Karl May In 70 Romanen um die Welt

Karl May hat Bücher über ferne Länder geschrieben, ohne dort gewesen zu sein. Er war nicht der einzige, der Millionen Leser in seiner Fantasie mit auf Reisen nahm.

Karl May lebte in Radebeul bei Dresden und reiste meist in seiner Fantasie.

Karl May lebte in Radebeul bei Dresden und reiste meist in seiner Fantasie.

Das Café Loti in Istanbul bietet einen atemraubenden Blick auf das Goldene Horn und die endlose Stadt. Pierre Loti, 1850 in der Bretagne als Julien Viaud geboren, fuhr als französischer Marineoffizier über die Meere. Den Künstlernamen Loti, und damit seine zweite Geburt, so erzählt er in einem seiner Bücher, schenkten ihm Eingeborene auf einer Südseeinsel. Istanbul war der Ausgangspunkt seiner Weltumrundungen, in jenem Café im damaligen Konstantinopel saß er oft, schreibend, den Tag verträumend. Der Maler Henri Rousseau hat ihn mit Fes, geschwungenem Schnurrbart, Zigarette, Goldring und einer Katze porträtiert; so sah und kleidete sich Loti. In verblüffend ähnlicher Aufmachung posierte Karl May für seine Fanpostkarten als Kara Ben Nemsi. Zwei Stars, eine Mode.

Pierre Loti bereist den Fernen Osten, veröffentlicht Bücher über Persien, die Sahara, Ägypten, den Sinai, Galiläa und Jerusalem, wo ihn die "Alltäglichkeit eines Touristenhotels" und die "Gesellschaft von Amerikanern und Engländern", die syrischen Händler mit ihren billigen Souvenirs und ein hartnäckiger Märzregen anwidern. Lotis Beschreibung von Menschen und Ländern ist geprägt vom kolonialistischen Blick. Edward W. Said bezeichnet ihn in seiner berühmten Studie über den "Orientalismus" als "minderen Schriftsteller".

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Immerhin, Loti hat den Orient, er hat die ganze Welt mit eigenen Augen gesehen, und nicht nur im Vorübergehen. Wie skurril nimmt sich dagegen Karl Mays Betrachtung der Stadt am Bosporus aus, die er nur aus Büchern kennt. Er schreibt im Renommierton eines Weltreisenden, der alles schon erlebt hat: "Man sagt, Kopenhagen, Dresden, Neapel und Konstantinopel seien die vier schönsten Städte Europas. Ich habe keine Veranlassung, dieser Behauptung entgegenzutreten. Aber in Beziehung auf Konstantinopel muss ich doch bemerken, dass man diese Stadt nur dann schön zu finden vermag, wenn man sie von außen, vom Goldenen Horn aus betrachtet; sobald man dagegen ihr Inneres betritt, wird die Enttäuschung nicht ausbleiben. (...) Öde, fensterlose Häuser (...) häßliche, struppige Hunde (...) und wegen der Enge der Gassen muss man jeden Augenblick gewärtig sein, von Lastträgern, Pferden, Eseln und anderen Tieren oder auch Menschen in den Kot gerannt zu werden." Nun gut, Dresden kannte er tatsächlich. Dresden/Radebeul war die Hauptstadt des Karl-May’schen Weltreichs der Fiktionen, die er kaum verließ.

Von Bagdad nach Stambul, der dritte Teil seines Orient-Zyklus, erscheint zuerst zwischen 1881 und 1883 im Deutschen Hausschatz als Fortsetzungsgeschichte. Karl May (1842–1912) schrieb gut 70 Romane. Er kam erst 1899 in den Orient und zehn Jahre später – kurz – nach Amerika, alle seine berühmten Werke, "Reiseerzählungen" genannt, sind Reisen in der Fantasie, am Schreibtisch. Von seinen Lesern lässt er sich als bärenstarker Abenteurer und Globetrotter feiern – und als besten Freund des Apatschen-Häuptlings Winnetou, den er erfunden hat. Karl May spricht nach eigenen Angaben Dutzende fremder Sprachen und ebenso viele Dialekte der Indianer und Araber, aber schon sein Englisch ist wohl nicht so toll. May bedient sich beim Schreiben und Erfinden eines umfangreichen Apparats mit Hunderten von Sprachführern, kartografischen Werken, Reise- und Forschungsberichten.

