Wussten Sie, dass... Crowdfunding für alternative Lebensform
Seit 1971 leben Hippies und Künstler in Christiania in Kopenhagen. Wussten Sie, dass die Bewohner bis April fünf Millionen Euro brauchen, um die Kommune zu erhalten?
Nachdem 1971 Hippies ein verlassenes Armeegelände im Stadtteil Christianshavn in Kopenhagen besetzt hatten, beschloss die dänische Regierung zwei Jahre später, dies als "soziales Experiment" zu dulden. In den Siebzigern wuchs die Zahl der Bewohner von Christiania auf mehrere Tausend an – eine eigene Regierung musste her. Die funktioniert bis heute basisdemokratisch und regelt den Alltag: von der Instandsetzung der halb verfallenen Häuser über die Strom- und Wasserversorgung bis zur Einrichtung von Müllabfuhr, Straßenreinigung, Einkaufsmöglichkeiten, Post, Bäckerei, Kindergarten und Badehaus.
Autos dürfen in Christiania nicht fahren, dafür wurde den fahrradverliebten Kopenhagenern eine echte Innovation beschert: das dreirädrige Christiania Bike, ein Transportfahrrad mit einer großen Kiste vorne, das sehr häufig in Kopenhagen zu sehen ist. 1984 in Christiania erfunden, wird es inzwischen auf Fünen und Bornholm industriell hergestellt. Doch die Herkunft wird nicht verleugnet: Kleine Werkstätten in Christiania bauen auch heute noch Fertigteile zusammen.
Christiania ist heute mehr denn je auch ein Traumziel für viele Künstler. Das legendäre Hippie- und Aussteigerviertel stellt sich als bunt bemaltes Gelände mit viel Grün dar, dessen Zentrum aus einem großen Kleidermarkt, vielen Kneipen sowie etlichen Werkstätten und Galerien besteht. Geschäfte für den täglichen Bedarf haben in ehemaligen Eisenbahnwaggons eröffnet, auf der berühmt-berüchtigten Pusher Street herrscht an schönen Tagen ein Betrieb wie auf der Strøget, der großen Fußgängerzone von Kopenhagen. Probleme entstanden in Christiania durch den Handel mit harten Drogen, doch seit dieser eingedämmt wurde, haben die konservativen Kräfte im Staat ihr stärkstes Gegenargument verloren. Inzwischen sind allerdings mit stillschweigender Duldung der Obrigkeit wieder Haschisch-Verkaufsstände auf der Pusher Street zu finden. Pusher bedeutet Drogenhändler.
Mehrere Hunderttausend Menschen besuchen jährlich die weltberühmte "Freistadt": Christiania ist mittlerweile eine der größten Touristenattraktionen Kopenhagens. Doch obwohl die Bewohner inzwischen sogar bezahlte Touristenführungen durch ihr selbst verwaltetes Reich veranstalten – richtig beliebt sind Außenstehende nicht. Skeptische bis prüfende Blicke der Einheimischen können Besuchern durchaus das Gefühl vermitteln, Eindringlinge zu sein. Auch die vielen freilaufenden Hunde, stattliche Exemplare zumeist, sind sicher nicht jedermanns Sache.
Aber Christiania ist eben kein Museum. Hier ist niemand dazu da, bestaunt zu werden. Es ist ein lebendiges Viertel mit einer schon vierzigjährigen Geschichte, deren rund 850 Bewohner sehr stolz auf ihren Status als freie Christianitter sind. Erfolgsstorys von Rechtsanwälten, Journalisten, Ärzten und Künstlern, die ihre Karriere aus Christiania heraus starteten und noch immer dort leben, haben in der dänischen Bevölkerung zudem starke Solidaritätsgefühle mit den Bewohnern des Selbstverwaltungsgebiets geweckt. Unter dem ehemaligen dänischen Ministerpräsidenten Anders Fogh Rasmussen, inzwischen Nato-Generalsekretär, wurde verstärkt versucht, Christiania aufzulösen, doch die sofort aufflammenden Proteste innerhalb und außerhalb der autonomen Gemeinde erstickten die Bemühungen immer wieder.

Christian Gehl, geboren 1966, arbeitet als freier Journalist in München. Nach dem Germanistikstudium schrieb er seine ersten bezahlten Texte als Wirtschaftsjournalist und später als Spielfilmredakteur. 2000 machte er sich selbstständig. Kopenhagen kennt er seit seiner Studienzeit, und an der bulgarischen Küste hat er mindestens zehn großartige Sommer verbracht, unter anderem um seinen Reiseführer zur Schwarzmeerküste zu verfassen.
Lebensanschauliche Unterschiede sind aber nicht der einzige Grund für die Anti-Christiania-Bestrebungen: Der Wert des Geländes wird auf 300 Millionen Euro geschätzt. Die Lage am Wasser, im Grünen und doch nahe der Innenstadt macht es für teure Neubauprojekte sehr interessant. Doch den Kopenhagenern ist ihr Christiania noch um einiges teurer: 75 Prozent sprachen sich in Umfragen für die Erhaltung von Christiania aus.
