Nepal Am Seil den Wasserfall hinab

Nepal will neue Touristen gewinnen: Seit Kurzem werden Canyoning-Routen angelegt, um Schluchten und Wasserfällen atemberaubend nah zu kommen.

Die Kaskade in der Syange-Schlucht ist 130 Meter hoch.

Die Kaskade in der Syange-Schlucht ist 130 Meter hoch.

Megans Hände umschließen fest das Seil, sie trägt einen Helm und einen Neoprenanzug. Ihre Füße presst sie gegen die Felsen, Wasser prasselt auf sie, 40 Meter hinab in die Tiefe. "Langsam, langsam!", ruft Dabindra. Er lächelt über die Kante des Wasserfalls, in dem Megan hängt. Sie seilt sich konzentriert Meter für Meter in die Tiefe. Sie spannt ihren Körper und lehnt sich nach hinten: nicht loslassen, und besser nicht oft nach unten schauen, dem Wasser nach.

Seit wenigen Jahren ist es möglich, in Nepal Canyoning-Touren zu unternehmen. Die Raindu-Schlucht im Marsyangdi-Tal gehörte zu den ersten Schluchten, die dafür eingerichtet wurden. Canyoning ist ein Extremsport, bei dem man dem Lauf des Wassers durch Schluchten folgt. Die Sportler seilen sich in Wasserfällen ab, schwimmen, rutschen oder springen in Wasserbecken. Kein Sport für jedermann, aber einer, den jeder, der trittsicher ist und keine Angst vor Wasser hat, ausprobieren kann – unter kundiger Anleitung in für Anfänger geeignetem Terrain. In Europa und Amerika gibt es seit Jahren Canyoning, in Nepal ist der Sport neu.

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Unten, am Fuß der Kaskade, watet Megan durch das flache Becken. Am Rand warten Luis aus Mexiko und Ira aus Colorado. "Großartig", ruft Megan. Dabrinda, der Canyoning-Guide aus Kathmandu, seilt sich als Letzter ab. Er ist ein schmaler 27-Jähriger in dunkelblauem Neoprenanzug und weißem Bergsteiger-Helm. Unten verstaut er das Seil im PVC-Rucksack. "Langsam, langsam" geht es weiter durch die Raindu-Schlucht im nepalesischen Marsyangdi-Tal. Die Canyoning-Sportler seilen sich in Wasserfällen ab, klettern durch Felsverhaue und rutschen auf glattpolierten Rampen in tiefe Pools. Jeder Fehler kann gefährlich werden, und doch ist es ein großer Spaß, mit Neopren über Felsen zu rutschen und in wirbeliges Wasser zu tauchen.

Canyoning ist in Nepal ein neuer Sport. Bis vor wenigen Jahren gab es fast nur Wanderer und Bergsteiger, zum Beispiel im unteren Marsyangdi-Tal. Hier beginnt die beliebte Trekking-Route rund um die eisbedeckten Himalaya-Gipfel des Annapurna-Massivs. Die Touristen kamen zu Fuß, oft begleitet von einheimischen Guides und Trägern. Das hat sich geändert. Seit eine Piste die ersten beiden Tagesetappen des Trails auf drei Stunden Fahrt mit dem Jeep verkürzt, ist das Tal auch für Canyoning interessant geworden.

Im Marsyangdi-Tal sind mittlerweile 15 Schluchten für diese extreme Variante des Bergsports eingerichtet. Es gibt Touren für jede Könnensstufe, nepalesische Trekking-Agenturen bieten Canyoning als mehrtägiges Komplettpaket mit Transport und Vollpension an. Steil ziehen sich die Hänge empor, Reisterrassen und Gemüsefelder liegen dicht an dicht auf felsigen Plateaus. Wasser strömt von den Bergen ins Tal, auf seinem Weg hat es im Laufe von Millionen Jahren tiefe Gräben mit hohen Kaskaden in den Fels geschnitten. Tausende Wanderer laufen jedes Jahr in der Trekking-Saison an diesen Wasserfällen vorbei. Das Innere der Schluchten jedoch blieb lange unerforscht.

