Noch immer eilt Warschau der Ruf voraus, die graue Maus unter den europäischen Metropolen zu sein – ein Vorurteil von Menschen, die die Stadt nicht besonders gut kennen. Fakt ist, dass man Warschau von einem Park in den anderen umrunden oder durchqueren kann, ohne jemals die Grünflächen zu verlassen.

Nach Berlin ist Warschau sogar die grünste der europäischen Hauptstädte. Zu dem begrünten Viertel der Stadtfläche kommen seit einigen Jahren die modernen Gebäude mit Dachgärten hinzu, darunter das Oberste Gericht, die Neue Universitätsbibliothek oder das Kopernikuszentrum. Und um die Weichsel wird Warschau von mancher Metropole beneidet. Vor allem am rechten Ufer fließt sie wild und unbegradigt durch die Stadt. Ohne die Skyline im Hintergrund würde man sich hier im Hinterland vermuten, außerhalb eines Dorfs vielleicht, nicht jedoch in einer Millionenstadt.

Kleine Inseln, Seitenarme und Naturschutzgebiete mit Sandbänken bieten anderswo ausgestorbenen oder vom Aussterben bedrohten Vogelarten eine Heimat. In welchem Stadtzentrum bekommt man außer den ungeliebten Tauben auch weiße Seeadler und Störche zu sehen? Wo kann man bei einem Spaziergang am Fluss eine Biberkolonie bei der nagenden Arbeit beobachten oder Otter auf der Jagd nach dem nächsten Fisch?

Fraglich ist allerdings, wie lange noch das wilde Weichselufer vor den Begehrlichkeiten der Investoren geschützt werden kann. Lokale Umweltschutzorganisationen versuchen zwar, Veränderungen so weit wie möglich einzuschränken.

Schon beinahe fertiggestellt ist jedoch das Nationalstadion, in dem 55.000 Fans das Auftaktspiel, Gruppenspiele, ein Viertelfinale und ein Halbfinale der Fußball-EM 2012 verfolgen werden. Und der rund 300 Millionen Euro teure Neubau wird wohl nur ein Auftakt sein für weitere Prestige-Projekte in unmittelbarer Nähe.

Dieser Text ist im Michael Müller Verlag erschienen