Bleibt die Eigentumsfrage. Seit einigen Monaten läuft der jüngste Versuch, das Problem zu lösen. Zwar zahlt jeder Bewohner 250 Euro monatlich an die Selbstverwaltung der Freistadt, doch der Eigentümer der Grundstücke und Immobilien, der Staat, sieht seit vierzig Jahren keine Miete. Nur ihren Strom- und Wasserverbrauch bezahlen die Christianitter, auch steuerlichen Verpflichtungen kommt die Kommune seit Mitte der neunziger Jahre nach. Doch in diesem Jahr steht nun endlich auch der größte, seit Jahrzehnten schwelende Konflikt vor einer Lösung: Die Besetzer, so sieht es eine Vereinbarung vor, werden zu Eigentümern – vorausgesetzt, sie bringen die Kaufsumme von zehn Millionen Euro plus jährlich 800.000 Euro Grundstückspacht auf, ein Schnäppchen angesichts des realen Wertes.
Aber in Christiania ist niemand reich, und schon bei der Vertragsunterzeichnung war klar, dass die Bewohner die verlangte Summe nicht aus eigener Tasche bezahlen können. Die Rettung soll deshalb eine urkapitalistische Idee bringen, ausgerechnet: Christiania wird in eine Aktiengesellschaft umgewandelt, allerdings keine, die an der Börse gehandelt wird. Seit Oktober werden "Volksaktien" ausgegeben, ab 100 Kornen sind sie auch im Internet zu haben (www.christianiashare.com). Crowdfunding für ein alternatives Lebensmodell. Bisher sind immerhin 900.000 Euro zusammengekommen, nicht wenig eigentlich, doch die Zeit drängt. Bis April müssen daraus fünf Millionen Euro geworden sein, sonst platzt der Deal, und die Zukunft von Christiania ist erneut offen.
Dieser Text ist im Michael Müller Verlag erschienen.
- Datum 29.02.2012 - 08:03 Uhr
- Serie Sehenswert - Wissenswert
- Quelle Michael Müller Verlag
- Kommentare 19
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Entfernt. Bitte verzichten Sie auf polemische Kommentare. Danke. Die Redaktion/vn
Sehr langweilige und ziemlich schwachbrüstige Kritik.
Nichts für ungut..
Sehr langweilige und ziemlich schwachbrüstige Kritik.
Nichts für ungut..
Für Anleger: Die Christiania Folkeaktie gibt es hier: http://www.christianiafol...
Die Rendite dürft allerdings wohl nicht überwältigend werden.
Sehr langweilige und ziemlich schwachbrüstige Kritik.
Nichts für ungut..
Modell: Man lässt es sich gut gehen, auf Kosten der Allgemeinheit.
Man muss schon viele Augen zudrücken, um unsere Ackermänner als links-alternativ zu bezeichnen.
kann sein, sie lassen es sich gut gehen. tun das nicht auch ganz andere Kaliber? Und die sind eher in der Mitte/Rechts jeder Gesellschaft zu finden.
Ein Auto kostet in der Herstellung nur ein sechstel des VP. Gut gehen? Die Industrie mit Steuergeldern OHNE JEDE FREIWILLIGKEIT gerettet. Kartell der Mineralölkonzerne. ZDF Moderatoren. usw. usw.
Aber wenn jemand, der es brauchen kann, auf die Freiwilligkeit der anderen plädiert, dann schießen Zyniker wie Pilze aus dem Boden und finden über deren Öffentlichkeitsauftritt ein Forum für polemisches Schimpfen.
Kein Wunder, dass die wirklich Schuldigen davon kommen. Sind sie einem selbst doch so ähnlich.
Man muss schon viele Augen zudrücken, um unsere Ackermänner als links-alternativ zu bezeichnen.
kann sein, sie lassen es sich gut gehen. tun das nicht auch ganz andere Kaliber? Und die sind eher in der Mitte/Rechts jeder Gesellschaft zu finden.
Ein Auto kostet in der Herstellung nur ein sechstel des VP. Gut gehen? Die Industrie mit Steuergeldern OHNE JEDE FREIWILLIGKEIT gerettet. Kartell der Mineralölkonzerne. ZDF Moderatoren. usw. usw.
Aber wenn jemand, der es brauchen kann, auf die Freiwilligkeit der anderen plädiert, dann schießen Zyniker wie Pilze aus dem Boden und finden über deren Öffentlichkeitsauftritt ein Forum für polemisches Schimpfen.
Kein Wunder, dass die wirklich Schuldigen davon kommen. Sind sie einem selbst doch so ähnlich.
Man muss schon viele Augen zudrücken, um unsere Ackermänner als links-alternativ zu bezeichnen.
wenn ich es vermeiden kann, denn ich habe Kinder und wenn die gerade nichts benötigen, habe ich eigene Träume, für deren Finanzierung ich gerade stehe.
Wenn es sich dort so gut künstlern läßt, wäre die Vermarktung zur Finanzierung nach den Jahren für lau doch mal eine Idee.
ist bei Banken, Kommunen und etlichen anderen Sachen gleich.
Nur bei den wenigsten kann ich selbst entscheiden ob ich zahle.
