Internationale Flughäfen Kathedralen der Mobilität

Flughäfen sind die Architektur-Ikonen unserer Zeit: Bernhard Schulz reiste zu den spektakulärsten Terminals – von London über Paris und Madrid bis nach Peking und Osaka. von Bernhard Schulz

Flughafen Peking von Sir Norman Foster: Rote und gelbe Farben vermitteln einen "chinesischen" Eindruck.

Flughafen Peking von Sir Norman Foster: Rote und gelbe Farben vermitteln einen "chinesischen" Eindruck.   |  © Nigel Young/Foster + Partners

Es sind nur noch wenige Monate, dann wird einer der betriebstüchtigsten und zugleich architektonisch eigenständigsten Flughäfen für immer "vom Netz genommen": Berlin-Tegel. Der Erstling der beiden gleichaltrigen Berufsanfänger Meinhard von Gerkan und Volkwin Marg, der Begründer und bis heute Prinzipale des größten deutschen Architekturbüros von Gerkan Marg und Partner (gmp), hervorgegangen aus einem Wettbewerb des Jahres 1965 und ein knappes Jahrzehnt später in Betrieb gegangen, ist als innerstädtischer Flughafen nicht mehr akzeptabel. Er ist darüber hinaus zu klein, genügt den heutigen Sicherheitsanforderungen und den daraus resultierenden organisatorischen Notwendigkeiten nur mit Mühe.

Dabei galt Tegel jahrzehntelang unangefochten als Vorbild hinsichtlich der kurzen Wege. 20 Meter vom Auto zum Gate, das war einmal möglich, ehe Sicherheitsschleusen diesen Luxus zum Alptraum der Betriebsleitung machten. Umsteigebetrieb ist schon gar ein Graus, mischen sich doch unentwirrbar die Ströme von Besuchern und allfälligen meeters and greeters.

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Über Tegel kann heutzutage nur mehr nostalgisch lächeln, wer den einen oder anderen der großen Flughäfen der Welt erlebt hat. Ihre Zahl ist geradezu ins Unermessliche gewachsen. Jede Stadt, jede Destination will einen hub, einen Knotenpunkt im Netz der Flugstrecken, will umfangreiche Einkaufs- und Verweilmöglichkeiten im Flughafen realisiert sehen; und Länder, Staaten, Regierungen erwarten darüber hinaus ein gehöriges Maß an Repräsentativität.

Mehr als nur ein gewisses Maß wird in China erwartet. Der Flughafen von Peking musste zu den Olympischen Sommerspielen 2008 mit einem neuen Terminalgebäude glänzen. Tatsächlich ist der Beijing Capital Airport der nach Zahl der Fluggäste am stärksten wachsende Flughafen in der weltweiten Spitzengruppe. Mittlerweile belegt er mit knapp 80 Millionen Fluggästen – in der Zählung der IATA (International Air Transport Association) – den zweiten Rang nach Atlanta in den USA.

Terminal 3 wurde von vornherein auf eine Kapazität von 50 Millionen Passagieren ausgelegt. Mit 1,3 Millionen Quadratmetern ist T3 das flächenmäßig größte Flughafengebäude der Welt. Wer anders als das Londoner Büro Foster + Partners schien geeignet, einen solch komplexen Auftrag, zudem unter enorm hohem Zeitdruck umzusetzen. Foster entschied sich für einen Gebäudekomplex, der spiegelbildlich um jeweils ein dreieckiges, in drei Richtungen ausstrahlendes Kerngebäude herum angeordnet ist. Die Grundfigur sei die eines chinesischen Drachens, so die Erklärung Lord Fosters. Ein geschwungenes Dach fasst die gesamten Baulichkeiten zusammen und bildet eine Hügellandschaft.

Erschienen im Magazin Weltkunst, Ausgabe Oktober 2011

Erschienen im Magazin Weltkunst, Ausgabe Oktober 2011  |  © Weltkunst

Ob die weiteren Superlative zutreffen, die das Büro Foster für den Pekinger Flughafen behauptet, ist schwer zu beurteilen. Nachhaltigkeit, Energieeffizienz, Emissionsreduktion, das sind Schlagworte, ohne die sich ein Bauwerk heutzutage nicht mehr rechtfertigen lässt, schon gar dieser Größenordnung. Doch China ist nicht das Land, das mit sensiblen Daten freimütig umginge. So bleibt der architekturästhetische Eindruck.

Und der ist überwältigend: Denn unter dem zur Mitte hin sich aufschwingenden Riesendach entfaltet sich tatsächlich eine der Raumwirkung mittelalterlicher Kathedralen verwandte Atmosphäre der Entgrenzung. Erstaunlich wenige Rundpfeiler tragen die Dachstruktur, die durch untergehängte parallele Lamellen nicht sichtbar ist. Mehr zu erahnen, denn zu sehen, sind dreieckige Dachluken, die je nach Jahreszeit und Sonnenstand für natürliche Belüftung sorgen. Eine Beleuchtung durch Tageslicht, mag es durch die Dreiecksluken auch einfallen, spielt allerdings keine Rolle. Flughäfen sollen zeitunabhängig und in gleichbleibend hellem Licht bis in den letzten Winkel ausgeleuchtet sein, allein schon, um das individuelle Zeitempfinden der womöglich aus anderen Zeitzonen kommenden und lediglich umsteigenden Passagiere auszugleichen. Von außen gesehen wirken die gleichgerichteten Luken wie Schuppen und verstärken so die Symbolik der Drachenfigur, wie auch im Inneren die Verwendung von signalhaft eingesetzten leuchtend roten und gelben Farbtönen eine unbestimmt "chinesische" Ästhetik aufrufen soll.

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