ZEIT ONLINE: Herr Koch, sie forschen über die Seekrankheit. Sind Sie selbst schon einmal schlimm seekrank gewesen?

Andreas Koch: Ich war ursprünglich Marineflieger, also eher im Hubschrauber als auf dem Schiff. Trotzdem wurde ich auch in der Luft seekrank. Das ist dann eher eine Reise- oder Bewegungskrankheit.

ZEIT ONLINE: In der Fachliteratur gibt es neben dem Begriff "Sea Sickness" , also Seekrankheit, auch den Begriff "Motion Sickness" , also Bewegungskrankheit. Worin besteht der Unterschied?

Koch: Bewegungskrankheit ist der Oberbegriff; Seekrankheit ist ein Teil davon, genauso wie das Unwohlsein, wenn man mit einem Neigezug fährt. Der Begriff Seekrankheit ist nur geläufiger, weil das Schiff das historische Fortbewegungsmittel ist. Die Menschen fahren seit gut 3.000 Jahren zur See: Die Phönizier im Mittelmeer gehörten zu den ersten, und schon von ihnen ist überliefert, dass sie seekrank geworden waren. Selbst Odysseus aus der griechischen Mythologie soll unter Seekrankheit gelitten haben, genauso wie der römische Philosoph Cicero, der britische Admiral Nelson und der deutsche Dichter Goethe.

ZEIT ONLINE: Warum wird man seekrank?

Koch: Man kann seekrank werden, wenn die Eindrücke der Sinne nicht zusammenpassen. Die Sensoren in der Wirbelsäule, in der Muskulatur, in den Gelenken informieren über unsere Lage. Lymphflüssigkeit in den Bogengängen des Innenohres registrieren die Schiffsbewegung. Wenn wir dann aber nicht den Horizont und die schwappenden Wellen sehen, sondern unter Deck einen unbewegten Innenraum, dann kommt es zu einem "mismatch" der Sinneseindrücke. Die Eindrücke stimmen also nicht überein. Wenn dann der Datenabgleich im Gehirn nicht funktioniert, werden Stresshormone und viele andere Botenstoffe ausgeschüttet. Einer davon ist Histamin, ein Botenstoff, der den Brechreiz auslösen kann.

ZEIT ONLINE: Und wie wird man dann im Zug seekrank? Die Landschaft vorm Fenster schwankt ja nicht.

Koch: Wenn einem im Neigezug übel wird, dann liegt das daran, dass sich die Zugwaggons in der Kurve etwas zu spät neigen, haben unlängst Schweizer und US-amerikanische Forscher herausgefunden . In einer Kurve wirkt auf den Zug die Zentrifugalkraft; das ist die Kraft, die uns beim Autofahren in der Kurve ausbrechen lässt, wenn wir zu schnell fahren oder die Straße nass ist. Im Neigezug wird diese Kraft kompensiert, indem die Waggons gekippt werden. Diese Neigung wird aber meist nur auf Höhe der Lok veranlasst, und nicht für jeden Waggon einzeln, so dass die Kurve der Schienen und die Neigung der Abteile nicht überall im Zug synchron sind.

ZEIT ONLINE: Macht sich die Seekrankheit nur durch Übelkeit bemerkbar?

Koch: Nein. Übelkeit ist nicht das einzige Symptom einer Seekrankheit, ja nicht einmal das erste. Es geht los mit Müdigkeit. Dann kommen Konzentrations- und Koordinationsstörungen dazu. Danach gibt es Herzrasen, kalten Schweiß, Blässe, schnelle Atmung, manchmal auch noch Kopfschmerzen. Erst am Ende stehen Übelkeit und mitunter auch Erbrechen. Das alles kann aber innerhalb von wenigen Minuten geschehen, wie bei einer Karussellfahrt. Deswegen sollte man, wenn man segeln geht oder auf Kreuzfahrt, auch schon die ersten Symptome ernst nehmen.

ZEIT ONLINE: Aber wenn das Schiff abgelegt hat, kommt man nicht mehr von Bord. Was kann man dann tun?

Koch: Man sollte an Deck gehen und den Horizont fixieren, damit sich die Sinneseindrücke des Sehens und Spürens angleichen. Oder man legt sich eine Weile hin und schließt die Augen. Man kann auch darauf hoffen, dass man sich an das Schwanken gewöhnt. Wenn nichts hilft, kann man auf Medikamente zurückgreifen: Tabletten oder Pflaster, die man in der Apotheke kommt.

ZEIT ONLINE: Gibt es ein Mittel, um Seekrankheit vorzubeugen?

Koch: Wenn man von vornherein weiß, dass man empfindlich ist und schnell seekrank wird, aber unbedingt aufs Meer möchte, dann sollte man eine Kabine mit Außensicht buchen statt eines Zimmers ohne Blick aufs Wasser. Auf dem Schiff sollte man dann aufpassen, was man isst: Salami und Rotwein zum Beispiel werden von vielen Seefahrern aus Erfahrung gemieden: Sie sorgen für mehr Histamin im Blut.

ZEIT ONLINE: Es gibt auch die Hypothese, dass Vitamin C gegen Seekrankheit helfen soll. Was hat es damit auf sich?

Koch: Die Grundidee stammt von einem Allergologen, der gern segelt: Professor Reinhard Jarisch. Wenn ich auf etwas allergisch reagiere, dann wird in meinem Körper extrem viel Histamin freigesetzt. Allergie-Spezialisten wissen schon seit den 1980er Jahren, dass eine hohe Dosis Vitamin C diesen Histamin-Spiegel im Blut senkt, also antiallergisch wirkt.