Innere MongoleiChinas Wilder Westen

Die Inszenierung des Tourismus: Die Innere Mongolei wird zum Spielplatz der chinesischen Freizeitgesellschaft. Ausländer kommen bisher nur wenige. von 

Reiter begrüßen die Touristen

Reiter begrüßen die Touristen  |  © Stefan Schomann

An ganz besonderen Tagen, drei- oder viermal im Jahr vielleicht, beginnt die Wüste Xiangshawan zu singen. Dann zieht ein Tosen über die achtzig Meter hohen Dünen, ein dröhnendes Säuseln, ein rasendes Rieseln. Zhou Jian hat es schon einmal erlebt. Doch nachahmen kann er es nicht, so sehr er sich auch pfeifend und gurgelnd müht. Zhou ist im Management der Xiangshawan tätig; nennen wir ihn den Wüstenwart. Bis vor einigen Jahren verirrte sich niemand in diese Einöde in der chinesischen Mongolei, dem Vorfeld zur eigentlichen Mongolei. Heute aber stürmen jeden Sommer 400.000 Besucher die Dünen.

Die Xiangshawan ist die östlichste Wüste Asiens, ein Ausläufer der großen Gobi . Ein besserer Sandkasten nur, doch wie geschaffen zum Spielplatz für die Freizeitgesellschaft. Immer mehr Chinesen haben das Geld und allmählich auch die Zeit zum Reisen – das Kunststück besteht darin, sie in eine Region zu locken, die im ganzen Land als Synonym für Abseitigkeit gilt. Nichts eignet sich dafür besser als ein poetischer Name: Xiangshawan – "die singenden Sande". Noch volltönender klingt die alte mongolische Bezeichnung: Buremangha – "die trompetenden Dünen". Physikalisch betrachtet wird das Rumoren durch Sandlawinen verursacht, plötzliche Masseverrutschungen, bei denen die Flanken der Dünen in Schwingung geraten.

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Eine Zauberwüste ist es, ein Ort der Schrecken und der Wunder, wie ihn die großen Reisenden Innerasiens vielfach beschworen haben. Etwa der chinesische Mönch Fa Xian vor 1600 Jahren: "Die Wüste ist voller Dämonen und heißer Winde. Kein Vogel ist in der Luft und kein Tier auf der Erde. Die einzigen Wegzeichen bilden die Knochen der Toten." Oder Marco Polo: "Entfernt sich ein Reisender des Nachts von seinen Gefährten, so vernimmt er seinen Namen. Es sind Geister, die ihn rufen. Das kann auch am helllichten Tage geschehen. Man hört dann Musik spielen, vor allem die Trommel: auch das sind Geister." Nicht von ungefähr haust auch Herr Turtur, der Scheinriese aus Jim Knopf , in solch einer chinesischen Wüste.

Im Fall der Xiangshawan verhält es sich freilich umgekehrt: Aus der Ferne mag sie wie eine Miniaturwüste wirken, steht man aber mittendrin, so kann man sich unschwer als zweiter Sven Hedin fühlen. Dünen bis zum Horizont, bleich und steil und lose. Wobei die chinesischen Besucher nicht kommen, um heroische Einsamkeit auszukosten. Sondern umgekehrt, weil so viele hierher wollen, dass es garantiert unterhaltsam zugehen muss.

Anreise

Von Peking gehen mehrmals täglich Flüge nach Hohhot und Ordos. Direktverbindungen nach Peking bestehen von München, Berlin und Frankfurt aus. Von den Umsteigeverbindungen sind die über die skandinavischen Länder am schnellsten und oft auch am günstigsten.

Veranstalter

In entlegenen Provinzen wie der Inneren Mongolei übernehmen häufig die großen Hotels die Rolle der Reiseveranstalter. Das Shangri-La in Hohhot etwa bietet ein viertägiges Grasland-Paket für zwei Personen für rund 1500 Euro an, mit Transfers, zahlreichen Extras und einem Abstecher in die Wüste (www.shangri-la.com).

Individualreisen organisieren unter anderem China Tours in Hamburg (www.chinatours.de) und The Last Frontiers in Schanghai (unter deutscher Leitung, www.thelastfrontiers.com)

Reisezeit

Im Prinzip ganzjährig, doch sind viele örtliche Attraktionen nur von Mai bis September geöffnet.

