Es wird steil, gefährlich steil. Die rostige Eisenleiter führt fast senkrecht die Felswand hinab. Die Stufen sind rutschig. Jetzt nur nicht runterschauen, auch wenn das das Ziel ist: der Grund des Canyons, durch den grün der Verdon rauscht.

Vor 260 Millionen Jahren befand sich die Hochebene von Canjuers auf dem Grund eines Ozeans. Die Erosion meißelte in den bis zu 2.000 Meter hohen Jura-Kalk bizarre Felsskulpturen: riesige Naturkathedralen mit schiefen Wänden, Kuppeln, Pfeilern, Torbögen, Fenstern und nadelspitzen Türmen aus hellgrauem Stein. Der Verdon, der auf 2.150 Metern im Sestrière Massiv entspringt, hat sich im Lauf der Jahrtausende bis zu 700 Meter tief in die Berge hinein gegraben.

Heute ist er durch mehrere Stauseen gezähmt und mäandert durch sein von Felsbrocken übersätes Bett. Leuchtend grün, wegen des hohen Fluorgehalts. Verdon kommt vom französischen vert – grün. Mit dem 177.000 Hektar umfassenden Schutzgebiet Parc Naturel Régional du Verdon zählt der Grand Canyon du Verdon zu den Hauptattraktionen der Provence. Während der Sommermonate sind hier Radfahrer, Sportkletterer und Kanuten unterwegs. Auch für Rafting oder Riverboogie eignet sich das kalte Wasser. 

Mehr von der Landschaft hat man aber zu Fuß. Die bekannteste Route ist der Sentier Martel. Der Pfad wurde nach Edouard Alfred Martel benannt, dem französischen Höhlenforscher, dem es 1905 erstmals gelang, die Schlucht zu bezwingen. Heute ist der Weg gut ausgebaut und markiert. Neben den eisernen Leitern gibt es Drahtseile, die schwierigsten Passagen kann man durch Tunnels umgehen, die vor einigen Jahren in die Felsen gesprengt wurden. Anspruchsvoll ist der Sentier Martel dennoch: Er erfordert Trittsicherheit und man muss damit rechnen, etwa sieben Stunden unterwegs zu sein.

Von La Maline geht es im Zickzackkurs abwärts – hinunter in Richtung Fluss, der immer wieder zwischen Gebüsch und Felsen auftaucht. Gesteinsschicht für Gesteinsschicht wandert man entlang der Entstehungsgeschichte der Erde. Aus überhängenden Felsritzen wachsen knorrige Wacholderbüsche – sie kommen offenbar ohne Erde aus. Mächtige Pinien recken sich zum Licht, Ginster und Aronstabgewächse bedecken das Geröll. Es duftet nach Baumharz, Lorbeer, Thymian und Salbei.

In der Hochsaison sind an manchen Tagen Hunderte Touristen auf dem Sentier Martel unterwegs. Steht man früh genug auf, hat man den Canyon aber für sich. Man hört den Schotter unter den Füßen knirschen, vereinzelte Vogelstimmen. Sieht Gämsen oder Adler, die im Aufwind ihre Kreise drehen.

Für seine Erstbegehung des Canyons vor über 100 Jahren benötigte der Höhlenforscher Martel drei Tage. Er hatte einen einheimischen Führer dabei, mehrere Boote und verwendete Hanfseile und Strickleitern, die mit Eisenhaken am Felsen befestigt wurden. "Wir sind am Ende unserer Kräfte und staunen nur noch. Ein Höhlendach am rechten Ufer, eine wahre Grotte des Styx, scheint den Verdon zu verschlucken. Hier ist das Weiterkommen unmöglich", schrieb er über die Expedition in seinem 1928 veröffentlichten Buch La France Ignoree .

Am Point Sublime, einem Aussichtspunkt über der Schlucht, erinnert eine Bronzetafel an Isidor Blanc aus Rougon, der Martel damals begleitet hat. Der Bergführer wird in der Gegend als Tourismuspionier verehrt. Jahrhundertelang waren die Täler und Dörfer am Canyonrand von Abwanderung betroffen. Heute steigt die Zahl der Menschen in Castellane, Rougon und Palud sur Verdon im Sommer auf ein Vielfaches.

Am Couloir Samson beginnt der Streckenabschnitt mit mehreren Tunnels. An einigen Stellen, wo sich kleine Fenster zum Fluss hin öffnen, kann man noch gut die primitiven Eisenkonstruktionen erkennen, über die der Weg früher außen herum führte. Die meiste Zeit geht man jedoch im Dunkeln. Das Licht der Stirnlampe fällt auf Pfützen und kleine Bäche, die das durch den Fels sickernde Wasser gebildet hat. Es riecht nach Moder.

Auf diesem letzten Stück kann es passieren, dass einem Spaziergänger in Badehose und Gummilatschen entgegen kommen. Nach den Tunnels bahnt sich der Verdon den Weg aus einer bemoosten Klamm, wird breiter und ruhiger. Hier, wo das Ufer von einem feinkörnigen Sandstreifen gesäumt wird, ist ein beliebter Bade- und Picknickplatz. Besser, man bleibt noch eine Weile. Bis hinauf nach Point Sublime ist es noch eine knappe Stunde. Der schönste Teil des Wegs endet jedoch hier.