Wussten Sie, dass... Mulhouse, Stadt der hundert Schornsteine

Mulhouse im Elsass gilt als Stadt der 100 Schornsteine. Wussten Sie, dass die Industrie- und Technologiestadt ihren Gästen auch viel Kultur zu bieten hat?

Das Automuseum in Mulhouse im Elsass, im Bild ein Fiat 1500 6C Berlinetta Aerodinamica aus dem Jahr 1937 (rechts) und ein Alfa Romeo 2500 6C SS Villa d'Este aus dem Jahr 1951

Das Automuseum in Mulhouse im Elsass, im Bild ein Fiat 1500 6C Berlinetta Aerodinamica aus dem Jahr 1937 (rechts) und ein Alfa Romeo 2500 6C SS Villa d'Este aus dem Jahr 1951

Mulhouse entspricht nicht dem Klischee, das viele vom Elsass haben. Nicht pittoreskes Fachwerk dominiert, sondern architektonische Vielfalt – vom Mittelalter über die Renaissance und Gründerzeit bis in die Moderne. Insbesondere in der Oberstadt finden sich zahlreiche Zeugnisse der Industrialisierung, als man alte Gebäude zu Manufakturen umgestaltet hat.

Der elsässische Dialekt hat in Mulhouse eine besonders starke alemannische Färbung, in den Restaurants stehen Spezialitäten wie Fleischschnaka (mit Hackfleisch gefüllte Teigrollen), Sürlawerla (geschnetzelte Kalbsleber in sauer abgeschmeckter Sauce) und Carpe frite (in Öl ausgebackener Karpfen) auf der Karte, und immer wieder ist die Schweiz ganz nahe. Bei einem Spaziergang durch das historische Zentrum von Mulhouse, einst freie Reichsstadt in der Eidgenossenschaft, entdeckt man vielfältige Spuren dieser Geschichte.

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Das Herz der Stadt bildet die belebte Place de la Réunion, wo 1798 der freiwillige Anschluss an Frankreich mit viel Enthusiasmus gefeiert wurde. Schmale und breite, hohe und niedrige Häuser in verschiedenen Baustilen und Farben umgeben den Platz und bilden zusammen mit der Stephanskirche ein reizvolles Ensemble. Sein Schmuckstück ist aber das prächtige, farbenfrohe Renaissancegebäude des Hôtel de Ville aus dem Jahre 1552.

An der rechten Schmalseite hängt eine Nachbildung des sogenannten Klappersteins. Damit bestrafte man in der Vergangenheit Lästermäuler auf besonders drastische Art und Weise. War ein Bürger der üblen Nachrede für schuldig befunden worden, wurde er – so erzählen es die Mühlhausener ihren Kindern heute noch – in ein weißes Gewand gesteckt, musste sich den Klapperstein umhängen und wurde, rückwärts auf einem Esel sitzend, durch die Stadt geführt und so bloßgestellt. Zum letzten Mal soll dies im Jahre 1781 geschehen sein. In einem Vers unter der Nachbildung des fratzenförmigen Steins erklärt dieser seine Funktion: "Zum Klapperstein bin ich genannt, den bösen Mäulern wohl bekannt. Wer Lust zu Zank und Hader hat, der muss mich tragen durch die Stadt."

Antje und Gunther Schwab

Antje Schwab, geboren 1961 in Karlsruhe, ist seit langem von fremden Kulturen fasziniert. Ausgedehnte Reisen führten sie gemeinsam mit Gunther Schwab nach Südostasien, Afrika, Mittel- und Südamerika, kreuz und quer durch Europa, und vor allem immer wieder nach Griechenland. Fremdsprachen sind ihr ganz besonderes Hobby, außerdem kocht sie leidenschaftlich gern. Sie unterrichtet an einer Grund- und Hauptschule bei Pforzheim.

Gunther Schwab, geboren 1951 in Schwetzigen, ging in seiner Referendarzeit nach Karlsruhe. Er istGeograf aus Leidenschaft; Vulkane, Regenwälder und Wüsten ziehen ihn an, wie seine reichhaltigen Mineralien- und Fotosammlungen beweisen. Er unterrichtet Deutsch und Geographie an einem Karlsruher Gymnasium.
 

Mulhouse ist zu recht stolz auf seine vielen technischen Museen. Am bekanntesten ist die Kollektion Schlumpf, die mit etwa 400 Fahrzeugen als die größte Automobilsammlung der Welt gilt. Darunter sind Raritäten von Bugatti, Citroёn, Rolls Royce, Mercedes Benz und anderen klingenden Marken, die das Herz eines Autofans höher schlagen lassen. Auch das Eisenbahn- und Elektrizitätsmuseum ist ein guter Anlaufpunkt für Technikbegeisterte. An die Zeiten, als die Textilindustrie Mulhouse prägte, erinnert das Stoffmuseum. Hinzu kommen eine Gemäldesammlung, ein historisches Museum und, im Vorort Rixheim, außerdem noch skurrilerweise ein Tapetenmuseum.

