Kanada Unterwegs mit der Eisbärenpolizei

Geliebter Feind: Die kleine Stadt Churchill an der Hudson Bay lebt mit den Eisbären – und von ihnen. Touristen wollen die Bären sehen, allerdings aus sicherer Distanz.

Auge in Auge mit einem Eisbären nahe Churchill an der Hudson Bay in Kanada

Auge in Auge mit einem Eisbären nahe Churchill an der Hudson Bay in Kanada

Bob Windsor ist kein Hasenfuß. Er ist in der kanadischen Wildnis aufgewachsen und bezeichnet sich selbst als Trapper. In seiner Freizeit jagt er Vielfraße. Hauptberuflich ist er einer von sechs Natural Resource Officers in dem kleinen Dorf Churchill an der Hudson Bay in Kanada: Die Behörde, die sich eigentlich dem Umweltschutz verschrieben hat, fungiert zugleich als Eisbärenpolizei. Eine Begegnung, die Windsor dort Ende Juni hatte, wird er so schnell nicht vergessen: "Ich hatte Angst. Und zwar richtig."

Die Beulen an der Frontpartie seines Pick-ups zeugen bis heute von dem Zwischenfall. Ein aggressiver Eisbär hatte stundenlang die Straßen des 800-Einwohner-Dorfes unsicher gemacht. Mehrfach war bei der 24-Stunden-Hotline 675-BEAR ein Alarm eingegangen. Windsor musste eingreifen, als das Tier in ein Krankenhaus einzudringen drohte: "Ich habe versucht, den Bären mit dem Wagen zu verjagen." Doch das 300 Kilo schwere Tier ging zum Gegenangriff über. Windsor blieb keine andere Wahl, als den Bären zu erschießen.

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Drei solcher Vorfälle hat Windsor alleine 2011 erlebt: "Die Tiere sind aggressiver als in anderen Jahren." Auch kommen sie früher. Diesmal konnte sie das Eis der Hudson Bay schon am 24. Juni nicht mehr tragen. Noch vor Jahren galt die erste Juliwoche als Zeitpunkt für den sommerlichen Landgang. Schuld daran, sagt Windsor, ist der Klimawandel. Doch ob auch die Aggressivität mancher Bären darauf zurückzuführen ist, vermag der 49-Jährige nicht zu sagen. Im Jahr 2010 musste keine Tier erschossen werden, 2009 nur eines.

Tote Eisbären werden hier, 1.800 Kilometer nördlich von Winnipeg, nicht gerne gesehen. Nachdem die Navy 1969 ihre Basis aufgegeben hatte, war es zunächst traurig bestellt um Churchill. Das Dorf ist nur per Eisenbahn und Flugzeug mit dem Rest Kanadas verbunden. Es gibt bis heute keinen Mobilfunkempfang. Seit 1979 gibt es Eisbärentourismus in Churchill. Zwischen Ende Oktober und Anfang Dezember kommen Touristen. In dieser Zeit müssen die Einheimischen genug Geld verdienen, damit sie die teuren Lebensmittel bezahlen können. Drei Paprikaschoten kosten im einzigen Supermarkt zehn Dollar.

Es war die Erfindung des Tundra Buggy, die Churchill zu jenem unwahrscheinlichen Touristenziel gemacht hat, das es heute ist. Das zumindest behauptet George Crombie, der als Chefmechaniker bei dem gleichnamigen Unternehmen arbeitet. Bevor der 54-Jährige Haudegen in den Norden der Provinz Manitoba kam, war er für das Militär in Afghanistan tätig. Er und sein Team kutschieren Touristen in hochrädrigen Wagen durch die Tundra, die sogar einen Außenbalkon haben, damit Tourist und Bär sich ungefährdet näherkommen können. Wenn Crombie den Fuhrpark inspiziert, trägt er Gewehr und Patronengurt – wie in Afghanistan.