Eine damals durchaus nicht ungewöhnliche Methode: Nicht der Schriftsteller reist durch ferne Länder, vielmehr lässt er sein Buch reisen, und mit dem Buch seine Helden, und mit den Protagonisten das leseabenteuerlustige Publikum. 1873 erscheint in Paris einer der berühmtesten Romane der frühen Moderne, Jules Vernes In 80 Tagen um die Welt. Es geht bekanntlich um eine Wette, die der spleenige Engländer Phileas Fogg gewinnt. Er schafft, allen Schikanen und Pannen zum Trotz, die Erdumrundung per Schiff und Bahn und Reittier in der angegebenen Zeit. "Vernes Beschreibungen all der Länder, die er selbst niemals besucht hat, sind systematische Paraphrasierungen von realen Reiseberichten, Reiseführern und Nachschlagewerken", erklärt der Jules-Verne-Spezialist Volker Dehs.

Die Karl-May-Masche also, mit einigen Unterschieden. Jules Verne behauptet keinesfalls, Phileas Foggs Gewalttour selbst absolviert zu haben und aus eigener Anschauung zu schildern. Es gibt bei ihm auch keine Agenda der Menschheitsbeglückung und Religionsversöhnung, die sich bei Karl May schon früh zeigt. Jules Verne setzt sich mit der neuen Religion des technischen Fortschritts auseinander. Er fliegt zum Mond, dringt zum Mittelpunkt der Erde vor, durchfährt die Meerestiefen im U-Boot, während Karl May einen regelrechten Naturkult betreibt. Winnetou schenkt seinem Blutsbruder Old Shatterhand den Hengst Swallow, Kara Ben Nemsi vermachen seine arabischen Freunde den Rappen Rih (Wind). Fabeltiere, die in höchster Not und Bedrängung Wunder bewirken; kluge, mitfühlende, furchtlose Wesen.

Es gibt viele Formen des fantastischen Reisens. Jules Verne berauscht sich in den 80 Tagen – nicht ohne Ironie – an Dampfschifffahrtsplänen, Phileas Fogg feiert Orgien der Pünktlichkeit auf seiner rasenden Umrundung des Globus. Die ganze Zeit über bleibt er in der Kabine: "Die Stadt zu besichtigen kam ihm erst gar nicht in den Sinn, da er zu jener Sorte von Engländern gehörte, die die Länder, durch die sie reisen, von ihren Bediensteten besichtigen lassen." Phileas Fogg gefällt sich als der ultimative Tourist, ganz bei sich, in einer Kapsel eingeschlossen, äußere Eindrücke ignorierend. Karl May, alias Kara Ben Nemsi, lässt Gottes weite Welt auf sich wirken, er kann sich nicht sattsehen an der Schöpfung, gibt sich der schaukelnden Bewegung der Pferde und Kamele hin – ganz allein in seiner sächsischen Schreibzelle, ein Gefangener seiner Freiheitsfantasien.

Leser-Kommentare
  1. Reisebeschreibungen fasziniert und seine "Menschheits-
    beglueckung und Religionsversoehnung" haben mich tief
    beeindruckt - vielen ist es aehnlich ergangen.
    Ich bin ihm dafuer dankbar.

    Eine Leser-Empfehlung
  2. Reisen ins Ausland waren zeitaufwändig und teuer. Es gab keine Fernseher, PCs (Wikipedia) und andere elektronische Wunder. Soweit so gut ...

    > Karl May wird mit seinen erträumten Wahnsinnstrips der erfolgreichste Autor deutscher Sprache ... <

    Das Wort Wahnsinnstrips hat bei Karl May nichts zu suchen. Es war seine Fantasie und kein Wahnsinn.

