Outdoor-KolumneGPS ersetzt weder Karte noch Kompass

Ein GPS-Gerät kann nützlich sein. Klassische Orientierungshilfen bleiben trotzdem wichtig, meint Roland Knauer in der Outdoor-Serie "Querfeldein". von 

Hütte in der Femundsmarka

Ist die Hütte auf der Karte falsch eingezeichnet, hilft auch die Satellitenortung nicht. Roland Knauer hat seine Unterkunft in der norwegischen Femundsmarka trotzdem gefunden.  |  © Roland Knauer

Auf dem zugefrorenen Femundsee in Mittelnorwegen klappt die Orientierung bei meiner Spätwinterwanderung hervorragend. Große Zweige der Nadelhölzer zeigen die Richtung, zielsicher erreiche ich das Ufer genau dort, wo der Wanderweg im Sommer in 45 Minuten zur Hütte führt. Bei einem Meter Schneedecke allerdings sehe ich kaum noch eine Markierung oder gar Spuren vom Weg. Die Richtung aber stimmt. Nur taucht die verdammte Hütte im dichten Schneetreiben einfach nicht auf – obwohl mein GPS-Gerät zeigt, dass ich genau vor der Tür stehe. Kein Problem, ich schlage einfach einen Kreis von ungefähr hundert Metern Durchmesser. Das klappt im lichten Birkenwald zwar recht gut, die Hütte jedoch ist immer noch nicht zu sehen. Stimmt etwas mit der Satellitenortung nicht? Eigentlich müsste sie mich doch auf wenige Meter genau zur Hütte führen!

Ein Biwak im Freien kommt bei minus acht Grad nicht infrage, ich will die Unterkunft unbedingt finden. Vielleicht klappt es ja mithilfe der Karte. Auf der sollte die Hütte etwa hundert Meter nördlich von einem Bach liegen. Na gut, ein Bach fließt meistens an der tiefsten Stelle eines Tals. Also stapfe ich den Hang hinunter und da das Gewässer parallel zu meinen Schneeschuh-Spuren zum See fließt, kann ich die Talsohle kaum verfehlen. Dort laufe ich einfach bachaufwärts, ohne das Gewässer unter der Schneedecke überhaupt zu sehen. Nach vielleicht 150 Metern scheint sich links unter dem Schnee ein schmaler Pfad abzuzeichnen, der den Hang genau dort hinauf führt, wo die Hütte sein könnte. Und tatsächlich taucht sie im Schneetreiben auf – sie war falsch in der Karte eingezeichnet. Die Satellitenortung musste mich an die falsche Stelle führen.

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In der Hütte feuere ich den Ofen mit Holz an. Nach zwei Stunden ist die Temperatur angenehm und ich denke über das Orientieren im Gelände nach. Die Satellitenortung hat natürlich einiges einfacher gemacht. Ich kann mir zum Beispiel zu Hause am PC die Route ausarbeiten und das Gerät zeigt mir dann in der Natur den Weg. Und führt mich eben in die Irre, wenn ein Punkt wie die gesuchte Hütte in der Femundsmarka falsch eingezeichnet ist. Oder sie führt mich nirgendwohin, wenn die Batterien alle sind. Also ist ein GPS zwar sehr angenehm und ersetzt im Stadtpark oder im Voralpenland leicht Karten, Kompass und Höhenmesser. Wenn es aber gefährlich werden kann, sollte man auf jeden Fall die klassischen Orientierungsmittel dabei haben. Und gefährlich kann es eigentlich auf jeder Mehrtagestour werden, auf der nicht alle hundert Meter ein Notruftelefon oder ein bewohntes Haus Hilfe verspricht.

Roland Knauer
Roland Knauer

Roland Knauer, geboren 1957, ist promovierter Naturwissenschaftler. Seit 1989 arbeitet er als freier Journalist, Autor und Fotograf für Tageszeitungen und Magazine, sowie für Forschungsinstitutionen und öffentliche Verwaltungen. Gemeinsam mit Kerstin Viering schrieb er mehr als 20 Sachbücher ganz oder in wesentlichen Teilen. Als Wanderer erkundete er unter anderem die Pyrenäen, die Berge Korsikas, das griechische Pindos-Gebirge, Nationalparks in Norwegen und Schweden. Auch die Anden in Chile, Argentinien, Bolivien und Ecuador kennt Knauer.

