Hotel in HaitiDas Haus der Geister

Auf dem Hotel Oloffson liegt ein Zauber, sagen die Menschen in Port-au-Prince. Sogar das Erdbeben hat es überlebt. Von Philipp Lichterbeck von Philipp Lichterbeck

Eine Mitarbeiterin auf der Veranda des Hotels. Das Oloffson diente als Schauplatz des Romans "Die Stunde der Komödianten" von Graham Greene.

Eine Mitarbeiterin auf der Veranda des Hotels. Das Oloffson diente als Schauplatz des Romans "Die Stunde der Komödianten" von Graham Greene.  |  © Philipp Lichterbeck

Im Morgengrauen sitzt Richard Morse auf der Veranda und isst Eier mit Tabasco-Sauce, als eine amerikanische Reporterin von ihm wissen will, was er mit seinem Hotel vorhabe. "Ich werde es am Meer neu aufbauen", antwortet Morse, todernst. "Oh, really", quietscht die Amerikanerin. "Yes", sagt Morse, zwei Meter groß, langer Zopf, blauer Anzug, somnambuler Blick, Bass-Stimme. Dann schaut er auf seinen Blackberry: "Sorry, der Präsident." In der Auffahrt steht ein Wagen mit laufendem Motor. Seit Mai ist Morses Vetter Staatschef von Haiti und er sein Berater. Bevor er einsteigt, dreht er sich um: "Lies mal was über unser Land!"

Der Mann, der dann wegbraust, ist nicht der erste exzentrische Chef im Oloffson, und er ist auch nicht der Erste, der in der haitianischen Politik mitmischt. Aber so lange wie Richard Morse hat es bisher keiner an der Spitze des berühmtesten und berüchtigtsten Hotels der Karibik ausgehalten.

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Man muss ihm dafür unendlich dankbar sein. Dass er sich das seit mehr als 25 Jahren antut. Ein großes schiefes Herrenhaus mit Türmen, Balkons und Holzschnörkeln, zwei Stockwerke, knackende Dielen, ausgeleierte Ventilatoren, blätternde Farbe, zersprungene Kacheln, Salamander im Bad und krähende Gockel im verwilderten Garten. Und das mitten in der kaputtesten Stadt der Welt, die in Müll und Armut zu versinken droht. Aber gibt es einen magischeren Ort in Port-au-Prince als das Oloffson? Einen, an dem sich die unglaubliche und traurige Geschichte Haitis so verdichtet, kristallisiert und zu wiederholen scheint? Das Hotel ist wie das Land selbst: zersaust, zäh, nicht unterzukriegen.

Die Story mit Richard Morse begann im Winter 1985/86, als er eigentlich nur aus New York nach Haiti gekommen war, um Gras zu rauchen und Songs für seine Punkband The Groceries zu schreiben. Doch dann verjagten die Haitianer den Diktator Jean-Claude Duvalier und vermasselten ihm die Ferien. Morse war 29 Jahre alt, Sohn eines Yale-Professors und der haitianischen Sängerin Emerante de Pradines. Diese war in erster Ehe mit einem gewissen Max Sam verheiratet gewesen. Den Sams gehörte das Grand Hotel Oloffson, das gerade leer stand, und Richard ließ sich von Max überreden, den maroden Bau zu übernehmen. Ein Voodoo-Priester bestärkte ihn in der Entscheidung. Im November 1987 eröffnete Morse das Haus im noblen Stadtteil Pacot neu, drei Wochen vor den ersten freien Wahlen in Haiti seit 30 Jahren. Morse nahm es gelassen: "Wenn’s friedlich bleibt, kommen Touristen. Wenn Gewalt ausbricht: Journalisten." Es gab Gewalt, 30 Menschen starben, und sogar die vier Reporter, die im Oloffson wohnten, wollten wieder fort.

Nach dem Erdbeben im Januar 2010 ist das Oloffson das einzige Hotel, das im Stadtzentrum von Port-au-Prince noch steht.

Nach dem Erdbeben im Januar 2010 ist das Oloffson das einzige Hotel, das im Stadtzentrum von Port-au-Prince noch steht.  |  © Philipp Lichterbeck

Wenn man heute auf der Hotelveranda steht, schmirgelt und stöhnt die Stadt hinter den großen Palmen im Garten. Durch sie hindurch kann man den Präsidentenpalast erkennen, der wie ein erlegtes Tier am Boden liegt. Dahinter leuchtet still und tiefblau der Golf von Gonaïves in der Morgensonne. Südlich des Meeres erstreckt sich die Ebene von Léogâne. Hier verschoben sich am 12. Januar 2010 in einer Tiefe von 17 Kilometern die karibische und die nordamerikanische Platte zwei Meter gegeneinander, was an der Erdoberfläche ein heftiges Stoßen auslöste und große Teile von Port-au-Prince zum Einsturz brachte. So gut wie alle Hotels im Zentrum wurden zerstört, und selbst im höher gelegenen Pétionville erwischte es das fünfstöckige Montana, die erste Adresse der Stadt, in dem die gesamte Führung der Vereinten Nationen logierte. Aber ein Hotel stand noch in Downtown Port-au-Prince. Das Oloffson. Ausgerechnet. Die Einheimischen hatten es natürlich schon immer gewusst: Auf dem Haus liegt ein Zauber.

