Cooper & Gorfer "Unsere Arbeit beginnt mit einer weißen Landkarte"
Seite 2/2:

 "Shola litt nach ihrer Entführung an einer Art Stockholm-Syndrom"

ZEIT ONLINE: Gibt es keine Wölfe in Kirgisistan?

Gorfer: Die Wölfe spielen in der kirgisischen Kultur eine wichtige Rolle. Es gibt unzählige Geschichten von Wolfsjagden. Je größer der Wolf, desto größer das Fell. Ein großes Fell bringt viel Geld. Die Kirgisen empfinden deshalb eine Mischung aus Liebe und Hass für ihre Wölfe.

Cooper: Mich hat dieses Gerede von Wölfen so nervös gemacht, dass ich immer gerannt bin, wenn ich nachts vom Haupthaus zum Schlafhaus wollte. Gesehen haben wir am Ende keinen.

ZEIT ONLINE: In My Quiet of Gold thematisieren Sie einen uralten kirgisischen Brauch: Junge Frauen werden dort entführt und zur Heirat gezwungen. Wussten Sie davon, bevor Sie nach Kirgisistan reisten?

Gorfer: Wir haben davon erst durch die Familien erfahren, bei denen wir wohnten. Etwa 80 Prozent der Frauen leben in solchen erzwungenen Ehen. Es ist ein uralter Brauch aus der Zeit der Khans, der unter der Sowjet-Regierung verboten war, jetzt aber eine Renaissance erlebt.

ZEIT ONLINE: Wie offen sprechen die Frauen darüber?

Cooper: Sehr offen. Ihre Wahrnehmung ist dabei aber nicht die gleiche, wie unsere. In manchen Fällen fehlt einem Paar nur die Zustimmung der Eltern oder das Geld, um zu heiraten. Also entführt der Mann die Frau. Dann ist die Ehe nicht mehr abzuwenden. In anderen Fällen ist der Mann aber vielleicht das, was man bei uns einen Stalker nennen würde ...

ZEIT ONLINE: Wie bei Ihrer Protagonistin Shola, deren Geschichte eine zentrale Rolle in Ihren Bildern spielt.

Gorfer: Shola litt nach ihrer Entführung an einer Art Stockholm-Syndrom. Sie fühlte sich durch den Fremden, der sie vor der Universität entführt hatte, auserwählt. Das hielt selbst dann an, als er begann sie zu schlagen und sich eine weitere Frau suchte. Heute lebt sie wieder bei ihren Eltern. Weil sie ihren Mann verlassen hat, ist sie eine Ausgestoßene.

ZEIT ONLINE: Sie waren in Island und in Kirgisistan. Wohin führt Sie Ihr nächstes Projekt?

Cooper: Wir waren gerade in Argentinien. Es ist ein Land mit einer bewegten Geschichte und deswegen nicht so leicht zu fassen. Im Lauf unserer Arbeit entfaltete es aber einen ganz eigenen Zauber. Wir suchten nach persönlichen Geschichten und Sagen. Was wir fanden waren eher philosophische Gedanken über das Leben, die Vergangenheit, über Glauben und politische Ansichten.

Gorfer: Wir sind in den Norden und Nordwesten gereist, von Jujuy an den Anden entlang. Ganze 6.000 Kilometer. Auf dieser Tour haben wir ganz unterschiedliche Menschen getroffen: Anführer des Mapuche-Volks, die uns ihre heiligen Plätze gezeigt haben; ein ehemaliger Offizier, der alles verloren hat, was er besaß, und im Dschungel nach der Wahrheit suchte, bevor er Medizinmann wurde. Und Dona Clarinda, eine 80-jährige Witwe, die mit ihrer Schafherde völlig abgeschieden lebt.

Cooper: In ihrem Haus hat sie eine Art Frettchen, das sie erschossen und ausgestopft hat, weil es "die Hunde angriff". Das Tier gilt eigentlich als ausgestorben. Vor unserem Besuch mussten wir im Lokalradio eine Ankündigung verlesen lassen, damit sie informiert ist: "Am Donnerstagnachmittag werden zwei Frauen zu Dona Clarinda zu Besuch kommen". Aus diesen Begegnungen und Erlebnissen wurde dann unser Argentinien.

 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    Service