Ureinwohner und Tourismus"Die Touristen wollen den edlen Wilden"

Für Ureinwohner kann Tourismus eine Nische sein, um zu überleben. Manche verteidigen den Tourismus sogar mit Waffen. Ein Gespräch mit dem Afrika-Experten Ulrich Delius

Für die Tuareg ist der Tourismus eine wichtige Einnahmequelle. Wüstencamp in Algerien

Für die Tuareg ist der Tourismus eine wichtige Einnahmequelle. Wüstencamp in Algerien

ZEIT ONLINE: Herr Delius, Ende November wurde in Timbuktu in Mali ein deutscher Tourist vom Terrornetzwerk al-Qaida getötet. Nun wollen die Tuareg die Attentäter aus der Sahara und der Sahel-Zone vertreiben. Wie passt das zusammen?

Ulrich Delius: Der Zwischenfall in Timbuktu ist der Höhepunkt einer längeren Eskalation der Gewalt mit Entführungen und Schießereien in dieser Gegend. Wenn das Auswärtige Amt und andere Staaten jetzt ihre Reisewarnung für die Region verstärken, dann erliegt der Tourismus völlig. Die Tuareg sind die Leidtragenden, weil sie als Fremdenführer arbeiten, kleine Reiseagenturen betreiben oder mit Jeeps Ausflüge in die Wüste organisieren.

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ZEIT ONLINE: Wie könnte die Reaktion der Tuareg aussehen?

Delius: Die Tuareg sind wütend, weil die al-Qaida-Leute als Araber Einwanderer in dieser Region sind und sie radikal islamisieren wollen. Das hat wiederum die Amerikaner und Franzosen angezogen, die sich in der Wüste Kämpfe mit den Terroristen liefern. All das geschieht auf dem Land der Tuareg. Berichte darüber finden sich beinahe täglich in den Medien von Mali und Niger. Die Tuareg bieten nun diesen beiden Regierungen an, al-Qaida mit Waffengewalt unschädlich zu machen. Sie könnten Erfolg haben, weil sie die Gegend gut kennen. Sie wollen endlich ihre Ruhe.

ZEIT ONLINE: Das ist durchaus verständlich, aber warum fällt die Reaktion so heftig aus?

Delius: Die Tuareg verdienen seit den Dürren der siebziger und achtziger Jahre, als sie fast ihr gesamtes Vieh verloren, ihr Geld vorwiegend in der Tourismusbranche. Wenn jetzt keine Touristen mehr kommen, verlieren sie ihre Lebensgrundlage.

ZEIT ONLINE: Es ist ungewöhnlich, dass sich Ureinwohner so für den Tourismus einsetzen. Ist das Verhältnis normalerweise nicht eher gespannt? 

Delius: Für Ureinwohner überall auf der Welt stellt sich heute die Frage, wie sie überleben sollen. Die Tuareg sind nur ein Beispiel unter vielen. Durch Bergbau, Staudämme oder aber Naturkatastrophen verlieren Ureinwohner zunehmend ihre traditionellen Lebensräume.

ZEIT ONLINE: Aber nicht jeder Ureinwohner freut sich über neugierige Deutsche mit Kamera.

Delius: Das ist richtig. Sehen Sie sich zum Beispiel isoliert lebende Völker in Amazonien oder Indonesien an. Sie haben ihre eigene Kultur bewahrt und kaum Kontakt zur Außenwelt. Hier würde eine Kontaktaufnahme mit westlichen Besuchern zu einem massiven Kulturverlust führen. Aber der größte Teil der Ureinwohner lebt heute nicht mehr zurückgezogen in den Wäldern, einfach weil es die Wälder nicht mehr gibt. Wenn ein Jägervolk keinen Wald mehr hat, kann der Tourismus eine Nische sein, um Geld zu verdienen.

Leserkommentare
    • tom310
    • 07.12.2011 um 10:07 Uhr

    nur dass die "Tiere" hier richtig Geld abgreifen. Als ich das letzte Mal einen "echten" Beduinen traf, fragte der nach Preisen von Adidas, Mercedes und Rolex in Deutschland. Nee, da hat er seine billiger bekommen...

  1. oder haben tuaregs transparente teller?

  2. Wer so ein Auto, so ein Telefon und so eine Uhr hat, kann sich sicher auch Glasteller leisten, oder???

  3. Es ist immer dasselbe. Wärs icht so traurig müsste man lachen. Wie kann einer denn Experte eines ganzen Kontinentes sein? So wie Stanley oder was?

