Nepal Am Seil den Wasserfall hinab
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Der Start der höchsten Canyoning-Route liegt auf 5.215 Metern

Canyoning in der Syange-Schlucht in Nepal

Canyoning in der Syange-Schlucht in Nepal

"Seit die Touristen hierher zum Canyoning kommen, fragen wir uns, warum sie das machen. Was suchen sie in den Wasserfällen?" Bahadur lacht und zeigt große Zahnlücken, das weinrote Käppi auf seinem Kopf wippt. "Aber wir sind froh, dass sie kommen." Vor Bahadurs Haus verläuft der Fußweg durch das Marsyangdi-Tal, ein Teil des klassischen Annapurna-Trails. Eine Frau schleppt einen großen Korb Reisig über den holprigen Pfad, hinter ihr klacken Wanderstöcke. Viele Trekking-Touristen laufen nach wie vor diese Route, essen und übernachten in den Teehäusern und Lodges der kleinen Dörfer.

Doch seit es die Piste gibt und Jeeps und Busse bis nach Syange fahren, sparen sich immer mehr Wanderer die Etappen durch das untere Marsyangdi-Tal. Sie laufen nicht mehr wie bisher durch die hier liegenden Orte, bleiben nicht für die Nacht. Die Straße ist für die Einheimischen Segen und Fluch zugleich: Sie erleichtert den Alltag, etwa weil Einkäufe oder Arztbesuche schneller zu erledigen sind. Sie birgt aber auch die Gefahr, dass ein Teil des Tourismus-Geschäfts wegbricht. Viel Hoffnung liegt deshalb im Canyoning – weil es das Tal interessant für neue Gäste macht.

Dhan Prasad Gurung ist Besitzer der kleinen Rainbow Lodge in Ghermu. Er erinnert sich an einige Tage Anfang April 2011: Die neun engen, mit dünnen Holzwänden voneinander getrennten Mehrbettzimmer der Lodge waren eine Woche lang voll belegt – wie alle anderen Unterkünfte in Ghermu und Syange. Nasse Neoprenanzüge, Gurte und Seile hingen über den Brüstungen der Quartiere. Es war die Ausrüstung von 170 Canyoning-Sportlern aus zwölf Ländern: Der nepalesische Canyoning-Verband veranstaltete ein internationales Schluchten-Treffen im Marsyangdi-Tal. Es war das Erste in Nepal, das Erste in Asien überhaupt. Für die Sicherheit der Teilnehmer war extra ein Rettungshubschrauber in Rufbereitschaft versetzt worden.

Reisezeit

Canyoning ist in Nepal prinzipiell außerhalb der Monsunzeit möglich, das heißt von Oktober bis Mai. Je nach Region, Wetterlage und Schlucht können Touren aber auch innerhalb dieser Zeit nicht machbar sein.

Canyoning in Nepal

In Nepal gibt es derzeit vier Regionen, in denen Canyoning angeboten wird: das Marsyangdi-Tal (etwa 180 Kilometer oder eine Tagesreise von Kathmandu entfernt), Bhotekoshi (75 Kilometer bis Kathmandu), Sunkoshi/Bolde Kallery (72 Kilometer bis Kathmandu) und Nuwakot Kakani (28 Kilometer bis Kathmandu). Infos zum Canyoning gibt es bei der Nepal Canyoning Association. Touren mit erfahrenen Guides kann man zum Beispiel bei Friends Adventure in Kathmandu buchen.

Allgemeine Informationen zu Nepal

Allgemeine Informationen zu Nepal gibt es über die Botschaft in Deutschland Botschaft der Demokratischen Bundesrepublik Nepal, Guerickestraße 27, 10587 Berlin, Telefon: 030/34359920-22, sowie auf Englisch unter www.welcomenepal.com. – Flüge nach Kathmandu gehen ab Frankfurt oder München (mit 30 kg Freigepäck in der Economy) bietet zum Beispiel Oman Air an (www.omanair.com). Das für die Einreise erforderliche Visum erhält man bei der Einreise (Gebühr für 15-Tage-Visum 25 US-Dollar).

Die Nepalesen wollen zeigen, dass ihr Land riesiges Potenzial in diesem noch jungen Bergsport besitzt. Ein Jahr zuvor, 2010, hatte eine rein nepalesische Expedition die bislang höchste Canyoning-Tour der Welt eingerichtet, die Lunga-Schlucht im Naar-Phu-Gebiet nördlich von Chame im oberen Marsyangdi-Tal. Der Start liegt auf 5.215 Metern. Ein volles Haus bedeutet viel Arbeit. Besonders wenn jeder Teller, jede Gabel am Brunnen hinterm Haus gewaschen, jedes Blatt Minze für Tee extra gepflückt werden muss. Erst mittags hat Dhan Prasad Zeit für eine kurze Pause. Mit verschränkten Armen steht er vor seiner Lodge und beobachtet, wie Canyonisten sich abseilen in den Wasserfällen der Syange-Schlucht. 

Er würde das auch gern einmal machen, sagt Prasad. Aber es bleibt keine Zeit, um über die Umsetzung dieses Wunsches nachzudenken. Neue Kästen mit Bier der Marke Everest sind angekommen. Bier geht gut, obwohl zwei Flaschen davon so viel kosten, wie ein Träger auf der Annapurna-Route am Tag verdient: 500 nepalesische Rupien, etwa 4,90 Euro.

Als das internationale Treffen schon fast zu Ende war, landete ein Hubschrauber im brachen Feld hinter der Rainbow Lodge. Der stellvertretende Tourismus-Minister Nepals, Kishore Thapa, kam aus Kathmandu zur großen Abschlusszeremonie im Festzelt auf einer Wiese. Für den Flug bezahlte der nepalesische Canyoning-Verband 4.000 US-Dollar. Thapa trug ein graues Sakko, er stand in einem Tal, in dem es bis vor wenigen Jahren keine Straße gab.

Die Sorgen des Ministers waren kaum andere als die der Tourismus-Manager in den Alpen oder am Mittelmeer: Der Tourismus in Nepal brauche eine breitere, ganzjährige Basis, sagte Thapa. Neben den Trekking-Orten müssten auch die anderen Regionen von den ausländischen Gästen profitieren. Der Extremsport Canyoning soll dabei helfen.

 
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