Seit 1895 der erste Kinofilm der Welt in einem Café am Boulevard des Capucines seine Premiere feierte, sind die Pariser leidenschaftliche Kinogänger. Obwohl die Seinemetropole rund 100 Lichtspieltheater mit mehr als 400 Leinwänden besitzt, muss man sich selbst am Nachmittag in die langen Warteschlangen vor den Kinokassen einreihen. Die Möglichkeiten für Cineasten sind fast unbegrenzt, zumeist laufen die Filme in der Originalversion mit Untertiteln. Wer einen Blick auf das Programm im wöchentlich erscheinenden Pariscope wirft, erfährt beispielsweise, ob ein Kino gerade eine anspruchsvolle Rivette-Retrospektive zeigt.

Architektonisch manifestiert sich die Pariser Kinokultur in teils ausgefallenen Filmpalästen wie dem unter Denkmalschutz stehenden Le Pagode, das einem fernöstlichen Tempel nachempfunden ist, oder dem altmodischen Grand Rex, das ursprünglich sogar über einen Babysitter-Raum und einen Hundezwinger verfügte.

Paris verdankt seinen Ruf als Zelluloidstadt in erster Linie dem Umstand, dass im letzten Jahrhundert mehrere Klassiker an der Seine gedreht wurden. Bereits in den 1920er Jahren entstand Louis Buñuels Andalusischer Hund ( Un chien andalou ), der heute als eines der eindrucksvollsten surrealistischen Werke gewürdigt wird, während sich Man Ray mit Retour à la raison (1923) ein filmisches Monument setzte. Die Straßen von Paris waren eine beliebte Inspirationsquelle, so für René Clairs poetische Huldigung Unter den Dächern von Paris (1930) und Marcel Carnés Kultfilme Kinder des Olymp (1945) sowie Hôtel du Nord (1938) mit der unsterblichen Arletty . Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs erfuhr der avantgardistische Film durch Jean Cocteaus Die Schöne und das Biest (1946) und Orphée (1950) eine kurze Renaissance. Billy Wilder ließ sich von dem frivolen Charme der Rue Saint-Denis zu Irma la Douce (1963) inspirieren und Vincente Minelli verklärte die französische Metropole mit Ein Amerikaner in Paris (1951).

In den späten fünfziger Jahren traten dann die Regisseure der Nouvelle Vague mit einem neuen Anspruch auf. Statt im Studio drehten sie direkt in den Straßen von Paris, teilweise mit einer Handkamera wie Jean-Luc Godard, der 1959 mit Außer Atem ( A Bout de Souffle ) dem jungen Jean-Paul Belmondo und seiner Filmpartnerin Jean Seberg zum internationalen Durchbruch verhalf. Neben Godard übten sich noch Claude Chabrol , Jacques Rivette, Éric Rohmer und François Truffaut in der neuen Kunst des Filmemachens . Zu den herausragenden Werken jener Epoche gehört sicherlich Truffauts Die letzte Métro (1980) , das die düstere Stimmung während der deutschen Okkupation einfängt, als sich der jüdische Theaterbesitzer Lucas Steiner im Keller versteckt halten muss. Neben Heinz Bennet sind die Hauptrollen mit Catherine Deneuve und Gérard Depardieu kongenial besetzt.

Éric Rohmer wiederum hat sich nicht nur in Vollmondnächte (1984) den Pariser Vorstädten gewidmet, zuletzt zeichnete er in dem in Cergy-Pontoise gedrehten Film Der Freund meiner Freundin (1987) ein authentisches Bild des Lebens in den Vororten. Das Gegenprogramm findet sich in Mehdi Charefs Tee im Harem des Archimedes (1985), einem Film, der die sozialen Konflikte in den von nordafrikanischen Einwanderern dominierten Banlieue aus einer ganz anderen Perspektive schildert.

Auch für internationale Produktionen hat Paris immer wieder als attraktive Filmkulisse gedient: Bernardo Bertolucci setzte den alternden Marlon Brando in Der letzte Tango von Paris (1972) gekonnt in Szene und Roger Moore turnte als James Bond in Im Angesicht des Todes (1985) auf der Jagd nach Grace Jones auf dem Metallgerüst des Eiffelturms herum. Hinzu kommen moderne französische Kultfilme wie Luc Bessons Subway (1985) oder Leos Caraxs Die Liebenden vom Pont-Neuf (1991) mit der faszinierend–geheimnisvollen Juliette Binoche in der Hauptrolle.

Dieser Text ist imMichael Müller Verlagerschienen.

Ralf Nestmeyer: Reiseführer Paris MM-City, 7. Auflage 2011, Michael Müller Verlag, 264 Seiten, 14,90 EUR