Allerdings sei angemerkt, dass ein Kommune, die sich nicht selbst erhalten kann, für mich ein wenig taugliches Modell fürs alternative Dasein ist. Vielleicht sollte man eine billigere Gegend suchen, wenn man die teure nicht zahlen kann.
Ein Problem vieler alternativer Projekte ist, dass sie meist in missliebigen Gegenden entstehen: Industriebrachen, unbeliebte Häuser, Kasernengelände. Wenige scheren sich darum, deshalb werden die Projekte am Anfang oft ingoriert oder geduldet.
Mit dem Leben und Schaffen, oft verbunden mit künstlerischem Dasein, bekommen die Gegenden Aufmerksamkeit und damit allmählich wert. Menschen ziehen in die Nähe, es wird investiert. Und plötzlich ist der Fleck viel Wert und irgendwelche rechtmäßigen Besitzer melden Ansprüche an.
Eigentlich hätten die "Besetzer" das Grundstück für einen Spottpreis kaufen sollen und dann könnten sie an ihrer eigenen wertsteigernden Aktivität teilhaben. Aber "Die" Gruppe gab es da einfach nicht - viele kamen, viele gingen.
Beschmämend finde ich, wenn jemand dann schreibt: Dann sollen die sich es in einer billigeren Gegend gemütlich machen.
Nur mit dem Kauf und der Investition ist der Tot der Gegend meist vorprogrammiert - wenn auch der Sterbezyklus lange braucht wie der Wachstumszyklus - ggf. Jahrzehnte.
Naja, aber es nützt nicht, sich darüber aufzuregen - sondern seinen eigenen Vorteil daraus zu ziehen. Der Polizist, der seine Familie durch die Räumung finanziert, der Alternative der zumindest eine Weile seinem Stil an einem Ort fröhnen kann, der Entscheider, der mal wieder entscheiden darf, der Investor, der verdient. So hängen sie alle voneinander ab - und jeder entscheidet, wie der den Konflikt für sich nutzt.
Ich zum Schreiben.
Gruß,
matths
sondern durch das Umland, was zum Teil trotz der Kommune besser geworden ist.
Warum soll die Kommune von der Leistung anderer profitieren, zumal sie nicht in der Lage war, Egentumsverhältnisse zu klären.
Beschämend, wie viele Leute meinen, alles was sie als gut empfinden habe Anspruch auf öffentliche Mittel. Wie wär es selber zahlen für das was man will?
Ein Problem vieler alternativer Projekte ist, dass sie meist in missliebigen Gegenden entstehen: Industriebrachen, unbeliebte Häuser, Kasernengelände. Wenige scheren sich darum, deshalb werden die Projekte am Anfang oft ingoriert oder geduldet.
Mit dem Leben und Schaffen, oft verbunden mit künstlerischem Dasein, bekommen die Gegenden Aufmerksamkeit und damit allmählich wert. Menschen ziehen in die Nähe, es wird investiert. Und plötzlich ist der Fleck viel Wert und irgendwelche rechtmäßigen Besitzer melden Ansprüche an.
Eigentlich hätten die "Besetzer" das Grundstück für einen Spottpreis kaufen sollen und dann könnten sie an ihrer eigenen wertsteigernden Aktivität teilhaben. Aber "Die" Gruppe gab es da einfach nicht - viele kamen, viele gingen.
Beschmämend finde ich, wenn jemand dann schreibt: Dann sollen die sich es in einer billigeren Gegend gemütlich machen.
Nur mit dem Kauf und der Investition ist der Tot der Gegend meist vorprogrammiert - wenn auch der Sterbezyklus lange braucht wie der Wachstumszyklus - ggf. Jahrzehnte.
Naja, aber es nützt nicht, sich darüber aufzuregen - sondern seinen eigenen Vorteil daraus zu ziehen. Der Polizist, der seine Familie durch die Räumung finanziert, der Alternative der zumindest eine Weile seinem Stil an einem Ort fröhnen kann, der Entscheider, der mal wieder entscheiden darf, der Investor, der verdient. So hängen sie alle voneinander ab - und jeder entscheidet, wie der den Konflikt für sich nutzt.
Ich zum Schreiben.
Gruß,
matths
sondern durch das Umland, was zum Teil trotz der Kommune besser geworden ist.
Warum soll die Kommune von der Leistung anderer profitieren, zumal sie nicht in der Lage war, Egentumsverhältnisse zu klären.
Beschämend, wie viele Leute meinen, alles was sie als gut empfinden habe Anspruch auf öffentliche Mittel. Wie wär es selber zahlen für das was man will?
Kopenhagen hat wahnsinnig hohe Mieten, gebraucht werden dort nicht weitere, vollkommen überteuerte Wohnungen und Geschäftsviertel, wie die Investoren sie planen, sondern bezahlbarer Wohnraum.
Aber die konservativ-rechte möchte ja lieber auf langfristige Einnahmen verzichten, um kurzfristige zu erhalten. Und somit - wie in vielen deutschen Kommunen geschehen - Geld zu verbrennen... es ist ja nicht das eigene...
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