Die neue Boeing 787 (hier von Nippon Airways) zapft die Luft für die Kabinen nicht mehr am Triebwerk ab. © Kevin P. Casey/AFP/Getty Images

Einen "kräftigen Schluck kalte Luft" habe die Passagierin aus der Düse genommen. "Und von da an weiß ich im Prinzip nichts mehr. Mir wurde schwindelig. Und dann bin ich halt bewusstlos geworden." Aus dem Off erzählt eine Stimme, wie es weiterging: "Sie kollabierte, Übelkeit. Erbrechen. Später permanentes Muskelzucken." Die Ärzte im Krankenhaus hätten für den Zustand der Frau keine Erklärung gehabt. Deswegen habe das Ehepaar die Laborbefunde einem "befreundeten Rettungsmediziner" gezeigt. "Der hat dann direkt vermutet: eine Nervengasvergiftung", sagt der Ehemann der Patientin. Der Sprecher aus dem Off fragt: "Also Tricresylphosphat? Kontaminierte Kabinenluft?"

Die Fragezeichen sind eher rhetorisch. Denn der Fernsehbeitrag, der Anfang Oktober in der ARD-Sendung Monitor gezeigt wurde, deutet an: Ein Nervengift in der Kabinenluft des Flugzeugs soll für den Kollaps der Frau verantwortlich sein. Der Stoff Tricresylphosphat (TCP) . Er wird dem Triebwerksöl von Flugzeugen beigemischt, damit Ablagerungen im Motor entfernt werden. Ist eine Dichtung am Triebwerk kaputt, kann das Öl verdampfen. Weil die Luft für die Kabine direkt am Triebwerk abgezapft wird, kann der Öldampf in die Flugzeugkabine gelangen; Experten sprechen dann von einem Fume Event (Rauchereignis). Schließlich kann der Öldampf von der Crew und den Passagieren eingeatmet werden.

Das Problem: Die Filter der Klimaanlage können Öldampf nicht abfangen – und TCP ist ein Nervengift. Passagieren, denen beim Fliegen unwohl wird, wird deswegen mitunter ein "aerotoxisches Syndrom" attestiert – ungeachtet dessen, dass dieses Syndrom weder offiziell beschrieben ist, noch im Diagnosekatalog ICD-10 der Weltgesundheitsorganisation WHO steht.

Die ölige, farblose und geruchslose Flüssigkeit TCP ist laut der Stoffdatenbank des Instituts für Arbeitsschutz der Deutschen Gesellschaftlichen Unfallversicherung giftig, umweltgefährlich und mitunter gesundheitsschädlich bei Hautkontakt und bei Verschlucken. In einem zwar veralteten, aber grundlegenden WHO-Bericht zu Tricresylphosphat von 1990 heißt es : Bei einer Vergiftung mit TCP bekomme ein Mensch Übelkeit, Erbrechen und Durchfall, in einigen Fällen könnten auch die Beine kribbeln; die neurologischen Symptome würden jedoch typischerweise verzögert auftreten. Öldämpfe ganz allgemein können auch die Schleimhäute reizen sowie zu Augenbrennen und Kopfschmerzen führen.

Wenn sich Passagiere oder Flugpersonal während eines Fluges unwohl fühlen, muss man das ernst nehmen. Wenn sie davon überzeugt sind, dass ein aerotoxisches Syndrom der Auslöser ist, darf man das nicht abtun. Nach wie vor gibt es jedoch keinen Beweis dafür, dass TCP der Auslöser ist, wenn die Luft im Flugzeug zu gesundheitlichen Beschwerden führt.

Eine aktuelle Studie hat die Diskussion in den letzten Wochen noch verstärkt: Bei sechs von zwölf untersuchten Menschen, die tags zuvor geflogen waren, ließ sich im Blut TCP nachweisen. Deswegen, so die Folgerung einiger Berichte, seien vor allem Vielflieger und Besatzungsmitglieder gefährdet. Allerdings hat keiner der Probanden auf seinem Flug ein Fume Event bemerkt und niemand zeigte irgendwelche Symptome. Den Forschern war es bei ihrer Arbeit nur darum gegangen, eine Methode zu entwickeln, mit der TCP im menschlichen Körper nachgewiesen werden kann. Bislang war dies nicht möglich. In ihrer Studie schreiben die Autoren: "Kurzzeitige Symptome wie Schwindel, Kopfschmerzen und unscharfes Sehen passen auch zu Kohlenmonoxid."

Wenn es einem Passagier beim Fliegen nicht gut geht, muss also nicht TCP in der Kabinenluft verantwortlich sein – es gibt genug andere Gründe. Etwa, dass eine Allergie besteht. Oder dass der Passagier den niedrigeren Luftdruck nicht verträgt, weswegen das Blut und somit auch das Gehirn weniger mit Sauerstoff gesättigt ist; auch verschleimte Stirn- und Nasennebenhöhlen können stärker wehtun. Zudem ist die Luft trockener und manch einer trinkt nicht genug. Was wiederum Kopfschmerzen verursachen kann, wie Rupert Gerzer, Direktor des Instituts für Flugmedizin am Uniklinikum Aachen und Direktor des Instituts für Luft- und Raumfahrtmedizin des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt sagt. "Als ich letztens länger geflogen bin, haben die Stewardessen Wasserflaschen statt eines kleinen Bechers ausgeteilt. Wer da nicht zugreift, ist selbst schuld."