Die Zhoushan Straße im Tilangiao-Viertel in Shanghai © China Photos/Getty Images

Als sich die Kunde vom Grauen der Vernichtungslager 1945 verbreitete, stand Michael Blumenthal im Shanghaier Ghetto fassungslos vor einer Mauer. Gegenüber seines Hauses im Stadtteil Hongkou waren an einer Fassade lange Listen angeschlagen. Blumenthal las und las, Namen von Überlebenden, die der Mordmaschinerie der Nazis entgangen waren. Kein Einziger seiner Berliner Kindheitsfreunde fand sich darunter. Blumenthal war damals 18 Jahre alt – mit seiner Schwester und seinen Eltern hatte er in Shanghai gehungert, wurde gedemütigt, geschlagen. Aber die Familie war am Leben.

Die Shanghaier Juden kannten Konzentrationslager als Stätten der Gewalt, nicht aber als Orte systematischer Vernichtung. Das Kriegsende machte die schlimmsten Befürchtungen zur Gewissheit: Zwischen fünf und sechs Millionen Juden waren von den Nazis ermordet worden. Blumenthal begann die deutsche Sprache zu hassen und sich seiner Heimat zu schämen. So wie ihm ging es vielen Exilanten jüdischen Glaubens. Als die Blumenthals am 10. Mai 1939 in China eintrafen, lagen Monate der Verzweiflung hinter ihnen. Der Vater war in der Pogromnacht 1938 ins Konzentrationslager Buchenwald verschleppt worden. Erst als seine Frau die Schiffspassagen vorlegte, kam er frei – um 25 Kilogramm abgemagert und ausgemergelt. Die Familie, von den Nazis bis auf zehn Reichsmark beraubt, verließ Europa von Neapel aus.

Für den damals 13-Jährigen Michael Blumenthal war die fünfwöchige Überfahrt ein Abenteuer. Er sah, wie sich der Horizont hinter dem Blau und Grau des Meeres hob und senkte: "Ich war furchtbar neugierig." Nur wenn die Eltern in jene nervöse Stille verfielen, die er seit Monaten kannte, trübte sich seine Stimmung. Shanghai empfing ihn mit dem schäbigen Charme einer großen Hafenstadt. Als der Ozeandampfer vom Meer in die Jangtse-Mündung und von dort in den Huangpu einfuhr, sah Michael Blumenthal eine Schiffsparade: Frachter und Kriegsschiffe, dazwischen segelten Dschunken und ruderten Sampans. Vertreter von Hilfskomitees geleiteten die Ankömmlinge in Notunterkünfte.

Viele Flüchtlinge bezeichnen Shanghai als Exil letzter Wahl. Eine fremde Kultur, ein ungesundes Klima – doch ab 1937 waren für die Hilfesuchenden fast alle Grenzen geschlossen. In Shanghai fragte niemand nach Visum oder Glauben. Die letzten jüdischen Flüchtlinge kamen 1941 auf dem Landweg über Russland und Japan. "Horn’s Imbiss-Stube" und "Café Atlantic" – die Schriftzüge verblassen, aber noch ist die Reklame für Flüchtlings-Geschäfte in nördlichen Stadtteil Hongkou lesbar. Stumme Zeugen des Ghettos finden sich bis heute. Von Mai 1943 bis August 1945 lebten hier – von den japanischen Besatzern zusammengepfercht – rund 20.000 jüdische Flüchtlinge, die meisten aus Deutschland, Österreich und Polen. Sie drängten sich mit mehr als 10.000 Chinesen auf zweieinhalb Quadratkilometern. 

Japan besetzte seit Ende 1941 ganz Shanghai und hatte das Ghetto auf Druck des Bündnispartners Deutschland errichtet. Am 18. Februar 1943 befahlen die japanischen Besatzer den jüdischen Emigranten, binnen 90 Tagen nach Hongkou zu ziehen. Von einer "Schutzmaßnahme" für staatenlose Flüchtlinge, die Shanghai nach 1937 erreicht hatten, war in dem Befehl die Rede. Die Grenzen des Pferchs – Huimin Road, Tongbei Road, Zhoujiazui Road und Gongping Road – sind noch heute erkennbar. Im Huoshan Park im Südosten des früheren Ghettos erinnert ein Gedenkstein an die ehemaligen Gefangenen.

Michael Blumenthal verbrachte acht Jahre in Shanghai. Wie andere Exilanten kehrte auch er später in die Stadt zurück, ging durch die Straßen seiner Jugend und besuchte das alte Haus in der Zhoushan Road 59, die früher Chusan Road hieß. Ein silbernes Schild am Eingang erinnert an ihn – den einstigen Ghetto-Bewohner, der später unter US-Präsident Jimmy Carter Finanzminister wurde.

Acht Zimmer, eine Toilette – so ist es noch immer in der Chusan Road. "Heruntergekommen war das Haus schon damals. Aber wir waren 40 bis 50 Bewohner", sagt Blumenthal. Gleich um die Ecke der Chusan Road steht die Ohel-Moishe-Synagoge. Heute eine Art Gedenkstätte, war sie einst Zentrum des Ghettolebens. Neben der Synagoge befand sich eine Polizeistation. Die Zellen waren berüchtigt: Es gab verseuchtes Trinkwasser, Ungeziefer, Prügel. Rund 2.000 Juden überlebten das Ghetto nicht.

Einmal lag Blumenthal 21 Tage mit Paratyphus im Ghetto-Hospital. Medikamente gab es keine, doch er überlebte die Krankheit. Er fand Arbeit in einer Chemiefabrik unter Schweizer Leitung. Als er den Job Anfang 1944 verlor, begann er Esperanto zu lernen. "Ich war überzeugt, dass eine bessere Nachkriegswelt eine neutrale Sprache haben wird." Seit Ende 1997 leitet Michael Blumenthal das Jüdische Museum Berlin. "Shanghai war eine miserable Zeit", sagt er, "aber ich verdanke dieser Stadt mein Leben."

Dieser Text ist im Michael Müller Verlag erschienen.