FrankreichDie Wiederbelebung alter Templer-Dörfer

Wo vor 800 Jahren die Tempelritter siedelten, leben heute Aussteiger und Handwerker. Auch Touristen sind willkommen im Dorf La Couvertoirade im französischen Larzac. von 

Die Kirche und die alte Burg von La Couvertoirade

Die Kirche und die alte Burg von La Couvertoirade  |  © Kim Bach/Wikimedia Commons

Den schönsten Arbeitsplatz von La Couvertoirade hat Béla Schaeffer. Sein Arbeitsgerät, ein museumsreifer hölzerner Webstuhl, steht im Garten vor dem renovierten Haus zwischen blühenden Malven und Rosenbüschen. Über steinbedeckten Dächern erhebt sich im Hintergrund eine mittelalterliche Wehrmauer, die die winzige Stadt im Herzen des Larzac-Plateaus noch heute vollständig umrahmt. Aus der Wolle von Lacaune-Schafen, die hier auf der kargen Hochebene heimisch sind, webt Béla Schaeffer hübsche Schals, Jacken und Tischdecken . Er ist einer der wenigen Handwerker, die das ganze Jahr über in der Stadt wohnen.

Früh am Morgen wirkt das autofreie Bilderbuchstädtchen wie ausgestorben. Außer einem Alten mit dicken Brillengläsern zeigt sich von den Einheimischen nur Monsieur Schaeffer. Eine Katze liegt eingerollt unter seinem klappernden Arbeitsgerät, Schwalben segeln im Zickzackflug über den ineinander verschachtelten Dächern. Der Blick schweift über kopfsteingepflasterte Gassen, Häuser aus Kalkstein und bleibt hängen an der Johanniterkirche aus dem 16. Jahrhundert. Hinter dem Gotteshaus scheint die Sonne auf verwitterte Grabsteine. Dort erkennt man eingemeißelte Templerkreuze mit sich verbreiternden Balkenenden, Kreise und andere rätselhafte Symbole. Sie erzählen die Geschichte von La Couvertoirade.

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"In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg wollte hier niemand mehr leben", sagt Béla Schaeffer. Damals habe es in den heruntergekommenen Gebäuden mit meterdicken Steinmauern keine Bäder gegeben. "Es existierte weder eine öffentliche Trinkwasserleitung noch eine richtige Kanalisation." Handwerkern und Aussteigern wie dem grauhaarigen Weber ist es zu verdanken, dass heute in La Couvertoide ganzjährig wieder etwa 30 Menschen wohnen, sogar einige junge Familien mit Kindern.

Sie setzten die maroden Gebäude wieder instand und sorgten für funktionierende Abwasser- oder Trinkwasserleitungen. Im Erdgeschoss, wo einst die Ställe waren, befinden sich heute Cafés oder Geschäfte, in denen einheimische Produkte verkauft werden: Kastanienhonig oder Roquefortkäse, der nur mit Milch von auf dem Larzac-Plateau weidenden Lacaune-Schafen hergestellt werden darf. In sonst leerstehenden Häusern logieren Touristen. Oder Wanderer, die entlang der Fernwanderroute GR 71 C zwischen La Cavalerie, Nant, La Couvertoirade, Cornus und Saint Eulalie auf den Pfaden der Templer unterwegs sind. Denn es waren Tempelritter, die diese lebensfeindliche Karstlandschaft einst im Mittelalter besiedelten. Auf ihre Spuren kann man im Larzac heute noch überall treffen.

Ein Rundwanderweg auf alten Pilgerstrecken

Der Orden der Templer, wie sie sich auch nannten, wurde 1119 im Tempel von Jerusalem gegründet. Nachdem Kreuzritter die Stadt 1099 erobert hatten, galt es, die Pilgerwege ins Heilige Land zu sichern. Dieser Aufgabe nahm sich der neue Ritterorden an. Auf dem Larzac-Plateau bekamen die kriegerischen Mönche, die mit dem Schwert ebenso vertraut waren wie mit dem Rosenkranz, um die Mitte des 12. Jahrhunderts von Raymond Bérenger IV., dem König von Aragon, Ländereien geschenkt.

Dort widmeten sie sich der Viehzucht, dem Ackerbau – und auch dem weniger frommen, aber einträglichen Waffenhandel. Bald hatten die Tempelritter enorme Reichtümer angesammelt, etwa indem sie Geld verliehen und eine Art Reisescheck erfanden: Pilger, die den Mönchen bei einem ihrer Stützpunkte Geld hinterlegten, konnten es sich gegen eine satte Kommission in Jerusalem wieder ausbezahlen lassen. Zum Zentrum ihrer vielseitigen Aktivitäten im Larzac wählten die Templer Sainte Eulalie de Cernon. Die Kommende im oberen Cernon-Tal bildet heute auch den Ausgangs- oder Endpunkt der etwa 80 Kilometer langen Rundwanderung über das Hochplateau in den Fußstapfen der cleveren Gottesmänner.

Gegen Mittag fallen in La Couvertoirade Busladungen eiliger Tagesausflügler ein, doch schon am späten Nachmittag hüllt sich der mittelalterliche Ort wieder in Schweigen und Einsamkeit. Um den Massen auszuweichen, brechen die Wanderer zeitig auf. Es empfiehlt sich, Proviant mitzunehmen, vor allem ausreichend Trinkwasser. Außerhalb größerer Siedlungen gibt es in dieser dünn bevölkerten Region keine Einkehrmöglichkeiten, Wasser ist hier ein seltenes Gut: Wenn es einmal regnet, versickert es schnell im porösen Kalkgestein.

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    • Schlagworte Frankreich | Wiederbelebung | Alter | Brunnen | Jerusalem
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