    > Karl May und Jules Verne teilen allerdings das Los des megaerfolgreichen Schriftstellers, den die literarische Welt nicht ganz ernst nimmt. <

    Hier stellt sich jetzt die Frage wer mit der "literarischen Welt" gemeint ist und was in diesem Zusammenhang das Wort "ernst" bedeuten soll. Kann man Star Trek und Star Wars ernst nehmen?

    Karl May hat schöne Jugendbücher geschrieben und allen Jugendlichen, die sie gelesen haben, hat sich niemals die Frage gestellt was wirklich real und was Fiktion ist. Im Gegenteil konnte man seiner eigenen Fantasie freien Lauf lassen und sich wünschen einer der geschilderten Charaktere zu sein. Ich habe sie als Jugenlicher alle gelesen und sie haben mir viel Freude bereitet.

    > "Karl May – Untertan, Hochstapler, Übermensch" von Rüdiger Schaper. <

    Der Titel ist anmaßend und beleidigend. ich werde das Buch sicherlich nicht kaufen.

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    .... Mit Arno Schmidt, Wollschläger, et.al.
    .
    Ich fürchte verglichen mit ernst zu nehmenden Biografien und Analysen, der doch recht wissenschaftlixhnw Sekundärliteratur wird wenn man von Titet und dieser Texauszug schliessen darf, wird da nicht mehr als bei Cardauns rauskommen.
    .
    Das Interessante wird die Quellenlage und der Anhang sein. Hoffendlich ist das nicht Gutenbergstile:-))

    .... Mit Arno Schmidt, Wollschläger, et.al.
    .
    Ich fürchte verglichen mit ernst zu nehmenden Biografien und Analysen, der doch recht wissenschaftlixhnw Sekundärliteratur wird wenn man von Titet und dieser Texauszug schliessen darf, wird da nicht mehr als bei Cardauns rauskommen.
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    Das Interessante wird die Quellenlage und der Anhang sein. Hoffendlich ist das nicht Gutenbergstile:-))

  3. Ich habe als Jugendlicher auch alle Bücher von Karl May verschlungen, er hat mich dazu gebracht Nächte unter der Bettdecke durchzulesen.
    Als Erwachsener habe ich dann ein paar der Bücher nochmal gelesen, aber die Faszination war leider nicht mehr die selbe wie früher, schade.
    Übrigens heist das Pferd das Old Shatterhand von Winnetou geschenkt bekommt Hatatitla und nicht Swallow.

    Eine Leser-Empfehlung
  4. Auch ich habe in meiner Jugend alle Bücher Karl Mays gelesen. In gewisser Weise haben sie mich überhaupt erst zum Lesen geführt.

    Und ich bin mir ziemlich sicher, dass Old Shatterhands Hengst nicht "Swallow" sondern "Hatatitla" hieß.

    Eine Leser-Empfehlung
  5. Ein Autor, der ein Buch über Karl May schreibt, aber noch nicht mal Old Shatterhands Pferd kennt? Nun ja, was soll man dazu noch sagen...?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Zitat:...Der Text ist eine Vorabveröffentlichung aus der Biografie "Karl May – Untertan, Hochstapler, Übermensch" von Rüdiger Schaper.
    ####
    Wenn das Buch so oberflächlich ist wie der Artikel wird es wahrscheinlich ein Ladenhüter bleiben :-((
    .
    Schon bei dem Auszug ist mangelde Textkenntniss, keine Überblick über Sekundärlistertur.... massiv zu sehen.
    .
    Dem Autor (anderen auch) sei empfohlen:
    http://www.karl-may-gesel...
    und dan 3X durch das Textarchiv von der Kolportage bis zum Alterswerk.
    .
    Hoogh ich habe gesprochen....
    oder doch besser
    Ich bin dein Beschützer Sidi
    .
    Hadschi Kara ben Sikasuu

    • wurbl
    • 12.10.2011 um 20:12 Uhr

    Denn Vernes Protagonisten in "Reise zum Mittelpunkt der Erde" sind mitnichten bis zum Erdkern vorgedrungen, sondern nur etwa 140 km. Anscheinend gingen Verne irgendwann die Ideen aus, oder die verlangte Seitenanzahl war erreicht, jedenfalls werden die Helden der Erzählung ziemlich plötzlich mittels eines Vulkanausbruchs durch den Stromboli ins Freie geschossen.