Für jeden, der mit Karten nichts anzufangen weiß, ist das ein Problem. Um sich auch in unbekannten Regionen orientieren zu können, muss man üben. In bekannten Gegenden. Wie sieht das auf der Karte skizzierte Gelände in der Natur tatsächlich aus? Erfahrungsgemäß klappt dieses Übersetzen der anfangs geheimnisvoll wirkenden Zeichen, Linien und Farben auf der Karte viel besser und schneller als man anfangs angenommen hat. Und es lohnt sich, auch wenn das GPS funktioniert.

So sollte eine gute Karte auf jeden Fall Höhenlinien haben, topografische Karte nennt man die Dinger dann. Je enger diese Linien beieinander liegen, umso steiler ist das Gelände. Bei der Routenplanung sehe ich also gleich, welche Steigungen auf mich zukommen oder wo vielleicht eine steile Wand die angedachte Route blockiert. Wenn 200 Meter in der Natur auf einen Zentimeter Karte passen, sprechen Kartografen von einem Maßstab von 1 : 20.000. Und der ist genau richtig für Menschen, die zu Fuß in der Natur unterwegs sind. Gibt’s diesen Maßstab nicht, dann nehme ich eben den, der am nächsten rankommt. Wenn ich in herkömmlichen Versandbuchhandlungen keine vernünftige Karte für mein Ziel finden konnte, hat mir oft Jürgen Schrieb , Spezialist auf diesem Gebiet, weitergeholfen. Auf seiner Webseite gibt es auch Tipps, welche Karten am wenigsten Fehler enthalten. Fehlerfreie Karten sind nämlich Mangelware, das hat mir mein Erlebnis in der Femundsmarka bewiesen.

Wenn ein Felssturz die geplante Route blockiert oder das Tal halbrechts einen viel schöneren Weg verspricht als die programmierte Strecke nach halblinks, beweist diese Karte erneut, dass sie einem GPS ohne Karte überlegen ist. Zumindest wenn ich einen Kompass und im Gebirge einen Höhenmesser dabei habe. Die Karte lässt sich also so schnell nicht ersetzen; als Ergänzung dient das GPS-Gerät schon.
 

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Leserkommentare
  1. Den Artikel hab ich nicht gelesen aber tolles Bild

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  2. Erst findet das GPS die Hütte nicht; dann schaut er auf die Karte, findet die Hütte, stellt fest, daß sie auf der Karte(!) falsch eingezeichnet ist, worauf er meint, daß sie deswegen das GPS nicht finden konnte. Das verstehe, wer mag.

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    Freier Autor

    Das ist natürlich richtig, dass man die falsch in die Karte eingezeichnete Hütte ausschließlicn mit Hilfe dieser Karte nicht finden kann. Das klappt nur mit ein wenig Erfahrung: Für die Femundsmarka in Norwegen gibt es sehr gute Karten, auf denen markante Punkte zwar falsch eingezeichnet sein können. Sie sind dann aber meist nur wenige hundert Meter verschoben. Ohne Schnee und bei guter Sicht findet man eine solche Hütte meist trotzdem rasch. Im Winter und bei schlechter Sicht ist es schon schwieriger. Dann braucht man weitere Anhaltspunkte. So stehen Hütten meist in der Nähe einer Wasserstelle. Als solche bot sich vor allem der auf der Karte eingezeichnete Bach an, den ich unterwegs bereits mehrfach unter der dicken Schneedecke gesehen hatte. Daher war die Hütte vom (falsch) eingezeichneten Punkt auf der Karte ein paar hundert Meter bachaufwärts oder bachabwärts zu vermuten. Da ich parallel zum Bach bachaufwärts gekommen war und so bereits einen Teil der einen Uferseite als "ohne Hütte" abhaken konnte, waren die Chancen bachaufwärts ein wenig größer. Tatsächlich fand ich die Hütte auch dort. Mit GPS allein aber hätte ich sie wohl nicht gefunden.

    Vermutlich hatte er vorher die Koordinaten der Hütte von der Karte abgelesen und per Hand ins GPS eingetippt.
    Nahezu jede Karte hat im Kartenrand Angaben zu Positionen in UTM- oder geogr. Koordinaten.

