Brauerei in Flensburg Zwischen Schmonzette und Sudpfanne
Plop und nochmals Plop: In Flensburg ist das Brauen touristischer Programmpunkt. Besucher lernen, wozu die Entalkoholisierungsanlage gut ist und wer den Bottich putzt.
Neulich am Strand, irgendwo bei Flensburg. Thies und Erich sitzen auf einer Düne und sehen aufs Meer. Der Blick ist weit, irgendwie gegenwartsentleert. Thies schießt unvermittelt ein Foto und legt Melancholie über sein Gesicht. Erich verzieht keine Miene. Zwei Bierverschlüsse gehen auf. Es macht Plop. Durch Thies' Föhnfrisur weht der Wind, neben ihm weht Sand über die alte Ledertasche, die er von seinem Großvater geerbt hat, und deren Besitz Thies als einen Bewahrer von Traditionen ausweist.
Neulich in einer Brauerei, irgendwo in Flensburg. Draußen hüllt Bindfadenregen die Stadt ein, kalte Schauer fallen auf die Förde. Drinnen sitzen drei Dutzend Urlauber in Beschäftigungsnot vor einer Leinwand. Eine blonde Dame entbietet ein herzhaftes "Moin, Moin" zum Gruße, dann beginnt die Vorführung eines Filmes, in dem es eigentlich um Bier geht. Doch den Filmemachern ist es gelungen, das "eigentlich" in einer Schmonzette voller Wertebeschwörung und Meeresrauschen zu verstecken. Zwischen vielfältigen Plops fallen so lange die Worte "Familie", "Heimat" und "Liebe", bis auch der letzte Besucher kapiert, dass hier nicht irgendein Bier und schon gar kein modernes Gesöff gebraut wird, sondern in jedem Schluck der Geist der Jahrhunderte bewahrt ist. Dafür wird außer der Geschichte des niedlichen Thies, der mit seiner Kamera Bilder macht, wie dazumal sein in der Brauerei beschäftigter Großvater, noch eine Liebesgeschichte aufgeboten, in der der Heldin eine Muschelkette um den Hals baumelt. Plop. Außerdem sitzt in den Dünen ein gewisser Bendix, ein Anzugträger, der "lange im Ausland" war und nun "entdeckt hat, dass sein wahres Glück nicht in fremden Ländern liegt". Plop.
Ganze 15 Minuten dauert der Imagefilm der deutschen Brauerei, die ihre Flaschen konsequent mit Bügelverschlüssen schmückt und für ihre Werbekampagne nicht nur die zerzauste norddeutsche Landschaft bemüht, sondern auch die Maulfaulheit ihrer Bewohner zum Kult gemacht hat. Mehr als zwei Sätze und das typische Öffnungsgeräusch der Bügel braucht es nicht, um die Botschaft eines herben, ehrlichen Biers an den Mann zu bringen.
Mit drei Stunden Zeit und für den Preis von elf Euro, Schinkenbrot und Bierchen inklusive, kann man sich in Flensburg die Herstellung dieses Bieres in allen Einzelheiten erklären lassen. "So werde ich gebraut. Plop", ist der Titel der Besichtigungstour. "Ich zeig Ihnen jetzt mal, wie das Plop in die Flache kommt und Sie zeigen mir am Ende, wie das Plop wieder hinauskommt", fasst die Führungsdame den eigentlichen Sinn des zwei Kilometer langen Rundgangs durch die Brauerei zusammen. Dabei könnte es durchaus sein, dass dieser Rundgang demnächst als Kulturveranstaltung gilt.
Im Mai dieses Jahres übergaben die Mitglieder des Deutschen Instituts für Reines Bier eine Resolution an die Bundesregierung. Darin stand, man möge für den internationalen Schutz des Reinheitsgebotes sorgen und dafür, dass Bier von der Unesco geschützt wird: als "immaterielles Kulturerbe". Bei immateriellem Kulturerbe handelt es sich um gelebte Traditionen, und dass das Biertrinken in Deutschland eine solche ist, steht ja außer Zweifel.
Ganz materiell ist der Regen, durch den man ins Sudhaus laufen muss. Dort ist es schön warm. Der Maischbottich und der Läuterbottich sind aus blitzendem Kupfer – "das putzen bei uns die Azubis" – und auf einem Tischchen sind die Zutaten aufgebaut, die es braucht, ein Bier nach dem Reinheitsgebot von 1516 zu brauen. Dazugehöriger Text in der Broschüre: "Dieses strenge Gebot verlangt nach Sorgfalt und Verantwortung."
