Wer fragt, hat Recht: Auch Zelten im scheinbaren Niemandsland folgt Regeln.

Zum Glück hatten wir genug Trinkwasser eingepackt. Wir waren seit acht Uhr morgens auf den Kämmen der Abruzzen gelaufen, hatten herrliche Blicke zu den dichten Wäldern in den Tälern und den Kämmen und Gipfeln geworfen. Eine Quelle oder einen Bach hatten wir weder gesehen noch gehört. Wasser ist in diesem Kalkgebirge Italiens Mangelware und strömt oft tief unter der Erde Richtung Meer. Gegen 17 Uhr hörten wir es in einem dieser Täler endlich gluckern: Neben einer Berghütte sprudelte eine Quelle aus dem Boden. Unser heutiges Ziel war erreicht, doch die Hütte war verschlossen. Hinter ihren Bruchsteinmauern fanden wir einen ebenen Grasplatz für unser Zelt.

Der Rest dieses Nachmittags und Abends war diese Routine aus Zelt aufbauen, Katzenwäsche in der eisigen Quelle, Chili con Carne und Tee kochen gewidmet, die für viele der krönende Abschluss eines Tages in der Natur ist. Die Krone gebührt natürlich vor allem der Kombination aus Abendessen und dem Ausstrecken der müden Beine. Genau in diesem Moment dröhnte plötzlich eine Bass-Stimme aus der Dämmerung. Mein Italienisch ist mehr als dürftig, doch die gute Nachricht verstand ich sofort: Der Mann wollte uns weder ans Leben noch ans Eigentum – und er war auch kein Mundräuber, der uns das verdiente Abendessen streitig machen wollte. Aus der Dämmerung schälten sich die Umrisse zweier Ranger des Nationalparks, die uns freundlich aber bestimmt sagten, dass wir hier nicht zelten dürften.

"Bella Italia", zum Glück waren wir in Italien, einem Land, in dem es vielleicht mehr Regeln und Gesetze als in Mitteleuropa gibt, in dem aber die Gesetzeshüter, hier in Form der Ranger, diese nicht blind und buchstabengetreu erzwingen, sondern oft pragmatisch entscheiden. Den beiden war sicher schon lange vor unserer radebrechenden Argumentation klar, dass eine geschlossene Hütte zum Zelten auf der Wiese daneben einlädt. In der Nacht konnten wir ohnehin kaum weiter laufen und schon gar nicht einen legalen Zeltplatz finden. Die Ranger setzten den internationalen Paragrafen "Gnade vor Recht" in Kraft: Bis zum Morgen dürften wir hier bleiben. Anschließend erklärten sie uns ausführlich den weiteren Weg inklusive einiger Zeltmöglichkeiten für die kommenden Nächte und notierten diese auf einen Zettel. Den sollten wir vorzeigen, falls uns dort ihre Ranger-Kollegen vertreiben wollten. Wir haben später brav an diesen Stellen unser Zelt aufgeschlagen – und sind keinem einzigen Ranger mehr begegnet.

Wer in der Natur die große Freiheit sucht, der findet sie oft, muss aber auch ein paar Regeln beachten. Und die sind von Region zu Region unterschiedlich. Am einfachsten ist da noch das Laufen selbst: Fast überall auf der Welt muss man auf den Wegen bleiben, wenn es solche gibt. Das tut ein erfahrener Wanderer ohnehin, weil er weiß, dass er abseits der Wege viel schlechter vorankommt. Gibt es keinen angelegten Weg, folgt man eben den Trittspuren der Vorgänger. So schont man die oft empfindliche Vegetation abseits der Wege, die bald flächendeckend vernichtet wäre, wenn sich jeder seinen eigenen Weg bahnt. Und man umgeht unter dichtem Gras verborgene Senken oder Steine, die zu Recht den Schimpfnamen Knochenbrecher tragen. Auf blankem Fels folgt man den Markierungen.

Schwieriger ist das Übernachten bei mehrtägigen Touren. Gibt es Hütten oder gar Gasthäuser, ziehen viele ohnehin eine Nacht unter festem Dach dem Zelt vor. In vielen Regionen Mitteleuropas darf man seine transportable Unterkunft wie einen Biwaksack oder ein Zelt nur auf Zeltplätzen oder mit ausdrücklicher Erlaubnis des Besitzers aufschlagen. Im dünn besiedelten hohen Norden dagegen gilt das Jedermannsrecht: Es erlaubt, für eine oder zwei Nächte auf nicht kultiviertem Land sein Zelt aufzuschlagen. Zuvor muss man in der Nähe von bewohnten Häusern den Eigentümer um Erlaubnis fragen. In bestimmten Gebieten kann das Jedermannsrecht eingeschränkt sein; so ist das Zelten in vielen schwedischen Nationalparks verboten.

Das Jedermannsrecht erlaubt es auch, für den persönlichen Gebrauch Früchte und Pilze aus der Natur zu entnehmen. Diese Regel gilt aber nirgends für die Jagd, das Fangen von Tieren oder das Sammeln von Vogeleiern. Auch kann dieses Nutzungsrecht eingeschränkt werden. Die in Skandinavien beliebten Moltebeeren dürfen in Norwegen zum Beispiel nur sofort nach dem Sammeln verzehrt werden.

Die wichtigsten beiden Regeln für jedes Outdoor-Erlebnis aber sind ganz einfach: Vor einem Unternehmen erkundigt man sich nach allen Regeln und Verboten für die Gebiete, in denen man unterwegs ist – und hält sich daran. Regel Nummer zwei heißt, nirgendwo Spuren zu hinterlassen. Dazu gehört auch, außer Exkrementen keine Abfälle zu vergraben. Die können nämlich leicht von Tieren wieder ausgegraben werden. In jedem Rucksack ist genug Platz, seinen Abfall wieder mit zurück in die Zivilisation zu tragen. Denn von dort hat man ihn ja vorher auch in die Wildnis geschleppt.