Wussten Sie, dass… Wiedergewonnene Erinnerung
Lion Feuchtwanger, Golo Mann und Max Ernst wurden im Zweiten Weltkrieg in Frankreich inhaftiert. Wussten Sie, dass bei Aix-en-Provence ein Internierungslager war?
© Boris Horvat/AFP/Getty Images

Das frühere Internierungslager Camps des Milles bei Aix-en-Provence
Auf den ersten Blick ist das südlich von Aix-en-Provence gelegene Les Milles nur ein langweiliger Vorort mit – für französische Verhältnisse – ungewöhnlich hohen Bürgersteigen. Ein feiner, roter Staub liegt in der Luft und weist den Weg zu der am Ortsrand gelegenen Ziegelei. Diese Ziegelei ist ein großräumiger Komplex mit Lagerhallen, in dem von 1939 bis 1943 bis zu 3.000 Menschen hinter Stacheldrahtzäunen interniert wurden, um die "nationale Sicherheit" zu gewährleisten.
Fast ausschließlich handelte es sich bei den Gefangenen um deutschsprachige Ausländer, die sich in Frankreich Schutz vor dem deutschen Nazi-Terror erhofft hatten. Darunter waren viele Intellektuelle, Schriftsteller, Journalisten, Wissenschaftler, Maler, Musiker, Politiker und Theaterleute. Einer der Inhaftierten war Lion Feuchtwanger, der seine Haftzeit so beschrieb: "Der kleine Ort Les Milles ist hässlich, doch die Landschaft ringsum ist sanft und lieblich; hügeliges Gelände, blau und grün, kleine, sanfte Flüsse, alte Landgüter, Ölbäume, Reben, viel Rasen (…). Inmitten dieser Landschaft lag unbeschreiblich häßlich unsere Ziegelei."
Auch Max Ernst erinnerte sich an seine leidvollen Erfahrungen während der Gefangenschaft: "Überall waren Trümmer und Staub von Backsteinen, selbst in dem wenigen, das man uns zu essen gab." Weiter sagte er: "Wir glaubten, verdammt zu sein, Trümmer von Backsteinen zu werden." Der Alltag bestand aus Warten, aus der verzweifelten Hoffnung, den Deutschen doch noch zu entkommen.

Ralf Nestmeyer, geboren Jahrgang 1964, ist Historiker und lebt seit 1995 als freier Autor in Nürnberg. Er veröffentlichte Reiseführer und Texte zu Bildbänden und Sachbüchern. Zudem gab er literarische Anthologien über die Provence und Sizilien heraus. Seine Essays, Reportagen und Rezensionen erscheinen unter anderem in der Nürnberger Zeitung und den Nürnberger Nachrichten.
Zu Feuchtwangers Haftgenossen zählten seine Schriftstellerkollegen Franz Hessel, Alfred Kantorowicz und Golo Mann. Der Autor Walter Hasenclever schluckte am 21. Juni 1940 aus Angst vor der drohenden Deportation eine Überdosis Veronal und setzte seinem Leben selbst ein Ende. Die Internierten haben ihre Erlebnisse literarisch zu verarbeiten versucht. Lion Feuchtwanger rechnete später mit der Verwaltung des Vichy-Regimes in Der Teufel in Frankreich ab, Kantorowicz und Hasenclever bezogen in den Büchern Exil in Frankreich und Die Rechtlosen Stellung, wobei sie wiederholt die hygienischen und psychischen Verhältnisse in den französischen Lagern anprangerten.
Nach Kriegsende nahm die Ziegelei wieder ihren Betrieb auf, als wäre nichts gewesen. Einzig ein Viehwaggon und ins Nichts führende Gleise erinnerten daran, dass von Les Milles die Todeszüge in die Vernichtungslager Auschwitz, Treblinka und Sobibor fuhren. Von mehr als 2.000 Deportierten überlebten nur 172.
Erst langsam setzte eine Aufarbeitung der Vergangenheit ein, die durch das im Sommer 2002 eröffnete Mémorial National des Milles einen adäquaten Rahmen gefunden hat. Im Zentrum der Erinnerungsstätte steht der einstige Speisesaal der Wachmannschaften: Hier wurde in den siebziger Jahren ein wertvoller Bilderzyklus entdeckt. Nachdem Historiker, jüdische Vereine und der Verband der Deportierten interveniert hatten, konnte gerade noch rechtzeitig der Abriss des Gebäudes verhindert werden. Der Speisesaal wurde unter Denkmalschutz gestellt.