    • Chali
    • 13.10.2011 um 6:18 Uhr

    ... darf ich hinweisen auf

    Erich Loest
    Werkausgabe 05. Swallow, mein wackerer Mustang

    EAN: 9783980213998

    Ein Schelm, der Böses dabei denkt.

    Zitat:...Der Text ist eine Vorabveröffentlichung aus der Biografie "Karl May – Untertan, Hochstapler, Übermensch" von Rüdiger Schaper.
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    Wenn das Buch so oberflächlich ist wie der Artikel wird es wahrscheinlich ein Ladenhüter bleiben :-((
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    Schon bei dem Auszug ist mangelde Textkenntniss, keine Überblick über Sekundärlistertur.... massiv zu sehen.
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    Dem Autor (anderen auch) sei empfohlen:
    http://www.karl-may-gesel...
    und dan 3X durch das Textarchiv von der Kolportage bis zum Alterswerk.
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    Hoogh ich habe gesprochen....
    oder doch besser
    Ich bin dein Beschützer Sidi
    .
    Hadschi Kara ben Sikasuu

    • wurbl
    • 12.10.2011 um 20:12 Uhr

    Denn Vernes Protagonisten in "Reise zum Mittelpunkt der Erde" sind mitnichten bis zum Erdkern vorgedrungen, sondern nur etwa 140 km. Anscheinend gingen Verne irgendwann die Ideen aus, oder die verlangte Seitenanzahl war erreicht, jedenfalls werden die Helden der Erzählung ziemlich plötzlich mittels eines Vulkanausbruchs durch den Stromboli ins Freie geschossen.

    • Chali
    • 13.10.2011 um 6:18 Uhr

    ... darf ich hinweisen auf

    Erich Loest
    Werkausgabe 05. Swallow, mein wackerer Mustang

    EAN: 9783980213998

    Ein Schelm, der Böses dabei denkt.

  6. Zitat:...Der Text ist eine Vorabveröffentlichung aus der Biografie "Karl May – Untertan, Hochstapler, Übermensch" von Rüdiger Schaper.
    ####
    Wenn das Buch so oberflächlich ist wie der Artikel wird es wahrscheinlich ein Ladenhüter bleiben :-((
    .
    Schon bei dem Auszug ist mangelde Textkenntniss, keine Überblick über Sekundärlistertur.... massiv zu sehen.
    .
    Dem Autor (anderen auch) sei empfohlen:
    http://www.karl-may-gesel...
    und dan 3X durch das Textarchiv von der Kolportage bis zum Alterswerk.
    .
    Hoogh ich habe gesprochen....
    oder doch besser
    Ich bin dein Beschützer Sidi
    .
    Hadschi Kara ben Sikasuu

  7. .... Mit Arno Schmidt, Wollschläger, et.al.
    .
    Ich fürchte verglichen mit ernst zu nehmenden Biografien und Analysen, der doch recht wissenschaftlixhnw Sekundärliteratur wird wenn man von Titet und dieser Texauszug schliessen darf, wird da nicht mehr als bei Cardauns rauskommen.
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    Das Interessante wird die Quellenlage und der Anhang sein. Hoffendlich ist das nicht Gutenbergstile:-))

    Eine Leser-Empfehlung
    • wurbl
    • 12.10.2011 um 20:12 Uhr

    Denn Vernes Protagonisten in "Reise zum Mittelpunkt der Erde" sind mitnichten bis zum Erdkern vorgedrungen, sondern nur etwa 140 km. Anscheinend gingen Verne irgendwann die Ideen aus, oder die verlangte Seitenanzahl war erreicht, jedenfalls werden die Helden der Erzählung ziemlich plötzlich mittels eines Vulkanausbruchs durch den Stromboli ins Freie geschossen.

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