GhanaWo das Meer Tonnen von Müll ins Paradies schwemmt

Die Region Ada in Ghana wird gerade touristisch entdeckt, die Landschaft rund um die Volta-Mündung ist einzigartig. Doch Müll und Meereserosion gefährden den Aufschwung. von Stefanie_Otto

Maranatha Beach Camp in Ada Foah, Ghana

Maranatha Beach Camp in Ada Foah, Ghana  |  © Dorothea Schramm

"Willkommen in Adas erstem Öko-Hotel", ruft Winfred Dzinadoh. Der Mittvierziger ist Hotelier in Ghana - und einer der ersten, die nachhaltigen Tourismus in dem Land aufbauen wollen. Dzinadohs Maranatha Beach Camp liegt auf einer schmalen Landzunge zwischen der Mündung des Volta im Osten und den Sandstränden der Gemeinde Ada . Kokospalmen rauschen in der leichten Meeresbrise. Seevögel tummeln sich auf den Sandbänken und kleinen Inseln des Deltas. Ein paar hundert Meter den Fluss hinauf beginnen Magrovenwälder . "Das ist unser Anteil am Paradies", sagt Dzinadoh stolz. Die kleine Feriensiedlung aus liebevoll gestalteten Strohhütten ist populär bei jenen, die entlang der ghanaischen Küste reisen oder Lärm und Smog der nahen Hauptstadt Accra entfliehen.

Doch nicht nur Touristen, sondern auch immer mehr Importgüter kommen nach Ghana – und mit ihnen tonnenweise Verpackung. Eine funktionierende Abfallwirtschaft existiert weder in den Städten, noch auf dem Land. Die Gemeinde Ada trifft es doppelt: Eine Meeresströmung schwemmt kubikmeterweise Müll aus der Hauptstadt Accra an Adas Strände. Kaputte Autoreifen, verrosteter Elektroschrott und vor allem Plastikabfälle bedecken den feinen weißen Sand, auf den die Bewohner hier so stolz sind. Erst seit Kurzem treffen sich Umweltschützer, Betroffene und Unterstützer viermal im Jahr zu kollektiven Aufräumaktionen.

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An der Wurzel des Problems gehen solche punktuellen Aktivitäten allerdings vorbei, meint Samuel Riverson. Der Regionalleiter der staatlichen Wildlife Division ist für den Naturschutz im Reservat rund um Ada und die Volta-Mündung verantwortlich. Neben Krokodilen, Affen und Seevögeln leben hier auch große Meeresschildkröten, die andernorts vom Aussterben bedroht sind. Vor einigen Jahren wurden fünf Lagunen im Großraum Accra unter ein besonderes Protektorat gestellt, darunter auch das Volta-Delta.

Dennoch hat sich seitdem die Situation kontinuierlich verschlechtert. "Letztendlich hat es kaum eine Auswirkung, ob wir den Strand reinigen oder nicht, ob wir hier Aufklärungsarbeit betreiben oder nicht. Was wir brauchen ist ein genereller Wandel im ganzen Land. Denn erst wenn die Menschen in Accra ihr Verhalten ändern, gelangt der Müll nicht ins Wasser und zu uns", sagt Samuel Riverson. Der junge Mann scheint frustriert davon, Tag für Tag mit Problemen konfrontiert zu sein, die jenseits seines Einflussbereiches entstehen.

Touristen mögen Nachhaltigkeit

Auch Winfred Dzinadoh vom Maranatha Beach Camp liegt viel am Schutz der Natur. Er ist auf einer der Inseln im Fluss-Delta aufgewachsen. Bei den Müll-Sammelaktionen ist er immer dabei. Der sympathische Hotelier kennt auch die Vorlieben europäischer Rucksackreisender: "Die meisten Besucher sind Studenten oder Ältere, die sich eine Auszeit vom Beruf nehmen. Unsere Herangehensweise, alles möglichst nachhaltig zu gestalten, gefällt den Leuten sehr." Dzinadoh versucht, den Nachhaltigkeitsgedanken in seiner Heimat zu verankern: Ein Großteil der Einnahmen des 2002 gegründeten Maranatha Community Beach Project kommen der Gemeinde zugute. Neben dem Aufbau einer Grundschule arbeitet Dzinadoh auch an der Verbesserung der sanitären Anlagen im Ort und betreibt Umweltbildung.

Doch trotz der Schönheit dieser Gegend entwickelt sich der Tourismus nur sehr langsam. Auf Winfred Dzinadohs Drängen hin gründete sich im Jahr 2009 die Initiative Ada Tourism Services . Kompetenzen zu bündeln sei von Beginn an das Hauptanliegen des Vereins gewesen, sagt David Ahadzie, der Vorsitzende der Initiative: "Wenn wir im Tourismus hier wirklich etwas bewegen wollen, müssen wir alle an einem Strang ziehen." Hoteliers, Bootsfahrer und andere Dienstleister möchten vom Tourismus profitieren: Dieser ist nach Landwirtschaft und Fischerei die drittwichtigste Einnahmequelle der etwa 40.000 Bewohner der Region. Die Ada Tourismus Initiative hat es jedoch immer noch schwer, weil viele Gemeindemitglieder darin keinen direkten Gewinn für sich sehen. "Alle kochen ihr eigenes Süppchen. Aber so lassen sich die echten Probleme nicht lösen", sagt David Ahadzie.