Die Besucher lernen, dass nur weibliche Hopfenpflanzen die typische Bierwürze erzeugen und wie viel Gerste in einer Flasche ist. In einer Vitrine stehen die bisherigen Abfüllflaschen und spiegeln den Biergeist ihrer Zeit, an einer Wand sind Utensilien ausgestellt, mit denen die Bierbrauer vergangener Jahrzehnte hantierten – auch das Kultur, kaum Unesco-verdächtig allerdings. Wer will, kann sich in der Gruppe vor dem Maischbottich fotografieren lassen und findet sein Bild künftig auf der Brauerei-Website.
Im Nebenraum köchelt Sud in modernen Bottichen, der Geruch ist streng, die Hitze ist es auch, doch wie das alles funktioniert, ist ein alter Hut. Hopfen und Malz sind auch verloren, als die Besuchergruppe durch Gär-, Lager- und Filterkeller gebracht wird. Die Apparate blitzen, Schalttafeln blinken, aber Stimmung kommt da nicht auf. Spannend wird es erst, als die Flaschenabfüllung erreicht ist und in rasantem Tempo Tausende von Glasflaschen auf den Förderbändern laufen, von Greifarmen hochgehoben und wieder abgesenkt werden, in Reinigungsmaschinen landen, befüllt, verbügelt, in Kästen verpackt werden. Da ist Tempo drin, manche Flasche hält die 3,5 Bar nicht aus und explodiert mit lautem Knall, klirrend kommt die Flaschenkette zum Stehen und läuft sausend wieder an. Dass es eine Aroma-und-Nikotin-Erkennungsmaschine gibt, die ein paar Millionen Euro kostet und merkt, wenn Zigaretten in einer Flasche ausgedrückt oder Terpentin eingefüllt wurden, macht die Runde staunen. Auch andere Informationen erweitern den Erkenntnisstand: dass eine Million Flaschen am Tag befüllt werden, das Bier durch 500 Kilometer Rohr fließt, bis es endlich am Ziel ist, für die Reinigung jeder Flasche 120 Liter Wasser drauf gehen, jeder Brauereimitarbeiter pro Tag zwei Liter Bier umsonst erhält. Vielleicht muss man das nicht wissen, aber schaden kann es auch nicht.
Nunmehr in gehobener Stimmung geht es in die Entalkoholisierungsanlage, wo man das Wort Fallstrom-Vakuumverdampfung lernt und mit ein bisschen Gespür für Physik auch dessen Bedeutung erkennt. Noch Transport-Tunnel und Sortierhalle, dann ist der theoretische Teil vorbei. Im "Blauen Salon" ist der Tisch gedeckt. Die Bierflaschen müssen alle Besucher zugleich öffnen. Die Führungsdame zählt bis drei, ein gigantisches Plop ertönt. Wer jetzt möchte, der kann sich im Plop-Shop mit Plop-Souvenirs eindecken.
Die Chancen, bald Bier trinken zu können und gleichzeitig das Kulturgut zu wahren, stehen übrigens gut. Der Präsident des federführenden Instituts, der bayerische Bundestagsabgeordnete Herbert Frankenhauser von der CSU, erklärte, mit dem Kulturerbe-Vorstoß auf einhellige Zustimmung getroffen zu sein. Es könne sich jetzt nur noch um Monate handeln, bis der Vorschlag Wirklichkeit werde.
Flensburger Brauerei, www.flens.de. Anmeldung zur Tour unter 0461 - 318 02 110, Mo – Fr 10, 14 und 18 Uhr, Dauer: drei Stunden, 11 Euro pro Person
Führungen für Rollstuhlfahrer nach Voranmeldung möglich
- Datum 18.10.2011 - 11:59 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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Bestandteil welcher Ausbildung ist denn Kesselputzen?
"...für die Reinigung jeder Flasche 120 Liter Wasser drauf gehen..."
Die Flensburger Brauerei füllt geschätzt jedes Jahr 125 Mio Flaschen ab. Wenn für jede Flasche 120 Liter zur Reinigung gebraucht würden, wäre das ein Wasserverbrauch von 1,5 Mrd Liter pro Jahr nur für die Flaschenreinigung.
Bei solch einer Zahl würde der Herr Resch von der Umwelthilfe aber ganz schön weinen, da die Ökobilanz für seine geliebten Mehrwegflaschen überhaupt nicht mehr aufginge.
Im Rausch der Rettungsschirm-Phantastilliarden kann sich auch ein "Zeit"-Redakteur mal mit den Nullen vertun, aber glücklicherweise werden die Einwohner Flensburgs auch noch weiterhin über Haushaltswasser verfügen können, da die Reinigung einer Flasche in diesem Fall nur 0,12 Liter in Anspruch nimmt.
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