Birma Das blinde Land

Staatliche Zensur und strenge Beobachtung. Birmas Maler leiden unter der Militärregierung ihres Landes. Ein Besuch bei den Künstlern von Rangun. Von Alexandra Grossmann

Ein Mönch in Rangun

Ein Mönch in Rangun

Nicht nur in China leiden Künstler wie Ai Wei Wei unter den Repressalien der Regierung: In Birma stehen die Maler des Landes unter strenger Beobachtung und staatlicher Zensur. Die Folgen: In der größten Galerie Ranguns stapeln sich Landschaften, Stillleben und Portraits von Bäuerinnen. Künstler verkaufen viele ihrer Werke heimlich an Kunden, welche die Bilder ebenso heimlich zu Hause verwahren. Das blinde Land nennt Maler Yu Pa Haine seine Heimat, wo das, was ist, nicht gezeigt werden darf.

Yu Pa Haine klappt das Mobiltelefon auf: Eine Frau ist zu sehen, Gesicht und Haar sind verschwommen, die Brüste schimmern unter einem Schleier. Yu Pa klickt das Bild rasch weg, lässt das Handy in die Hosentasche gleiten. Die anderen Männer im Halbkreis schweigen. "Dieses Gemälde verstecke ich zu Hause", sagt Yu Pa, 47, ein Mann mit schulterlangem Haar und weicher Stimme. "Ich habe es für einen reichen Auftraggeber gemalt. Er zahlt 2.000 Dollar. Doch er wird das Bild niemandem zeigen können. Das Geschäft ist für uns beide gefährlich." Einige Männer nicken.

Sie sind acht, und sie sitzen im Foyer einer Villa im Südosten von Birmas Hauptstadt Rangun. Draußen rauscht der Monsun-Regen. An der Villa blättert der Putz von der Fassade: Nach der Unabhängigkeit von den Briten 1948 beschlagnahmte die Militärregierung den Besitz der Ausländer, seitdem steht das Haus leer, der Garten verwildert. Vier Mal im Jahr dürfen Ranguns Maler in diesen Räumen für zwei Wochen ihre Gemälde ausstellen, maximal drei Stück pro Person, mindestens acht müssen sie sein. "Die Regierung will verhindern, dass einer von uns bekannter wird als ein anderer, keiner soll politisches Gewicht bekommen können", sagt Poe De Lon, ein schmaler Mann mit Schnauzbart. Seine Bilder zeigen Bäume, blau und grün vor schwarzem Grund. "Was wir malen dürfen, ist vorgegeben. Keine Anspielungen auf Politik, keine Gewalt, keine nackte Haut. Stattdessen traditionelle Malerei, Stillleben und Portraits." Vor jeder Ausstellung prüfe ein Beamter die Exponate, so der 51-Jährige. Auch Abstraktes sei verboten. Es müsse erkennbar sein, was gemalt sei. 

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Die Unterrichtsräume an der staatlichen Akademie der Künste sind leer: Selbst für vom Regime bezahlte Studiengänge finden sich kaum Anwärter.

Die Unterrichtsräume an der staatlichen Akademie der Künste sind leer: Selbst für vom Regime bezahlte Studiengänge finden sich kaum Anwärter.

In Birma ist eine Militärregierung an der Macht. In der Hauptstadt Rangun sind weder Soldaten noch Polizisten zu sehen; Hausfrauen feilschen auf den Märkten über Preise, Mönche flanieren über die Straßen. Doch der Druck ist da. Am deutlichsten spüren dies die Künstler: Die Kunstszene Birmas ist praktisch kaum noch existent, die Ausstellung der acht Maler besuchten in der ersten Tagen kaum ein Dutzend Interessenten.

"Es kommen kaum noch Händler aus dem Ausland", sagt Ma The, seit 2006 Verkaufsleiterin bei der New Treasure Art Gallery, mit rund 400 Exponaten die größte im Land. "Früher reisten sie mit Hubschraubern an und kauften 100 Bilder auf einen Schlag. Doch seit der Unruhen 2008, als selbst die Mönche auf die Straße gingen, ist es vorbei. Die Maler werden seitdem schärfer kontrolliert." Regierungsbeamte kämen in unregelmäßigen Abständen in die Galerie, sagt Ma: "Sie nehmen alles mit, was nicht sein darf. Die Regeln stehen nirgendwo geschrieben, doch jeder kennt sie."

Anreise

Anreise: Flüge ab 700 Euro mit Vietnam Airlines täglich von Frankfurt über Hanoi oder Hoh-Chi-Minh-Stadt nach Rangun.

