Fastenbrechen in Belgrad Eine Tafel für alle Religionen

In Belgrad feiern serbische Muslime mit ihren jüdischen und christlichen Nachbarn das Fastenbrechen. Die Veranstalter wollen daraus ein Fest für die ganze Stadt machen.

Der orthodoxe Pope Petrovic (li.) und der serbische Mufti Jusufspahic unterhalten sich am Rande der Bayram-Tafel in der Belgrader Innenstadt.

Der orthodoxe Pope Petrovic (li.) und der serbische Mufti Jusufspahic unterhalten sich am Rande der Bayram-Tafel in der Belgrader Innenstadt.

Unter den Platanenkronen erklingen die nasalen Gesänge muslimischer Männerchöre, der Duft der orientalischen Köstlichkeiten weht um die Gründerzeit-Häuser der Belgrader Innenstadt. Die Bürgersteige sind mit langen Tischreihen vollgestellt, Zimt, Koriander, Knoblauch und Ingwer kitzeln die Nase.

Atheisten und Neugierige, Juden und Katholiken, Christen und Muslime – alle sind gekommen, um den Bayram, das Fastenbrechen, hier zu feiern. Im Schatten der Bajrakli-Moschee aus dem 16. Jahrhundert, in der Gospodar-Jevremova-Straße, warten sie nun ungeduldig, dass die Bayram-Tafel freigegeben wird.

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Leila Alomerovic (42) organisiert schon zum dritten Mal das Zusammenkommen der Religionen. "Gott sei Dank leben wir heute wieder im Frieden", sagt die serbische Muslima, die Vorsitzende des muslimischen Kulturvereins Gajret ist. "Ich hoffe, das die Bayram-Tafel eines Tages so bekannt wird, dass auch Fremde in unsere Stadt kommen um mit uns Bayram zu feiern. Dann können wir zeigen, wie groß unser Herz ist." Neben Alomerovic steht Aleksandar Necak, der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde. "Wir sind nicht nur Nachbarn, wir sind Freunde. Und was gibt es Schöneres, als mit Freunden zusammen zu essen", sagt Necak.

Leila Alomerovic organisiert schon zum dritten Mal das Zusammenkommen der Religionen.

Leila Alomerovic organisiert schon zum dritten Mal das Zusammenkommen der Religionen.

Wie tolerant Belgrad über Jahrhunderte war, zeigt das Umfeld der Bajrakli-Moschee. Alle drei Religionen bauten ihre Gotteshäuser in unmittelbarer Umgebung - der Sitz der jüdischen Gemeinde und die Synagoge sind gleich um die Ecke, die Domkirche der serbisch-orthodoxen Kirche ist nicht weit, ein paar Straßen weiter steht die katholische Kirche.

Als die Bajrakli-Moschee 1575 entstand, war das heutige Serbien ein Teil des Osmanischen Reiches, Belgrad, an zwei Flüssen gelegen, eine blühende Handelsstadt, in der Türken, Juden, Griechen, Venezianer und Slawen lebten. Erst nach den Befreiungskriegen im 19. Jahrhundert wurde Belgrad zur serbischen Hauptstadt, die Bevölkerung war vorwiegend serbisch-orthodox. Die Toleranz gegenüber anderen Religionen blieb jedoch – bis zu den Balkankriegen.

Doch auch danach eskalierte die Gewalt, zuletzt 2004, als serbische Brandstifter die Bajrakli-Moschee anzündeten. Die Täter sind bis heute nicht angeklagt, die Moschee nicht saniert.

An diesem Freitagnachmittag ist das kleine Gotteshaus dennoch überfüllt. Vor der Moschee waschen sich die Gläubigen noch eilig die Füße, die Schuhe der Verspäteten versperren den Eingang. Zusätzliche Teppiche werden im Hof ausgerollt, auch hier beten die Menschen. Auf der Straße hallen die Worte des serbischen Mufti.

Muhamed Jusufspahic, der Obermufti der Islamischen Gemeinde Serbiens, setzt sich für Integration der Muslime in die serbische Gesellschaft ein. In seiner Ansprache sagt er: "Allah ist mit uns, wir Muslime sind glücklich, in Serbien zu leben und hier, unter Freunden und Nachbarn unserem Gott dienen zu dürfen."

Leser-Kommentare
    • poetin
    • 03.09.2011 um 16:40 Uhr

    Eine prima Initiative, diese Religions- und Kulturen-Zusammenführung. Und vielleicht bezeichnend, von wem sie ausgeht? Fest steht: Die Welt braucht mehr davon!

  1. [...]

    Gekürzt. Bitte beteiligen Sie sich mit sachlichen Argumenten an der Diskussion. Danke. Die Redaktion/ag

    • Kyriae
    • 03.09.2011 um 18:42 Uhr

    Es heißt ja immer, das die ersten 6 Jahre prägend sind und man die Kinderheit sehr glorifiziert oder hasst.
    Als Kind in dem Alter wohnte ich in einer kleinen Stadt im nördlichsten Bundesland und auch hier haben wir alle zusammen gefeiert: Christen, Juden, Muslime, Atheisten, weiß, schwarz, gelb (auch wenn ich diese Begriffe net mag im Bezug auf Menschen).
    Natürlich, es war nicht immer alles Friede, Freude, Eierkuchen, aber zu der Zeit konnte man sich noch mit Respekt streiten und wenn man jemanden gesagt hat: Du bist ein Idiot! Dann kam niemand auf die Idee da irgendeinen Rassen- oder Religionshass hinterzusehen, dann war man in dem Augenblick eben ein Idiot. Am nächsten Tag sah die Welt schon anders aus.