Bis zu 13 Tundra Buggys sind in der Hochsaison gleichzeitig im Einsatz. Hinzu kommen die Gefährte eines Konkurrenten. Wundert sich jemand, dass all dies als Öko-Tourismus verkauft wird, antwortet Crombie: "Wir sind ausschließlich auf alten Militärrouten unterwegs." Rund ein Dutzend Eisbären sind während der siebenstündigen Expedition zu sehen. Wer den teuren Trip in den Norden bucht, bekommt also mit ziemlicher Sicherheit einige der weltweit nur noch rund 25.000 Eisbären vor die Linse. Rund um Churchill warten im November etwa 950 Tiere darauf, dass die Hudson Bay zufriert. Dann brechen sie zur Robbenjagd gen Norden auf. Der Ästhetik einer Tierdoku aber entspricht die Szenerie nicht so recht: Viele Bären haben ein schmutziges Fell. Und richtig winterlich ist auch die Landschaft nicht.

Deutlich abenteuerlicher ist die Begegnung mit den größten Landraubtieren des Planeten in Gegenwart von Terry Elliott. Etwa 40 Kilometer westlich von Churchill führt der bärtige Naturfreak Wanderer durch die Tundra. Ausgangspunkt ist die Dymond Lake Lodge. Die ehemalige Jagdhütte, die nur auf dem Luftweg erreichbar ist, wird von zwei Eisbären – Mutter und Kind – förmlich belagert. Mal wandern die beiden behäbig über einen zugefrorenen Binnensee. Dann wieder lassen sich beide am Zaun nieder, der das Hauptgebäude vor den Bären schützt. Einmal tapst das Junge gar die vier Stufen zu einem der Zimmer hinauf. Mensch und Eisbär sind nur durch eine Holztür voneinander getrennt. Die Gäste der Lodge machen Fotos. Sie wissen jetzt, warum sie ihr Domizil auf keinen Fall ohne bewaffneten Beistand verlassen dürfen.

Warnung vor dem Eisbär in Churchill in Manitoba, Kanada

Warnung vor dem Eisbär in Churchill in Manitoba, Kanada

Morgens um neun Uhr holt Terry Elliott, der im Sommer Grizzly-Touren in British Columbia begleitet, die Wanderer in der Hütte ab. Heute erläutert er die Charakteristika des Ökosystems, verteilt angefrorene Blaubeeren, die er vom Boden pflückt. Die Eisbären, sagt er, haben sich in diesem Jahr mehr als sonst an den Früchten gelabt. "Vielleicht spüren sie, dass es ein schwieriger Winter wird." Womöglich wird das Eis noch ein paar Tage früher schmelzen. Dann können die Bären weniger Robben jagen, von denen sie im Schnitt zwei pro Woche vertilgen. Die Fettpolster für den Sommer wären entsprechend dünner. Und womöglich müssen die Bären noch früher in Churchill auf Nahrungssuche gehen.

An diesem Morgen stehen Mutter und Kind nur ein paar Schritte abseits des Weges. Plötzlich wird Terry Elliott nervös: Der junge Bär kommt auf die Gruppe zu. Elliott richtet sich auf und sagt laut: "Das ist genug." Er greift in die Jackentasche, um einen Stein herauszuholen. Ein Wurf reicht meistens, um einen Eisbären abzuschrecken. Falls nicht, hat Elliott eine Schreckschusspistole und Pfefferspray dabei – und für den Notfall ein Schrotgewehr. Das aber hat er in den vergangenen zwanzig Jahren noch nie eingesetzt.

Existiert also am Ende doch ein stilles Abkommen zwischen Mensch und Raubtier? "Da würde ich mich nicht drauf verlassen", sagt Elliott. Zwar sind die Bären an Menschen allenfalls mäßig interessiert. Doch im Norden Manitobas sind Attacken keine Seltenheit, auch wenn es schon lange keinen tödlichen Zwischenfall mehr gegeben hat.

Später liegen die Bären entspannt in einer Schneeverwehung. Terry Elliott macht auf die grünen Markierungen aufmerksam, die am Fell von Mutter und Kind zu sehen sind. Es sind die Erkennungszeichen dafür, dass auch sie bereits in Churchill auffällig geworden und betäubt worden sind. Für solche Fälle hat Windsors Bärenpolizei ein Resozialisierungsprogramm entwickelt: Die Tiere werden in einer Lagerhalle am Flughafen einquartiert, dem weltweit einzigen Eisbärengefängnis. Ohne Futter müssen sie notfalls so lange ausharren, bis die Hudson Bay zufriert. Alternativ werden sie in einem Netz per Helikopter ausgeflogen, auch in die Nähe der Lodge – ein Ereignis, dessen Häufigkeit zunehmen wird, je öfter sich Mensch und Eisbär in die Augen blicken.

 
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