    • Sikasuu
    • 17. November 2011 13:54 Uhr

    "Ich habe hier einen schönen Sextanten! Umgehen kann ich damit aber nicht, ist nur Dekoration. Brauch ich aber nicht, mit GPS auf dem Boot weiß ich doch immer genau ich bin!"
    .
    Der gleiche Spezialist war auch der Meinung: Das Handy sei ein "Backup" für sein Funkgerät und ein "Seenot-Notrufsender" sei doch viel zu teuer.
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    Genau in solchem "Nichtwissen" von Basics liegt die Gefahr die ich in solch einer Kolumne sehe. Hier hübsch beschrieben, aber Otto Normwanderer sagt: "Voralpen 3.000m. Ist doch total sicher, mit der Seilbahn rauf, dann 20km den Höhenweg lang und mit der Seilbahn wieder runter! Winterklamotten, Futter.... jetzt im September? Spinnst du?"
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    Und dann holt die Bergwacht wenn es gut geht, wieder 2 vom Höhenweg. (Manchmal auch im schwarzen Sack:-(()
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    Und nirgends auch nur einen Ton darüber, das über 2.000 der Spaß aufhört, das bei -10 ein Motorschlitten zwar was feines, aber 30km zu Fuss nach Hause das Ticket für den Himmel ist....
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    Keine Zeile das man solche Trips nicht alleine macht, das man z.b. in den Alpen das Hüttenbuch nutzt, dem Wirt sagt: Ich geh den Weg... bin dann da! Rückmeldet: Angekommen!
    Bei Aussenübernachtungen, Bescheid gibt, damit die Bergwacht nicht ausrückt....

    .
    Gruss Sikasuu
    (Der schon mehrfach "dumme Tourris" beim Wettersturz aus den Bergen oder bei -20G. vom Fjell gekratzt hat:-((

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  3. Freier Autor

    Das ist natürlich richtig, dass man die falsch in die Karte eingezeichnete Hütte ausschließlicn mit Hilfe dieser Karte nicht finden kann. Das klappt nur mit ein wenig Erfahrung: Für die Femundsmarka in Norwegen gibt es sehr gute Karten, auf denen markante Punkte zwar falsch eingezeichnet sein können. Sie sind dann aber meist nur wenige hundert Meter verschoben. Ohne Schnee und bei guter Sicht findet man eine solche Hütte meist trotzdem rasch. Im Winter und bei schlechter Sicht ist es schon schwieriger. Dann braucht man weitere Anhaltspunkte. So stehen Hütten meist in der Nähe einer Wasserstelle. Als solche bot sich vor allem der auf der Karte eingezeichnete Bach an, den ich unterwegs bereits mehrfach unter der dicken Schneedecke gesehen hatte. Daher war die Hütte vom (falsch) eingezeichneten Punkt auf der Karte ein paar hundert Meter bachaufwärts oder bachabwärts zu vermuten. Da ich parallel zum Bach bachaufwärts gekommen war und so bereits einen Teil der einen Uferseite als "ohne Hütte" abhaken konnte, waren die Chancen bachaufwärts ein wenig größer. Tatsächlich fand ich die Hütte auch dort. Mit GPS allein aber hätte ich sie wohl nicht gefunden.

    Antwort auf "Wie geht das denn?"
  4. Vermutlich hatte er vorher die Koordinaten der Hütte von der Karte abgelesen und per Hand ins GPS eingetippt.
    Nahezu jede Karte hat im Kartenrand Angaben zu Positionen in UTM- oder geogr. Koordinaten.

    Antwort auf "Wie geht das denn?"
  5. Wenn - wie hier - die Karte fehlerhaft ist, nützt es wenig, zum Kompass statt zum GPS zu greifen. Und immerhin werden die Karten merklich besser, seit es GPS gibt, weil das GPS die Fehler offensichtlich macht.
    Eines ist allerdings richtig: ein GPS-Gerät hat eine sehr viel höhere Ausfallswahrscheinlichkeit als ein Kompass oder Höhenmesser. Aber dieses Risiko kann man mit einem Reservegerät (und natürlich ausreichend Batterien) umgehen.

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    • annocom
    • 17. November 2011 15:41 Uhr

    Ein GPS ohne digitale Topog-Karte mit einer Topo-Karte + Kompass zu vergleichen finde ich schon seltsam. Ein durchschnittliches Gerät hat GPS, Karte, Kompass und Höhenmesser in einem und steht der mechanischen Variante bestenfalls noch in der Abhängigkeit von Batterien nach. Was Herrn kanuer in seine misslichen Lage geholfen hat war vor allem sein Verstand und seine Erfahrung. Beides ist weder von einem Kompass noch von einem Elektrogerät zu ersetzen.

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  6. ...ist doch, daß man ziemlich aufgeschmissen ist, wenn man nur mit einem GPS-Gerät in den Wald läuft und plötzlich ist an den Koordinaten nix..und ganz egal wie toll das GPS-Gerät ist, wenn die Zielkoordinaten nicht stimmen, kann man sich besser mit einer Gebietskarte und Kompass einnorden, als mit dem GPS-Gerät rumzuhampeln.

    Ich finde die Kolumne gut und freue mich auf die Fortsetzung.

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  • Serie Querfeldein
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte GPS | Natur | Schnee
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