Erst zu Beginn des neuen Jahrtausends entdeckte eine kleine Gruppe französischer Canyonisten und Höhlenforscher die Berge Nepals und vor allem das Marsyangdi-Tal als ideales Terrain fürs Canyoning. Akkubohrmaschinen, Haken, Seile und viele Kilo weitere Ausrüstung trugen die Franzosen damals ins Tal. Einheimische halfen beim Erkunden der Zustiege. Von Anfang an wurden auch nepalesische Bergführer in Canyoning-Techniken geschult und an den Expeditionen beteiligt. Im Februar 2004 gelang die Erstbegehung der Raindu-Schlucht.

Einen Tag später erlebten die Bewohner der Nachbarorte Syange und Ghermu – Bauern, Händler und Teehausbesitzer vom Volk der Gurung – ein Spektakel direkt vor ihrer Haustür: In der 130 Meter hohen Kaskade von Syange seilten sich erstmals Menschen ab. Das Ereignis sorgte für Verwunderung und Hoffnung zugleich.

"Wenn wir Einheimischen zum Wasserfall gehen, dann um mit Bambusstangen nach Honig zu suchen", erklärt Gurre Bahadur Gurung das Staunen der Dorfbewohner. Der alte Mann sitzt vor seinem aus schiefen Steinen gemauerten Haus in Ghermu, auf einem Plateau direkt gegenüber dem Syange-Wasserfall. Das Rauschen des Wassers weckt Bahadur am Morgen, und es ist das Letzte, was er abends vor dem Einschlafen hört.

Canyoning in der Syange-Schlucht in Nepal

Canyoning in der Syange-Schlucht in Nepal

"Seit die Touristen hierher zum Canyoning kommen, fragen wir uns, warum sie das machen. Was suchen sie in den Wasserfällen?" Bahadur lacht und zeigt große Zahnlücken, das weinrote Käppi auf seinem Kopf wippt. "Aber wir sind froh, dass sie kommen." Vor Bahadurs Haus verläuft der Fußweg durch das Marsyangdi-Tal, ein Teil des klassischen Annapurna-Trails. Eine Frau schleppt einen großen Korb Reisig über den holprigen Pfad, hinter ihr klacken Wanderstöcke. Viele Trekking-Touristen laufen nach wie vor diese Route, essen und übernachten in den Teehäusern und Lodges der kleinen Dörfer.

Doch seit es die Piste gibt und Jeeps und Busse bis nach Syange fahren, sparen sich immer mehr Wanderer die Etappen durch das untere Marsyangdi-Tal. Sie laufen nicht mehr wie bisher durch die hier liegenden Orte, bleiben nicht für die Nacht. Die Straße ist für die Einheimischen Segen und Fluch zugleich: Sie erleichtert den Alltag, etwa weil Einkäufe oder Arztbesuche schneller zu erledigen sind. Sie birgt aber auch die Gefahr, dass ein Teil des Tourismus-Geschäfts wegbricht. Viel Hoffnung liegt deshalb im Canyoning – weil es das Tal interessant für neue Gäste macht.

Dhan Prasad Gurung ist Besitzer der kleinen Rainbow Lodge in Ghermu. Er erinnert sich an einige Tage Anfang April 2011: Die neun engen, mit dünnen Holzwänden voneinander getrennten Mehrbettzimmer der Lodge waren eine Woche lang voll belegt – wie alle anderen Unterkünfte in Ghermu und Syange. Nasse Neoprenanzüge, Gurte und Seile hingen über den Brüstungen der Quartiere. Es war die Ausrüstung von 170 Canyoning-Sportlern aus zwölf Ländern: Der nepalesische Canyoning-Verband veranstaltete ein internationales Schluchten-Treffen im Marsyangdi-Tal. Es war das Erste in Nepal, das Erste in Asien überhaupt. Für die Sicherheit der Teilnehmer war extra ein Rettungshubschrauber in Rufbereitschaft versetzt worden.