    Heute ist sie grausam, denn heute definieren sich die Menschen nur noch über ihre Religion, ihrer "Rasse", ihrer Wurzeln und vergessen dabei ganz Mensch zu sein. *seufz*

    Eine Leser-Empfehlung
  2. Ein sehr wichtiger Schritt zu einer Normalisierung.
    Doch leider liegt genau hier der Irrtum der Bosniaken (als Muslimani ist war/ist in (ex-) Jugoslawien wurden die Bosniaken bezeichnet),die hier als serbische Muslime bezeichnet werden.Sie sind serbische Staatsbürger,aber keine Serben!
    Ihre Friedfertigkeit und Toleranz ist zu bewundern,doch genau diese Tugenden wurden Ihnen in den letzten 60 Jahren zum Verhängnis.Sie waren immer die Opfer der serbisch-orthodoxen Kirche,die durch diese Toleranz ihre Großserbischen Phantasien bedroht sah.
    Man schaue sich nur die Waffensegnungen durch serbische Priester während des bosnischen Krieges an.Vom 1.- bzw. 2.Weltkrieg will ich erst gar nicht reden.

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    Seit wann ist "Moslem" eine Nationalität? Die muslimischen Serben sind natürlich Serben, was denn sonst? Das wäre ja so als würde man zu den orthodoxen Christen in Serbien sagen: "Sie sind serbische Staatsbürger, aber keine Serben!"

    "Bosniaken" haben keine eigene Ethnizität (bzw. eine künstliche und erzwungene) und sind ethnische Serben, genau wie die orthodoxen Serben. Dadurch, dass die "Serben" stur und fest das Gegenteil behaupten und an dieser Geschichtsklitterung festhalten(um die Hoheit darüber zu behalten, wer ein "echter" Serbe ist und wer nicht), wird dieser unhistorische Unsinn nicht richtiger.

    Seit wann ist "Moslem" eine Nationalität? Die muslimischen Serben sind natürlich Serben, was denn sonst? Das wäre ja so als würde man zu den orthodoxen Christen in Serbien sagen: "Sie sind serbische Staatsbürger, aber keine Serben!"

    "Bosniaken" haben keine eigene Ethnizität (bzw. eine künstliche und erzwungene) und sind ethnische Serben, genau wie die orthodoxen Serben. Dadurch, dass die "Serben" stur und fest das Gegenteil behaupten und an dieser Geschichtsklitterung festhalten(um die Hoheit darüber zu behalten, wer ein "echter" Serbe ist und wer nicht), wird dieser unhistorische Unsinn nicht richtiger.

  3. doch glatt den Wilders mal einladen sollen, oder den Sarrazin.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    AlexB1985, ich möcht Sie daran erinnern, dass Thilo Sarrazin in seinem Buch "Deutschland schafft sich ab" in der Hauptsache den Tatbestand einer breiten Gruppe nicht integrationswiller Muslime in Deutschland referiert, und er tut dies mit einem üppigen Zahlenwerk, zu dem auch Kriminalitätsstatistiken und finanzielle Transferleistungen gehören. Wie man an Ihrem Kommentar unschwer erkennen kann, blieb dieser Tabubruch nicht ohne Folgen. Weite Teile des publizistischen und des politischen Establishments sowie der Islamverharmloser bemühen sich seit dem aus Sarrazin die Karikatur eines demokratiefeindlichen Populisten zu machen, und schrecken dabei nicht vor gezielter Verfälschung seiner Aussagen zurück.

    AlexB1985, ich möcht Sie daran erinnern, dass Thilo Sarrazin in seinem Buch "Deutschland schafft sich ab" in der Hauptsache den Tatbestand einer breiten Gruppe nicht integrationswiller Muslime in Deutschland referiert, und er tut dies mit einem üppigen Zahlenwerk, zu dem auch Kriminalitätsstatistiken und finanzielle Transferleistungen gehören. Wie man an Ihrem Kommentar unschwer erkennen kann, blieb dieser Tabubruch nicht ohne Folgen. Weite Teile des publizistischen und des politischen Establishments sowie der Islamverharmloser bemühen sich seit dem aus Sarrazin die Karikatur eines demokratiefeindlichen Populisten zu machen, und schrecken dabei nicht vor gezielter Verfälschung seiner Aussagen zurück.

    • Kyriae
    • 03.09.2011 um 22:30 Uhr

    dann hätte er mal über seine Sprüche nachdenken müssen. Und den Sarrazin kennen die glaub ich da unten gar nicht. Was auch gut so ist.

    • essilu
    • 03.09.2011 um 22:32 Uhr

    ...Initiative. Und gut, dass einmal jemand davon berichtet. Es gibt sie durchaus, Initiativen dieser Art. Nur erfährt man viel zu wenig davon. Ich habe mich gefreut über diesen Artikel...
    ...und, wie sagte einst Theodor Herzl:"Wenn ihr wollt, ist es kein Märchen." Das macht Mut - in jeder Hinsicht. Es ist eine ganz bestimmte, positive Grundhaltung, die Zuversicht vermittelt und anspornt.

  4. Und da behaupte einer, in den Medien gäbe es nur noch schlechte Nachrichten.
    Ich bin wirklich ein Fan von solchen friedlichen und freudigen religionsübergreifenden Festen, in denen Toleranz und Nächstenliebe gepflegt werden und nicht persönliche Eitelkeiten. Einfach toll, angesichts der der nicht müde werdenden Agitatoren, die von einer Unvereinbarkeit der Religionen und von Glaubenskriegen faseln.
    Warum dieser Artikel aber unter die Rubrik "Reisen" und nicht "Gesellschaft" gestellt wurde, verschließt sich mir.

    @AlexB1985: Solch eine Einladung halte ich für falsch. Wer mit diesen Menschen feiern möchte, muss von sich aus kommen, denn es ist offen für alle.

    MfG
    AoM

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