ZEIT ONLINE: Herr Jaeger, wie oft kommen solche Unfälle vor, wie wir ihn jetzt mit der Havarie der Costa Concordia erleben?

Stefan Jaeger: Nur ganz selten. Der letzte Vorfall passierte 2010 auf der Louis Majesty . Da prallte eine Monsterwelle gegen das Schiff und zerstörte mehrere Scheiben. Zwei Passagiere sind damals gestorben. 2007 kam es zur Havarie der Sea Diamond vor Santorin. Beinahe alle Passagiere konnten sicher evakuiert werden, zwei Menschen werden allerdings bis heute vermisst. Eine so große Katastrophe wie die der Costa Concordia ist aber die Ausnahme.

ZEIT ONLINE: Das sind in den vergangenen fünf Jahren doch immerhin drei Unfälle, über die groß berichtet wurde. Sind die Sicherheitsstandards in der Kreuzschifffahrt nicht ausreichend?

Jaeger: Nein, das glaube ich nicht. Im Fall der Costa Concordia kam es zu einer Verkettung von Umständen, die ungewöhnlich sind. Wenn der Kapitän eine Route wählt, die unsicher ist , helfen die besten Sicherheitsvorbereitungen nichts.

ZEIT ONLINE: Wie genau sehen die Sicherheitsvorbereitungen aus?

Jaeger: Die Crew wird sehr sorgfältig ausgebildet und auch die Passagiere müssen vor Reiseantritt mit ihren Westen antreten und einmal den Weg zu den Rettungsbooten durchspielen. Außerdem gibt es Sicherheitsbeauftragte auf jedem Schiff, die für einen Notfall geschult sind. 

ZEIT ONLINE: Und die Technik, ist die für gewöhnlich auf dem neuesten Stand?

Jaeger: Kreuzfahrtschiffe sind mit modernster Navigationstechnik ausgestattet. Ihre Sensoren zum Beispiel können den Untergrund auf den Zentimeter genau vermessen. Hindernisse erkennt der Kapitän eigentlich sofort. Die Technik hat in diesem Fall nicht versagt.

ZEIT ONLINE: Wenn schon nicht die Schiffe das Problem sind, sind es dann die Routen?

Jaeger: Uns ärgert tatsächlich, dass viele Routen immer noch durch den Golf von Jemen führen. Also durch die Meerenge, wo die somalischen Piraten ihr Unwesen treiben . Dort wurden in den vergangenen Jahren immer wieder Kreuzfahrtschiffe angegriffen, die mit Vollgas flüchten mussten.

ZEIT ONLINE: Neben Piraten ist der letzte Unsicherheitsfaktor also der Mensch?

Jaeger: Ja, im Fall der Costa Concordia hat der Kapitän einen Weg zu nah an der Küste gewählt, der absolut unsicher ist. Gleichzeitig fuhr er viel zu schnell. Normalerweise bewegen sich Schiffe in Küstennähe ganz langsam. Wenn der Kapitän dann doch mal einen Felsen berührt, passiert nicht viel. Aber wenn ein Schiff mit 15 Knoten, also beinahe Vollgas, einen Felsen rammt – wie die Costa Concordia – dann gibt das ein Problem.

ZEIT ONLINE: Ein Pilot würde seine Passagiere freiwillig niemals in so eine Gefahrensituation bringen. Wie ist das Verhalten des Kapitäns zu erklären?

Jaeger: Nach Aussage der Küstenbewohner war es nicht das erste Mal, dass Schiffe dieser Reederei so nah an das Land heranfuhren. Deshalb muss sich auch die Reederei Fragen gefallen lassen. Die Navigationsdaten der Schiffe werden ja aufgezeichnet und sind abrufbar. Entweder hat die Reederei nicht kontrolliert, was ihr Kapitän auf See macht. Das wäre zumindest unglücklich. Wenn die Reederei aber davon wusste, hätte sie einschreiten und diese Praxis verbieten müssen.

ZEIT ONLINE: Anscheinend hat nicht nur der Kapitän fahrlässig gehandelt. Auch die Evakuierung soll chaotisch verlaufen sein.

Jaeger: Einige Crewmitglieder waren nicht dort, wo sie hingehörten, um den Passagieren von Bord zu helfen. Eigentlich lernen die Crewmitglieder in der Ausbildung, innerhalb von Augenblicken auf Notfall umzuschalten. Warum es hier nicht klappte, muss die Untersuchung klären.

ZEIT ONLINE: Lässt sich ein Schiff mit mehr als 4.000 Passagieren überhaupt geordnet evakuieren?

Jaeger: Das ist eigentlich kein Problem, da es auch mehr Rettungsboote gibt als auf einem kleinen Schiff. Außerdem sind die Rettungswege und der Platz entsprechend ausgelegt. Bei kleinen Schiffen sind die Gäste beispielsweise in fünf Minuten beim Rettungsboot, bei großen in sieben Minuten. Auf die zwei Minuten kommt es aber nicht an, wenn die Evakuierung ansonsten nach Plan läuft.

ZEIT ONLINE: Zeigt sich jetzt, dass Kreuzfahrten generell unsicher sind? Menschliche Fehler scheinen ja nicht auszuschließen zu sein.

Jaeger: Nein, Kreuzfahrten sind sicher, weil generell ein hoher Standard herrscht und die Reedereien normalerweise extrem auf die Sicherheit achten. Die Autofahrt oder der Flug zum Schiff ist gefährlicher als die Kreuzfahrt selbst. Immerhin machten 2010 allein 1,2 Millionen Deutsche auf diesen Schiffen Urlaub.

ZEIT ONLINE: Was kann die Kreuzfahrtbranche aus dem Unglück vor der Küste Italiens lernen?

Jaeger: Eigentlich nichts, das ist das Problem. Dass die Kapitäne keine unsicheren Routen so nah an der Küste fahren, sollte eigentlich klar sein. Kein Kapitän würde zugeben, dass er so etwas macht. Man könnte nur noch öfter überprüfen, ob die Crew wirklich ausreichend auf solche Notfälle vorbereitet ist und den Menschen im Notfall helfen kann.