Timo Müller in der Mongolei © Timo Müller

Mein Ziel sind 21.000 Kilometer mit dem Fahrrad von Deutschland nach Australien. Am Ende sollen 21.000 Euro an Spendengeldern für Amnesty International zusammenkommen – ein Euro für jeden gefahrenen Kilometer.

Die erste Nacht verbringe ich in den Tiefen eines Birkenwaldes. Es ist die erste Nacht von vielen. In einer anderen Nacht lässt mich ein älteres polnisches Ehepaar in ihrem Garten übernachten. Am nächsten Morgen sitze ich mit ihnen am Frühstückstisch und esse, so viel ich nur kann.

Ich fahre weiter. Ich friere, fühle mich schwach und alleingelassen. In Sibirien beginne ich langsam, mich an die Einsamkeit zu gewöhnen. Später ist das kein Problem mehr und andere Dinge werden wichtiger: Die Räder bleiben im Sand der Wüste Gobi stecken. Bei 30 Grad muss ich mein Rad kilometerweit schieben. Aber ich erlebe dort auch wunderbare Momente voller Stille.

Anders in China. Wo ich auch hinschaue, Menschen. Sie sind überall. Sie strömen in Massen an mir vorbei. Nach den Ländern Südostasiens ist Australien die letzte Etappe. Rote Erde, bleichgrüne Eukalypten, dürre Sträucher, mannshohe Termitenhügel, flirrende Hitze und eine asphaltierte Straße, die schnurgerade in einen knallblauen Himmel führt. Das menschenleere Outback: Sonne, Wind und Monotonie graben sich in mein Gemüt.

Neben der Kette müssen während der Reise auch Körper und Geist geölt werden. Im australischen Pub zum Beispiel: An der Bar sitzen stoppelbärtige Gesellen, an den Wänden kleben Ansichts- und Visitenkarten, auf den Tellern liegen schwarz gegrillte Steaks und das Bier fließt in Strömen.

In Sydney bin ich endlich am Ziel und steige Ende Mai 2007 nach 14 Monaten auf dem Sattel überglücklich ins Flugzeug nach Deutschland. Ich fahre von Frankfurt die letzten Kilometer nach Braunschweig und schließe meine Mutter in die Arme. Heimat!

Diese lange Reise war mit Abstand das prägendste Erlebnis meines bisherigen Lebens. Blauäugig, naiv und auch ein wenig übermütig war ich damals. Aber voller Zuversicht machte ich mich auf den Weg, um ein Zeichen im Namen der Menschenrechte zu setzen. Zeichen sind natürlich keine Revolutionen. Sie schaffen es nicht, die Welt umzukrempeln, aber sie hinterlassen Spuren in den Köpfen.

Lokale und bundesweit erscheinende Nachrichtenblätter sowie Fernsehsender in Polen, Russland und der Mongolei berichteten über meine Radreise. Ich suchte Zugang zu jüngeren Menschen, um sie zu ermutigen, eigene Träume zu leben und sich für das Gemeinwohl einzusetzen. Träume auch Du, lautete meine Botschaft.

Timo Müller betreibt ein eigenes Blog, auf dem die ausführlichen Tagebucheinträge seiner Reise erschienen sind.