Gekürzte Fassung aus National Geographic Deutschland, Ausgabe Februar 2012, www.nationalgeographic.de

Der 25-jährige Sozialarbeiter Farouk Youssoufa machte seiner 20-jährigen Frau Mina an der Plage de Corbière den Hof, heute gehen sie häufig zur Plage du Prado. Farouk wurde auf einer Komoreninsel geboren, zwischen Tansania und Madagaskar, und seine Haut ist so schwarz wie die der meisten Afrikaner. Mina dagegen ist hellhäutig. Sie wurde in Frankreich geboren, als Tochter algerischer Einwanderer.

"Die neue Generation ist viel mehr durchmischt", sagt Farouk, der in einem der härteren Viertel im Norden von Marseille mit Jungen und Mädchen jeder Hautfarbe und Herkunft arbeitet. "Vor allem an den Stränden gibt es viele verschiedene Gruppen – aber sie vertragen sich und haben Spaß miteinander", sagt er.

"Voila: Wir haben gelernt zusammenzuleben. Doch das bunte Treiben am Meer reicht nicht bis in den urbanen Alltag. Es gibt auch jede Menge Rassismus in Marseille", sagt Mina. Ist Marseille also tatsächlich ein Beispiel für kosmopolitische Harmonie – oder doch eher eine Gesellschaft kurz vor dem Aufruhr? Die durchaus unangenehme Antwort lautet: Marseille ist beides.

Die Herausforderung für jede Stadt mit hohem Migrantenanteil ist nicht die erste Einwandererwelle. Es kommt darauf an, ob sich Kinder und Enkel eingliedern. Das Rathaus wandte sich 1990 an die religiösen Oberhäupter der Stadt, um "Marseille Espérance" ("Hoffnung Marseille") ins Leben zu rufen, einen Verbund jüdischer, christlicher, buddhistischer und muslimischer Persönlichkeiten, um die Stadt durch diverse Krisen zu steuern.

Die Kommune hat dabei eng mit den religiösen Führern kooperiert, um die Ruhe auf den Straßen zu bewahren. Die Stadt fördert auch religiöse Rundfunksender, Friedhöfe und Bürgervereine. Solche Bündnisse zwischen der Verwaltung und den Religionsgemeinschaften mögen vielleicht der französischen Staatsräson widersprechen, aber in Marseille ist Pragmatismus gefragt. Geographisch wird die Stadt nicht nur von der Lage am Mittelmeer begünstigt.

Marseille hat das Glück, von einer Bergkette umgeben zu sein. Einwanderer und Alteingesessene mussten lernen, mehr oder weniger übereinander zu leben. In den 30 Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg – les trentes glorieuses, wie die Franzosen sie bezeichnen –, in denen die rasch wachsende Wirtschaft ausländische Arbeiter für ihre Fabriken brauchte, wurden im Umland vieler französischer Städte Wohnblocks hochgezogen. "Wir hier haben das Gegenteil getan", sagt Bürgermeister Gaudin: "Wir haben in der Stadt gebaut."

Sorgen bereitet manchem in Marseille nicht das Menetekel einer Talibanisierung, wie es von rechten Politikern an die Wand gemalt wird, sondern eine schleichende Islamisierung der überwiegend zur Arbeiterschaft zählenden Bevölkerung – nicht nur bei Menschen mit Migrationshintergrund. "Ich habe den Eindruck, dass die islamische Kultur bei den unteren Bevölkerungsschichten definitiv auf dem Vormarsch ist", sagt Michèle Teboul, die Präsidentin der provenzialischen Sektion des Conseil Représentatif des Institutions Juives de France CRIF, dem Dachverband jüdischer Institutionen in Frankreich. Es gebe viele Mischehen mit Muslimen. "Aber das ist doch echte Integration?", sage ich. "Das trifft zu, wenn sich beide Kulturen wirklich vermischen", erklärt Teboul, "aber nicht, wenn eine Kultur die Oberhand gewinnt."

In Frankreich glaubten viele, die Säkularisierung und ein Übermaß an politischer Korrektheit hätten die Gesellschaft geschwächt. "Die Liebe zum Vaterland, die Liebe zur Heimat, ein Wertesystem, sei es religiös oder anders, ist durch die politisch Wohlmeinenden ins Abseits gedrängt worden", sagt Teboul. "Das hat zum Zerfall von Familien beigetragen, weil sie keine Bezugspunkte mehr haben, besonders wenn sie unterprivilegiert sind."

Der Islam biete all jenen, die sich entwurzelt fühlen, Sinngebung und Halt, davon sei sie überzeugt. Viele junge Muslime wären überrascht, wenn sie Teboul hörten. Sich an islamischen Traditionen festzuklammern, empfinden sie als sinnlos, da sie längst in einer Welt vermischter Kulturen leben. Politisch spielt diese Generation kaum eine aktive Rolle. Eine alte Garde früherer Einwanderer beherrscht die lokalen Seilschaften.

Farouks Ehefrau ist eine der Ausbilderinnen in dem Jugendzentrum. Ich frage sie, ob sie je erwogen hat, ein Kopftuch zu tragen. "Eigentlich schon", sagt sie und überrascht mich damit. "Aber erst, wenn ich älter bin. Mit 40 vielleicht." Es klingt wie eine ferne Zukunft. Wie wird Marseille dann sein? Vielleicht ist es die erste westeuropäische Stadt, in der es eine Bevölkerungsmehrheit mit muslimischer Herkunft gibt. Andere Städte werden dann so viele muslimischstämmige Einwohner haben wie Marseille heute, und die meisten werden eigene mühsame Experimente mit der Integration gemacht haben. Aber auch in 20 Jahren werden die Strände am Mittelmeer noch überfüllt sein. Und es ist schwer vorstellbar, dass sich ihre Besucher je als etwas anderes bezeichnen werden denn als Bürger von Marseille.  

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