Literatur

Jiang Rong, Der Zorn der Wölfe. Packender Roman über das Steppenleben der Mongolen und ihre komplizierten Beziehungen zu den Chinesen. (Goldmann Verlag)

Spiel ohne Grenzen: Der Rundweg ist wie ein Parcours angelegt, den man mit Hilfe der unterschiedlichsten Fortbewegungsmittel absolviert: Seilbahnen, Wüstenbusse, Kamele, Quadbikes (einer Art siamesischer Motorradzwilling mit einer Lenkstange, aber vier Rädern), eine Schmalspurbahn und zu guter Letzt der eigene Hosenboden für die Rutschpartie von der höchsten Düne. Dazwischen kann man auch einmal zu Fuß gehen. Oder vielmehr stapfen, weil jeder bunte Stoffschuhe umgebunden bekommt, ohne die man im Sand kaum vorwärtskäme.

Schon gar nicht dieses Rudel fabelhaft aussehender junger Frauen mit ihren Stöckelschuhen. Ob das Animiermädchen aus einer Grenzstadt sind? Oder Teilnehmerinnen eines Schönheitswettbewerbs? Sie lassen eher an Russinnen oder Kasachinnen denken, treten auch selbstbewußter auf als Chinesinnen es sonst für schicklich halten. Heute gehört die Wüste ihnen.

Mongolen made in China  

Des Rätsels Lösung: Eine Folkloretruppe auf Betriebsausflug. Diese Schauspielerinnen und Akrobatinnen bieten eine Fahrstunde weiter westlich ein Spektakel dar, das als Hochzeit von Ordos landesweite Berühmtheit erlangt hat. Eine Kostümorgie, die jedes Broadway-Musical zum Betteltheater degradiert. Dieses angeblich uralte Fest wurde vor zehn Jahren choreographiert, um all das zu versammeln, was Chinesen sich unter mongolischer Kultur vorstellen.

Ordos, auch Erdos geschrieben, firmierte damals noch unter dem Namen Dongsheng und war ein Kaff in der Steppe. Heute zählt es anderthalb Millionen Einwohner und rangiert, was das Wirtschaftswachstum angeht, landesweit an erster Stelle. Eine Trabantenstadt ohne Fixstern, eine Explosion aus Beton.

Leserkommentare
  1. "In der Tat inszeniert die Innere Mongolei sich gern als Chinas wilder Westen"

    Das mag sein, geographisch gesehen ist es mehr Nordosten, noerdliche Mitte.

    http://en.wikipedia.org/w...

    Die Provinz QingHai hingegen ist noch relativ unberuehrt

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    • Jeru
    • 21. November 2011 13:19 Uhr

    "Die Provinz QingHai hingegen ist noch relativ unberuehrt"

    .. und zum Großteil nicht ohne Sondergenehmigung zu betreten

    • Jeru
    • 21. November 2011 13:19 Uhr

    "Die Provinz QingHai hingegen ist noch relativ unberuehrt"

    .. und zum Großteil nicht ohne Sondergenehmigung zu betreten

    Antwort auf "Wilder Westen"
  2. Das muessen neue Regelungen sein. Haben Sie da naehere Info ?

  3. Free Tibet! Die unerträgliche Ausbeutung, Unterdrückung, Völkermordung, Menschenverachtung in Rotchina wird immer präsanter. Jetzt greifen sie schon das empfindliche Ökosyteme in der Mongolei an. Die stolzen Mongolen betrachten sie wie die Tiere im Zoo und die Frauen prostituieren sich, da sie keine Bildung erfahren. Dies gilt auch für die Männer. Die blutige Aubeutung von Natur und Bodenschätze muss ein Ende haben.

    Anm.: Bitte achten Sie auf eine sachliche Wortwahl. Danke. Die Redaktion/vn

    2 Leserempfehlungen
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    Befreien wir heute Tibet, morgen die Mongolen und übermorgen die ganze Welt. Marschieren Sie gerne schon mal vor.

    Wenn dann die roten Horden der Mong..., pardon der Chinesen, vor den Toren Wiens stehen, sind Sie ja bestens gerüstet.