So vielfältig wie die Sehenswürdigkeiten von Mulhouse ist auch die Bevölkerung, die einen ausgesprochen hohen Ausländeranteil aufweist. Ein Spaziergang über den an einen orientalischen Basar erinnernden Wochenmarkt am Canal Couvert gehört deshalb zum Beeindruckendsten, was die multikulturelle Stadt zu bieten hat: Hier treffen sich Anbieter aus vielen Ländern und die bunt gemischte Käuferschaft aus Einheimischen, badischen Grenzgängern und nordafrikanischen Fremdarbeitern.

Die Mulhouser Marktleute preisen lautstark ihre Tomaten, Salatköpfe und die für die Region typischen länglichen Radieschen an – abwechselnd auf Elsässisch und Französisch. Beim Herumschlendern steigt der Duft frischer Pfefferminze und Koriander in die Nase. Am entsprechenden Stand wählen Tunesier, Marokkaner oder Algerier, oft mit Djellaba und Turban bekleidet, die schönsten Büschel aus, halten einen Plausch mit Freunden aus der alten Heimat und gehen weiter zum Stand des Elsässer Gemüsebauern nebenan.

Einen ganz persönlichen Zugang zur Entdeckung der Stadt bietet seit einiger Zeit das Office de Tourisme mit dem so genannten Greeter Network an. Greeter sind Einheimische, die sich kostenlos mit Touristen – Einzelpersonen wie Kleingruppen – auf den Weg durch ihre Stadt machen. Bewusst soll sich dieses Angebot von einer professionellen Führung abheben. Vielmehr bietet der Greeter Themen an, die seiner Neigung oder seinem Erfahrungsbereich entsprechen: Vom Gang über den Markt, über Besuche von Museen, Radtouren oder Wanderungen im Umland bis hin zu gemeinsamen Abendessen in einem elsässischen Spezialitätenlokal ist alles dabei.

Dieser Text ist im Michael Müller Verlag erschienen.

 
Leser-Kommentare
  1. Man könnte sich ja des Revanchismus und Nationalismus verdächtig machen. “Mulhouse” ist erzfranzösisch, und seine Geschichte hat nichts, aber auch gar nichts mit Deutschland zu tun, verstanden?!
    Die Hexenjagd auf politisch Inkorrektes treibt immer wieder seltsame Blüten... Deutschland möchte sich in seiner Vereintes-Europa-Euphorie wohl am besten selbst gänzlich aus der europäischen Geschichte tilgen. So wie man 70 Jahre zuvor auch einen jüdischen Komponisten wie Mendelssohn-Bartoldy vergessen und sozusagen nachträglich “nicht existent” machen wollte, durch angestrengtes Vermeiden seiner Werke...

    Oder soll es einfach nur möglichst exotisch oder fremd und südlich klingen, um Fernweh und Reisefieber zu wecken?

    Egal. Aber dann bitte konsequent sein und Milano statt Mailand, København statt Kopenhagen, Warszawa statt Warschau, Venezia statt Venedig, Napoli statt Neapel, Kyjiw statt Kiew und București statt Bukarest schreiben.

    Lustig wäre es, Peking in Zukunft in deutschen Zeitungen politisch korrekt 北京 zu schreiben, oder Kairo ‏القاهرة‎.

    Die Deutschen mit ihrem Perfektionismus kriegen auch das noch hin, da bin ich ganz zuversichtlich...

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    Wenn die Autoren schon nicht "Mülhausen" schreiben wollen, wie können sie dann "Elsass" schreiben? Das Elsass, sorry: Alsace, ist schließlich seit 1918 französisch. Gleichzeitig schreiben sie, die Stadt sei so wunderbar multikulturell. Manchmal scheint mir, "multikulturell" sei für die Deutschen eine Einbahnstraße: alle anderen dürfen in "multikulturell" vorkommen, man selber aber nicht.

    Dieses sind scheinbare Kleinigkeiten, aber eben nur scheinbar: diese Selbstverleugnung ist die Kehrseite einer bei anderen Gelegenheiten und zum Ausgleich aufbrechenden Aggression und Überheblichkeit.

    • Shrek
    • 22.02.2012 um 12:34 Uhr

    In Wahrheit sind wir Deutsche und die Elsässer uns viel enger verbunden, als es den Autoren lieb ist. So etwas sollte man nicht verleugnen. Selbst mein Vater, der Elsässer ist, sagt "Mülhausen" und nicht "Mulhouse".
    Und was den hohen "MultiKulti"-Anteil angeht, so ist das wie so oft eher gezwungenermaßen so - nicht umsonst ist das Elsaß einer der Hochburgen der Front National.

    Wenn die Autoren schon nicht "Mülhausen" schreiben wollen, wie können sie dann "Elsass" schreiben? Das Elsass, sorry: Alsace, ist schließlich seit 1918 französisch. Gleichzeitig schreiben sie, die Stadt sei so wunderbar multikulturell. Manchmal scheint mir, "multikulturell" sei für die Deutschen eine Einbahnstraße: alle anderen dürfen in "multikulturell" vorkommen, man selber aber nicht.