Übernachten

Inya Lake Hotel, vier Sterne, No. 37 Kaba Aye Pagoda Road, www.inyalakehotel.com. Preise: Ab 39 Dollar pro Nacht und Person.
Kandawgyi Palace Hotel, vier Sterne, Kan Yeik Tha Road, Mingalar Myunt Township. Preise: Ab 82 Dollar pro Nacht und Person.

Reiseführer

Es empfielt sich, über einen Reiseveranstalter einen Übersetzer als Begleiter zu buchen, da sowohl die Sprache als auch die Schriftzeichen unbekannt sind und es meist keine Straßenschilder gibt. Vermittlung z.B. über Myanmar Reisen: www.myanmar-reisen.de/Index.aspx oder Tel.: 040 – 99 99 871 30. Kosten: Ein Übersetzer und kostet 20 Dollar pro Tag.

Kunst

Galerien: New Treasure Art Gallery, No. 84A. Thanlwin St., Golden Hill Avenue, Golden Valley, Bahan Tsp.
Myanmar Gallery of Contemporary Art, No. 15A Thukkhawaddy Road, Yankin Township
Dauerausstellung im Hotel Strand, No. 92 Strand Road
Kunstakademie: Die State School of Fine Arts, No. 131 Kabaaye Pagoda Road, Kanbawza Yeiktha, Bahan Tsp.

Erfolg haben jene, die sich an die Regeln halten und zur Politik schweigen wie Min Wae Aung, der nach dem immer gleichen Schema stilisierte Mönche malt. Oder Zaw Win Pe, der als einer der wenigen allein ausstellen darf. Fragen zum Regime oder zur Politik gegenüber Künstlern beantwortet Zaw mit einem Lächeln – und schweigt.

Anders Kin Maung Yin: Der 82-Jährige ist bekannt seit den fünfziger Jahren, in seinem Atelier stapeln sich Bücher und Fotoalben mit seinen Werken. Doch sie sind feucht und schimmelig, das Wellblech hält den Regen kaum ab, Feuchtigkeit dringt durch die Wände aus losen Brettern. "Ich habe damals für die Lady gestimmt", sagt er, "seitdem darf ich nicht mehr ausstellen." Kin verkauft kaum noch Bilder. Was er zum Leben braucht, verdient er sich mit Portraits der Lady. Von der Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi. "Sie sind verboten, doch begehrt", sagt er.

Die Lage der Maler im Land spricht sich herum. "In diesem Jahr hatte ich fünf Bewerber für zehn Plätze. Es werden jedes Jahr weniger", sagt Thiri Moia Tsu, Lehrerin an der staatlichen Akademie der Künste State Fine Art School. Die dreijährige Ausbildung wird mit 30 Dollar im Monat bezahlt bei freier Kost und Logis. "Ein attraktives Angebot in einem armen Land wie unserem", sagt Thiri. "Aber die jungen Leute wissen einfach, dass sie in diesem Land als Künstler keine Chance haben."


 

 
Leser-Kommentare
  1. In Birma wird nicht nur die Kunst versteckt: 2005 begann die Militärjunta, den gesamten Regierungsapparat in die neu aus dem Boden gestampfte Stadt Naypyidaw in der Pampa umzuziehen - abgeschottet von der Außenwelt und für Touristen verboten. Rangun mag als große Metropole die gefühlte Hauptstadt sein, aber offiziell ist sie es schon seit Jahren nicht mehr.

    Die neue "verbotene" Hauptstadt wird u.a. auch in diesem Film im Netzfilmblog gezeigt und erklärt: http://blog.zeit.de/netzf...

  2. Kunst aus Myanmar, ob gemal, geschrieben, gesungen oder gespielt, ist wunderschoen. Gerne wuerde ich mehr davon sehe. Allerdings sollte man sich davor hueten einem Vielvoelkerstaat von heute auf Morgen die Freiheit aufzuzwingen.
    In dem Land gibt es seit dem zweiten Weltkrieg brennende Buergerkriege. Jeder Schritt in Richtung Freiheit muss sehr gut durchdacht und geplant sein, ansonsten gibt es einen weiteren Irak. Daran ist keine der Parteien interessiert.
    Leider ist das aber unromantisch und zu kompliziert, daher werden die Journalisten in deutschen Medien immer weiter sturr ueber Sachen schrieben, die sie nicht verstehen (bezieht sich nicht unbedingt auf den Artikel). Leider ist alles andere unromantisch.

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