Das Leben der Fischer

Etwa zehn Kilometer von Ada entfernt, auf einer schmalen Sandbank zwischen Atlantik und der Songor-Lagune, liegt Totope. In dem 400-Seelen-Dörfchen hat vom Aufschwung der Nachbargemeinde bisher noch niemand profitiert. Traditionell lebt hier fast jede Familie vom Fischen, so auch die von Emmanuel Kusietu. Er fuhr schon als Kind mit seinem Vater aufs Meer; heute ist er selbst Fischer.

An manchen Tagen ist das Meer zu stürmisch, um herauszufahren. Die Fischer reparieren dann am Strand ihre Netze, mit denen sie Tilapia und Krabben fangen. Besonders prekär sei die Periode von Februar bis Mai, sagt Kusietu: "Manchmal ist die See wochenlang zu aufgewühlt, um rauszufahren. Wir würden unser Leben riskieren. Und dann lässt die Hitze manchmal noch die Lagune austrocken, in der wir sonst auch noch fischen könnten."

Erosion der Küste in Ada Foah, Ghana

Erosion der Küste in Ada Foah, Ghana  |  © Philipp Lemmerich

Seit Generationen lehren die Bewohner Totopes ihren Kindern den Umgang mit der rauen See. Doch in den letzten Jahren trugen die starke Brandung und der steigende Meeresspiegel die Küste Meter für Meter ab. Einst lag Totope mit sicherem Abstand zur Küste im Landesinneren Ghanas, erinnert sich Kusietu: "Als Kinder mussten wir eine große Kokospalme hinaufklettern, um das Meer zu sehen. Heute wüten die Wellen dort, wo früher unser Ortskern war." Knapp die Hälfte der kleinen Fischerhüttchen wurde bereits von den Fluten mitgerissen. Wie Fragmente aus einer anderen Zeit ragen vereinzelt Überreste einstiger Wohnhäuser aus dem Sand. Die ehemaligen Bewohner mussten vor dem Wasser flüchten.

Ein Fischer in Totope an der Küste Ghanas

Ein Fischer in Totope an der Küste Ghanas  |  © Philipp Lemmerich

Für viele kommt ein Umzug in andere Orte nicht in Frage – es ist zu teuer. Auch deshalb sehen viele den Müll, der in großen Mengen ans Ufer geschwemmt wird, als Geschenk an: Mangels Alternativen greifen sie auf den einzigen Baustoff zurück, an dem es hier nicht mangelt. Mit Sand vermischt schütten sie die Abfälle an den Rand der Lagune und gewinnen so Meter für Meter neue Baufläche. "Ein paar Jahre geht das vielleicht noch gut, aber dann wird das Meer schneller sein als wir", sagt Emmanuel Kusietu düster.

Wer etwas Geld zurücklegen konnte, geht ins benachbarte Ada. Dort auf dem Markt können die Fischer ihren Fang leichter verkaufen. Außerdem könnten sie in Zukunft von der Meereserosion verschont bleiben. Vor Monaten schon rückten Bagger und Bulldozer aus Accra an. Dutzende Arbeiter präparieren den sandigen Untergrund für die Sea Defense, eine Betonmauer, die den Ort vor den Wassermassen schützen soll.

"Ob das wirklich sinnvoll ist, weiß keiner. Wenn wir Pech haben, stehen wir in ein paar Jahren wieder vor dem selben Problem wie heute", sagt Samuel Riverson von der Wildlife Division. Er ist sich bewusst, dass es nicht zuletzt die Bedeutung Adas für den Tourismus war, die zu dem Prestigeprojekt geführt hat. Den Menschen in Totope, die tagtäglich um ihr Zuhause fürchten müssen, ist damit allerdings nicht geholfen.

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Leserkommentare
  1. Kenne die Region aus eigener Erfahrung. Die Küstenerosion ist in der Tat erschreckend rasant. Abhängig vom genauen Standort können das schon mal 20 - 30 Meter pro Jahr oder sogar mehr sein. Dort wo ich war wurde z.B. gerade die Gräber des lokalen Friedhof bereits das 2. Mal (!) umgebettet...

    Allerdings ist die Meeresströmung wirklich extrem stark und die Küste weitestgehend sandig. Inwieweit da eventuell das Phänomen der "Wanderküste" mit hinein spielt und welchen Anteil der Klimawandel daran weiss ich leider nicht abzuschätzen. Immerhin würde die Ostseeküste heute auch erheblich anders aussehen, wenn nicht überall immense Aufwendungen zum Küstenschutz unternommen würden. Sofern jemand mehr weiss, wäre ich dankbar für etwas "Aufklärung".

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  • Schlagworte Tourismus | Abfallwirtschaft | Ghana | Müll | Accra
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