Wer an den Arbeiten im Herbst 1940 mitgewirkt hat, ist unter Kunsthistorikern umstritten. Fest steht aber, dass zu den Lagerinsassen mehr als drei Dutzend namhafte Maler und bildende Künstler gehörten, darunter Robert Liebknecht, Anton Räderscheidt, Max Lingner und Leo Marschütz. Max Ernst und Hans Bellmer, die ebenfalls in Les Milles inhaftiert waren, kommen als Urheber nicht in Frage, da sie das Lager verlassen konnten, bevor der Zyklus entstand.
Die anonymen, direkt auf die Betonwände gemalten Bilder Schlaraffenland, Weinlese und Ernte sind stilistisch vom Surrealismus und der russischen Moderne geprägt. Sie erzählen von den Entbehrungen der Haftzeit, den Träumen von Frieden und Freiheit. So tafeln bei dem Wandbild Festessen der Völker der Erde ein Schwarzer, ein Italiener, ein Asiat, ein Holländer, ein Eskimo, ein Amerikaner und ein Inder in zufriedener Eintracht. Der Nahrungsmangel ist das bestimmende Thema, wie eine zugehörige Inschrift unterstreicht: "Si vos assiettes ne sont pas très garnies, puissent nos dessins vous calmer l'appétit" – "Wenn eure Teller nicht sehr voll sind, mögen diese Zeichnungen euren Hunger stillen."
Ein anderes Werk zeigt eine Fantasielandschaft aus Schinken, Sardinen und Ananas. Die kräftigen Farben, allen voran ein aus Waschpulver gewonnenes Ultramarinblau, zeigen eine Welt der Völlerei, die 1940 für die Menschen im Internierungslager weit hinter dem provenzalischen Sonnenhimmel gelegen hat.
Dieser Text ist im Michael Müller Verlag erschienen.
- Datum 11.01.2012 - 10:20 Uhr
- Serie Sehenswert - Wissenswert
- Quelle Michael Müller Verlag
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Kleiner Fehler in der Überschrift, der die ganze aufklärerische Wirkung ad absurdum führt
Dazu eine filmische Arbeit.
"Les Milles - Le train de la liberté"
Nun redet mal nicht um den heissen Brei herum, das Vichy Regime gabs 1939 noch gar nicht! Dann lieber gar keinen Artikel als so was
@ Louis Pasteur: Vielen Dank für Ihren Hinweis.
@ Louis Pasteur: Vielen Dank für Ihren Hinweis.
Ja, wusste ich.
Und ich weiß auch, dass neben den genannten "Promis" dort eine Menge Leute interniert waren, die kurz zuvor in Spanien noch gegen den Faschismus gekämpft hatten.
Dies, wie bereits in Beitrag Nr. 3 angemerkt, nicht erst ab Vichy sondern bereits in der Dritten Republik.
Der Artikel bleibt ziemlich an der Oberfläche indem er sich auf ein paar Künstler konzentriert.
Aber es geht wohl auch mehr um Promotion für das Buch des Autors.
@ Louis Pasteur: Vielen Dank für Ihren Hinweis.
In dem Artikel steht: "Diese Ziegelei ist ein großräumiger Komplex mit Lagerhallen, in dem von 1939 bis 1943 bis zu 3.000 Menschen hinter Stacheldrahtzäunen interniert wurden, um die "nationale Sicherheit" zu gewährleisten." Nirgendwo geschrieben, dass es 1939 ein Vichy-Regime gab.
Es steht da: "Lion Feuchtwanger rechnete später mit der Verwaltung des Vichy-Regimes in "Der Teufel in Frankreich" ab"; dieses Buch umfasst auch das Tagebuch 1940, das vom 21. Mai bis zum 16. September reicht, zudem fällt seine Internierung in ein Lager bei Nîmes (21. Juni bis 21. Juli 1940), die ebenfalls in den Buch beschrieben wird, in die Zeit des Vichy-Regimes, somit ist der Satz "Lion Feuchtwanger rechnete später mit der Verwaltung des Vichy-Regimes in "Der Teufel in Frankreich" ab" inhaltlich richtig.
... bestand eben darin, dass die französische Regierung unmittelbar nach Beginn des 2. Weltkriegs (also eben nicht erst die Vichy-Regierung, die nach der französischen Niederlage als Marionettenregierung von den Nazis installiert wurde) deutsche, österreichische und andere Nazi-Gegner als 'Gefahr für die Sicherheit Frankreichs' internierte - in Les Milles und anderswo ! Dort sassen die von den Nazis Verfolgten dann nach der französischen Niederlage in der Falle !
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