    Über die Bildungsinvestitionen, die Anlaphabetenrate, die Einschulungsrate, das Lehrer-Schülerverhältnis, die Anzahl der Hochschulen in der Mongolei können Sie sich u.a. im "Statistical Yearbook of the Peoples Republic of China 2010" informieren. Es ist tatsächlich auf Englisch und Sie brauchen dafür weder chinesisch noch mongolisch zu lernen. Eine Informationsquelle, die ich auch den recherchefreudigen Journalisten nahelegen würde.

    Abgesehen davon stimmt der Eindruck Russkills, es stimme geographisch was nicht. Westen, und auch im Sinne von wild und weniger zivilisiert, gilt in China immer noch Xinjiang. Als Nordosten (dongbei) gelten die drei Provinzen Heilongjiang, Jilin und Liaoning. Norden triffts noch am ehesten. Um effektiv vergleichen zu können, wäre der Vergleich mit der Mongolei oder dem russich-sibirischen Grasland am nützlichsten.

  4. Befreien wir heute Tibet, morgen die Mongolen und übermorgen die ganze Welt. Marschieren Sie gerne schon mal vor.

    Wenn dann die roten Horden der Mong..., pardon der Chinesen, vor den Toren Wiens stehen, sind Sie ja bestens gerüstet.

    Über die Bildungsinvestitionen, die Anlaphabetenrate, die Einschulungsrate, das Lehrer-Schülerverhältnis, die Anzahl der Hochschulen in der Mongolei können Sie sich u.a. im "Statistical Yearbook of the Peoples Republic of China 2010" informieren. Es ist tatsächlich auf Englisch und Sie brauchen dafür weder chinesisch noch mongolisch zu lernen. Eine Informationsquelle, die ich auch den recherchefreudigen Journalisten nahelegen würde.

    Abgesehen davon stimmt der Eindruck Russkills, es stimme geographisch was nicht. Westen, und auch im Sinne von wild und weniger zivilisiert, gilt in China immer noch Xinjiang. Als Nordosten (dongbei) gelten die drei Provinzen Heilongjiang, Jilin und Liaoning. Norden triffts noch am ehesten. Um effektiv vergleichen zu können, wäre der Vergleich mit der Mongolei oder dem russich-sibirischen Grasland am nützlichsten.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "FREE MONGOLEN!"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    So schaut es aus.
    Schon traurig zu sehen, wie hier jeder Artikel von "Free Whatever" Aktivisten instrumentalisiert wird.
    Die dazu eine Undifferenziertheit an den Tag legen,
    dass einem die Worte fehlen.
    Allein der Spruch "die Frauen prostituieren sich,", zeigt schon, dass nicht nur keine Sachkenntnis vorhanden ist, sondern eine Tatsachenverdrehung stattfindet.
    Mongolinnen die z.B. in Peking als Prostituierte arbeiten stammen aus der Mongolei, nicht aus der
    chin. Inneren Mongolei. Die Menschen in der Mongolei sind meist viel aermer.

  5. So schaut es aus.
    Schon traurig zu sehen, wie hier jeder Artikel von "Free Whatever" Aktivisten instrumentalisiert wird.
    Die dazu eine Undifferenziertheit an den Tag legen,
    dass einem die Worte fehlen.
    Allein der Spruch "die Frauen prostituieren sich,", zeigt schon, dass nicht nur keine Sachkenntnis vorhanden ist, sondern eine Tatsachenverdrehung stattfindet.
    Mongolinnen die z.B. in Peking als Prostituierte arbeiten stammen aus der Mongolei, nicht aus der
    chin. Inneren Mongolei. Die Menschen in der Mongolei sind meist viel aermer.

    Antwort auf "Schlachtruf"
  6. 7. Auwei

    Was fuer ein Bildungsbuerger User Scherz91 ist, laesst sich ganz gut hier nachlesen;

    http://www.zeit.de/wissen...

    "Quatsch, die Sojuz haben von uns deutschen spitzen Engineere kopiert. Nachdem 2. Weltkrieg wurden deutsches Engineerswissen nach Sowjetunion verfrachtet!"

    Insofern sollte man seine Ratschlaege mit Vorsicht geniessen.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte China | Dschingis Khan | Marco Polo | Mongolei | Zehnkampf | Taiwan
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