    Dieses sind scheinbare Kleinigkeiten, aber eben nur scheinbar: diese Selbstverleugnung ist die Kehrseite einer bei anderen Gelegenheiten und zum Ausgleich aufbrechenden Aggression und Überheblichkeit.

    • Shrek
    • 22.02.2012 um 12:34 Uhr

    In Wahrheit sind wir Deutsche und die Elsässer uns viel enger verbunden, als es den Autoren lieb ist. So etwas sollte man nicht verleugnen. Selbst mein Vater, der Elsässer ist, sagt "Mülhausen" und nicht "Mulhouse".
    Und was den hohen "MultiKulti"-Anteil angeht, so ist das wie so oft eher gezwungenermaßen so - nicht umsonst ist das Elsaß einer der Hochburgen der Front National.

  2. Wenn die Autoren schon nicht "Mülhausen" schreiben wollen, wie können sie dann "Elsass" schreiben? Das Elsass, sorry: Alsace, ist schließlich seit 1918 französisch. Gleichzeitig schreiben sie, die Stadt sei so wunderbar multikulturell. Manchmal scheint mir, "multikulturell" sei für die Deutschen eine Einbahnstraße: alle anderen dürfen in "multikulturell" vorkommen, man selber aber nicht.

    Dieses sind scheinbare Kleinigkeiten, aber eben nur scheinbar: diese Selbstverleugnung ist die Kehrseite einer bei anderen Gelegenheiten und zum Ausgleich aufbrechenden Aggression und Überheblichkeit.

  3. deutsche Besserwisserei, Grr
    ja Deutsche leben zum Arbeiten,
    Franzosen arbeiten um zu leben

  4. ... nicht das Wort "Anzeige" stehen?

    • Shrek
    • 22.02.2012 um 12:34 Uhr

    In Wahrheit sind wir Deutsche und die Elsässer uns viel enger verbunden, als es den Autoren lieb ist. So etwas sollte man nicht verleugnen. Selbst mein Vater, der Elsässer ist, sagt "Mülhausen" und nicht "Mulhouse".
    Und was den hohen "MultiKulti"-Anteil angeht, so ist das wie so oft eher gezwungenermaßen so - nicht umsonst ist das Elsaß einer der Hochburgen der Front National.

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    ... des Front National ;-)

    ... des Front National ;-)

  5. ... des Front National ;-)

    Antwort auf "@Rentenrepublik"
  6. „wo 1798 der freiwillige Anschluss an Frankreich mit viel Enthusiasmus gefeiert wurde“

    Schon klar. Damit’s auch ja jeder kapiert :-)

    Zwar unterstelle ich, daß in der ZEIT keine Unwahrheiten verbreitet werden, und auch ist es das gute Recht der Elsässer, selbst über ihre Zugehörigkeit (oder Eigenständigkeit?) zu entscheiden. Wobei sie meines Wissens nie gefragt wurden, im Gegensatz zu den Oberschlesiern und Masuren. Aber der obige Satz ist ja nun erst einmal eine Behauptung der beiden Autoren. Grundsätzlich könnte man es jedenfalls präzisieren, was es mit der Freiwilligkeit auf sich hat und wie genau der "Enthusiasmus" aussah und auf wessen Aussagen man sich da beruft.
    Zum Beispiel könnte es ja auch sein, daß man eher die Staatsform der Republik begrüßte (wie auch anderswo in Deutschland, z.B. Hamburg oder Mainz) als die Abkehr vom deutschen Staatsverband (jaja, ich weiß, des des Hl. Röm. Reiches) oder die zwangsweise Durchsetzung der französischen Sprache bzw. die nun einsetzende freiwillige und eifrige „Selbstfranzösisierung“ der Elsässer.

    Es wird ja auch immer sehr viel Wert darauf gelegt, so etwas wie Nationalgefühl als etwas Künstliches zu betrachten, was erst durch die Napoleonischen Kriege überhaupt in die Welt kam. Und die gingen ja erst ab 1806 allmählich los, und ab ca. 1812 in voller Härte. Insofern ist 1798 ein bißchen früh für solche Urteile.

    Nicht daß man mich falsch versteht: Die Gegenwart ist, wie sie ist. Aber die Geschichte eben auch...

  7. Die elsässische Version wäre auch schön gewesen.

    Man bedenke: In Frankreich, Polen, Italien, Spanien hat man für jedes deutsche "Kuhdorf" Bezeichnungen in der eigenen Sprache, die grundsätzlich auch in den Medien Gebrauch finden. Und wir verwenden schließlich auch: Straßburg, Warschau, Mailand, Brüssel, Prag...

    Scheinbar sind deutsche Bezeichnung darüber hinaus inzwischen nur noch beim Fußball erlaubt: Viktoria Pilsen, Inter Mailand, Standard Lüttich...

    Und die deutsche Fußballnationalmannschaft spielt bei der Europameisterschaft natürlich in Lwiw (laut öffentlich-rechtlichem Fernsehen), und nicht in Lemeberg.

    Habe das Gefühl, dass dieses Land allmählich "auf die Couch" muss...

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