Reisezeit

Canyoning ist in Nepal prinzipiell außerhalb der Monsunzeit möglich, das heißt von Oktober bis Mai. Je nach Region, Wetterlage und Schlucht können Touren aber auch innerhalb dieser Zeit nicht machbar sein.

Canyoning in Nepal

In Nepal gibt es derzeit vier Regionen, in denen Canyoning angeboten wird: das Marsyangdi-Tal (etwa 180 Kilometer oder eine Tagesreise von Kathmandu entfernt), Bhotekoshi (75 Kilometer bis Kathmandu), Sunkoshi/Bolde Kallery (72 Kilometer bis Kathmandu) und Nuwakot Kakani (28 Kilometer bis Kathmandu). Infos zum Canyoning gibt es bei der Nepal Canyoning Association. Touren mit erfahrenen Guides kann man zum Beispiel bei Friends Adventure in Kathmandu buchen.

Allgemeine Informationen zu Nepal

Allgemeine Informationen zu Nepal gibt es über die Botschaft in Deutschland Botschaft der Demokratischen Bundesrepublik Nepal, Guerickestraße 27, 10587 Berlin, Telefon: 030/34359920-22, sowie auf Englisch unter www.welcomenepal.com. – Flüge nach Kathmandu gehen ab Frankfurt oder München (mit 30 kg Freigepäck in der Economy) bietet zum Beispiel Oman Air an (www.omanair.com). Das für die Einreise erforderliche Visum erhält man bei der Einreise (Gebühr für 15-Tage-Visum 25 US-Dollar).

Die Nepalesen wollen zeigen, dass ihr Land riesiges Potenzial in diesem noch jungen Bergsport besitzt. Ein Jahr zuvor, 2010, hatte eine rein nepalesische Expedition die bislang höchste Canyoning-Tour der Welt eingerichtet, die Lunga-Schlucht im Naar-Phu-Gebiet nördlich von Chame im oberen Marsyangdi-Tal. Der Start liegt auf 5.215 Metern. Ein volles Haus bedeutet viel Arbeit. Besonders wenn jeder Teller, jede Gabel am Brunnen hinterm Haus gewaschen, jedes Blatt Minze für Tee extra gepflückt werden muss. Erst mittags hat Dhan Prasad Zeit für eine kurze Pause. Mit verschränkten Armen steht er vor seiner Lodge und beobachtet, wie Canyonisten sich abseilen in den Wasserfällen der Syange-Schlucht. 

Er würde das auch gern einmal machen, sagt Prasad. Aber es bleibt keine Zeit, um über die Umsetzung dieses Wunsches nachzudenken. Neue Kästen mit Bier der Marke Everest sind angekommen. Bier geht gut, obwohl zwei Flaschen davon so viel kosten, wie ein Träger auf der Annapurna-Route am Tag verdient: 500 nepalesische Rupien, etwa 4,90 Euro.

Als das internationale Treffen schon fast zu Ende war, landete ein Hubschrauber im brachen Feld hinter der Rainbow Lodge. Der stellvertretende Tourismus-Minister Nepals, Kishore Thapa, kam aus Kathmandu zur großen Abschlusszeremonie im Festzelt auf einer Wiese. Für den Flug bezahlte der nepalesische Canyoning-Verband 4.000 US-Dollar. Thapa trug ein graues Sakko, er stand in einem Tal, in dem es bis vor wenigen Jahren keine Straße gab.

Die Sorgen des Ministers waren kaum andere als die der Tourismus-Manager in den Alpen oder am Mittelmeer: Der Tourismus in Nepal brauche eine breitere, ganzjährige Basis, sagte Thapa. Neben den Trekking-Orten müssten auch die anderen Regionen von den ausländischen Gästen profitieren. Der Extremsport Canyoning soll dabei helfen.

 
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