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    • Ranjit
    • 07.12.2011 um 11:47 Uhr

    Ich kann ihre Frustration verstehen, aber so wie es auch "Europaexperten" gibt, gibt es auch "Afrikaexperten". Ihr Hinweis ist aber wichtig, da er uns ins Gedächtnis ruft, dass Afrika noch deutlich vielfältiger ist als Europa: klimatisch, geographisch, kulturell und wirtschaftlich. Ein Afrikaexperte agiert also auf einem sehr hohen Abstraktions- und Aggregationsniveau, was die Aussagekraft natürlich einschränkt.

    ... ihren gesunden Menschenverstand zu gebrauchen, nennt man Experten.

    • Ranjit
    • 07.12.2011 um 11:47 Uhr

    Ich kann ihre Frustration verstehen, aber so wie es auch "Europaexperten" gibt, gibt es auch "Afrikaexperten". Ihr Hinweis ist aber wichtig, da er uns ins Gedächtnis ruft, dass Afrika noch deutlich vielfältiger ist als Europa: klimatisch, geographisch, kulturell und wirtschaftlich. Ein Afrikaexperte agiert also auf einem sehr hohen Abstraktions- und Aggregationsniveau, was die Aussagekraft natürlich einschränkt.

    ... ihren gesunden Menschenverstand zu gebrauchen, nennt man Experten.

    • Ranjit
    • 07.12.2011 um 11:47 Uhr

    Ich kann ihre Frustration verstehen, aber so wie es auch "Europaexperten" gibt, gibt es auch "Afrikaexperten". Ihr Hinweis ist aber wichtig, da er uns ins Gedächtnis ruft, dass Afrika noch deutlich vielfältiger ist als Europa: klimatisch, geographisch, kulturell und wirtschaftlich. Ein Afrikaexperte agiert also auf einem sehr hohen Abstraktions- und Aggregationsniveau, was die Aussagekraft natürlich einschränkt.

    Antwort auf "Afrika-Experte?"
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    sagt Kapuscinski und war trotzdem wahrscheinlich der Einzige, der annähernd so jemand wie ein 'Experte' war. Das selbe gilt für jede anderen Kontinent.Ich bezweifle ebenfalls, dass es 'Europa-Experten' gibt. Und mal abgesehen von dem hohlen Schlagwort des 'Afrika-Experten', die eine spezifische, stereotypengeladenen Terminologie bezüglich 'afrikanischer' Themen reproduziert, wirkt Herr Delius auf mich nicht wie ein Expert. Die sind auch eher nicht bei der Gesellschaft für bedrohte Völker zu suchen. Das hat m.E. nach einen starken Beigeschmack von Ethnokitsch.

    sagt Kapuscinski und war trotzdem wahrscheinlich der Einzige, der annähernd so jemand wie ein 'Experte' war. Das selbe gilt für jede anderen Kontinent.Ich bezweifle ebenfalls, dass es 'Europa-Experten' gibt. Und mal abgesehen von dem hohlen Schlagwort des 'Afrika-Experten', die eine spezifische, stereotypengeladenen Terminologie bezüglich 'afrikanischer' Themen reproduziert, wirkt Herr Delius auf mich nicht wie ein Expert. Die sind auch eher nicht bei der Gesellschaft für bedrohte Völker zu suchen. Das hat m.E. nach einen starken Beigeschmack von Ethnokitsch.

  4. sagt Kapuscinski und war trotzdem wahrscheinlich der Einzige, der annähernd so jemand wie ein 'Experte' war. Das selbe gilt für jede anderen Kontinent.Ich bezweifle ebenfalls, dass es 'Europa-Experten' gibt. Und mal abgesehen von dem hohlen Schlagwort des 'Afrika-Experten', die eine spezifische, stereotypengeladenen Terminologie bezüglich 'afrikanischer' Themen reproduziert, wirkt Herr Delius auf mich nicht wie ein Expert. Die sind auch eher nicht bei der Gesellschaft für bedrohte Völker zu suchen. Das hat m.E. nach einen starken Beigeschmack von Ethnokitsch.

  5. ... ihren gesunden Menschenverstand zu gebrauchen, nennt man Experten.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Afrika-Experte?"
  6. Natürlich berichtet so niemand darüber, weil es eine absolute Falschinformation ist.
    Tatsache ist, dass muslimische Separatisten seit Jahren den Süden terrorisieren und vor allem Lehrer, buddhistische Mönche und Polizisten ermorden.
    Die Soldaten tun ihr Bestes, die Unruhen in den 3 südlichsten Provinzen in den Griff zu bekommen, aber das ist gegen radikale Islamisten bekannterweise nicht ganz einfach.

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