles zu tun. In den Dörfern gedeiht dafür ein touristischer Nischenmarkt mit sozialem und ökologischem Anspruch, der die Kassen der Dorfbewohner füllt.

Im Versammlungsraum wird kalter Saft ausgeschenkt. Während der Vorsitzende der Biovereinigung ausholt, um die Neuankömmlinge über die Kooperative und die Region zu informieren, fallen Lisa bereits die Augen zu. Erst mit Einbruch der Dämmerung löst sich die Runde auf. Die Studenten nehmen ihr Gepäck. Die Gastfamilien warten schon.

Am nächsten Morgen sitzen die Biologen Neil Taylor und Pablo Porras in dem von der Kooperative betriebenen Restaurant. Sie koordinieren den Freiwilligen-Einsatz und reisen mit der Studentengruppe durch Mittelamerika. Die Teilnehmer sollen jeweils für zwei bis vier Wochen pro Station zu einer "nachhaltigen Dorfentwicklung" beitragen und "in eine andere Kultur eintauchen". Nebenbei stehen auch Naturführungen, Strandtage und Funsportarten auf dem Programm. "Die konkrete Projekterfahrung in mehreren Ländern bedeutet für junge Menschen eine Chance", sagt Neil Taylor. "Wenn sie an unserem Programm teilnehmen, positionieren sie sich schon vor dem Studienabschluss für eine führende Rolle im Bereich Nachhaltigkeit." Rund 13.000 Dollar kostet die Teilnahme pro Person. Bezahlt wird diese meist von den Eltern.