Seitdem kommen sie wieder, die Reporter, Katastrophenhelfer, Geschäftsleute, Gauner und Glücksritter, belegen die zehn Zimmer und drei Suiten, essen Avocado-Sandwiches auf der Terrasse, trinken Rum-Punsch an der Mahagoni-Bar und lassen sich von Richard Morse erzählen, wie das war, als von seinem kleinen verrümpelten Büro die ersten Fotos des Bebens in die Welt gesendet wurden, weil hier das Internet seltsamerweise noch funktionierte. Oder wie irgendwann tausende Menschen seine stündlichen Twitter-Einträge verfolgten. Vielleicht aber wälzen sich die Gäste auch schon in ihren durchgelegenen Betten und lauschen den Geistern der Vergangenheit, die über die Flure huschen: Marlon Brando, Truman Capote, Jacqueline Kennedy, John Barrymore und Paulette Goddard. Auch Mick Jagger schlief schon hier, aber der lebt ja noch.

Das Oloffson wurde um 1900 im viktorianischen Zuckerbäckerstil errichtet, und sein Erbauer hatte alles andere als ein Hotel im Sinn. Demosthenes Sam wollte Exklusivität. Sein Vater war gerade Präsident des Landes geworden, und er beauftragte einen französischen Architekten mit dem Bau einer Familienresidenz. Nachdem die Sams aber in das Haus eingezogen waren, verließ sie das Glück. 1915 trat Demosthenes’ Bruder das Präsidentenamt an und befahl die Exekution von 170 Oppositionellen. Darüber war das Volk so erzürnt, dass er Zuflucht in der französischen Botschaft suchen musste. Dort spürte ihn der Mob auf, und er wurde auf der Toilette erschlagen. Das rief die USA auf den Plan. Sie fürchteten, dass Haiti eine dem deutschen Kaiser zugeneigte Führung bekommen könnte, weil auf der Insel einige hundert deutschstämmige Familien lebten. Und so taten die USA, was sie fortan immer taten, wenn ihnen die Lateinamerikaner zu selbstständig wurden: Sie schickten die Marines. Die Soldaten beschlagnahmten die Villa der Sams, verwandelten sie in ein Militärhospital und bauten eine Schwangerschaftsabteilung an. Sie trieben zudem einen Billardtisch aus Mahagoni auf, der in seinem zweiten Leben eine berühmte Bar wurde.

Leserkommentare
    • andyy
    • 22. Oktober 2011 23:01 Uhr

    ganz nett die Homage an das Oloffson. Es hätte es verdient, in eine Topliste der Kultherbergen aufgenommen zu werden. Allerdings hat der Autor seine Recherche höchst möglicherweise von der Bar aus getätigt: dass alle downtown hotels zerstört wurden, ist schlicht nicht so ganz richtig. So hat zum Beispiel das einstige Holiday Inn Plaza auch ohne nennenswerten Schaden überlebt. Im übrigen hat sich gerade in Sachen Müllbeseitigung vor allem in den letzten Monaten sehr viel getan. Wenn schon solche Aussagen, dann bitte richtig!

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    Redaktion

    Sehr geehrte/r andyy,

    Sie haben Recht: im Zentrum ist noch ein zweites Hotel stehen geblieben. Danke für Ihren Hinweis. Wir haben das im Text korrigiert.

    Ihre Vermutung, der Autor hätte seine Recherche "von der Bar aus" getätigt, entspricht jedoch nicht den Tatsachen.

    Grüße aus Redaktion.

  1. Redaktion

    Sehr geehrte/r andyy,

    Sie haben Recht: im Zentrum ist noch ein zweites Hotel stehen geblieben. Danke für Ihren Hinweis. Wir haben das im Text korrigiert.

    Ihre Vermutung, der Autor hätte seine Recherche "von der Bar aus" getätigt, entspricht jedoch nicht den Tatsachen.

    Grüße aus Redaktion.

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    • andyy
    • 08. September 2012 0:47 Uhr

    ok, das mit dem von der Bar aus war natürlich provokativ, aber es sind mehr als zwei Hotels stehen geblieben - mittlerweile war ich gut ein Dutzend Mal in Haiti und die Reisen waren alle problemlos

    • andyy
    • 08. September 2012 0:47 Uhr

    Aufgrund eines Doppelpostings entfernt. Die Redaktion/ls

    • andyy
    • 08. September 2012 0:47 Uhr

    ok, das mit dem von der Bar aus war natürlich provokativ, aber es sind mehr als zwei Hotels stehen geblieben - mittlerweile war ich gut ein Dutzend Mal in Haiti und die Reisen waren alle problemlos

    Antwort auf "Recherche"
    • andyy
    • 08. September 2012 0:47 Uhr

    Aufgrund eines Doppelpostings entfernt. Die Redaktion/ls

    Antwort auf "Recherche"

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